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Dresdens Stadtschreiber lässt die Hecke wuchern

Premiere für das „Signum“-Sommerheft mit Peter Wawerzinek Dresdens Stadtschreiber lässt die Hecke wuchern

Als Dresdner Stadtschreiber hat man eine Menge um die Ohren. Einen Eindruck davon hat Peter Wawerzinek jetzt zur Premiere des neuen Sommerheftes der Literaturzeitschrift „Signum“ in der Villa Augustin vermittelt. Er hat uns in seine Textwerkstatt schauen lassen.

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Peter Wawerzinek

Quelle: Foto: dpa

Dresden. Als Dresdner Stadtschreiber hat man eine Menge um die Ohren. Einen Eindruck davon hat Peter Wawerzinek jetzt zur Premiere des neuen Sommerheftes der Literaturzeitschrift „Signum“ in der Villa Augustin vermittelt. Er hat uns in seine Textwerkstatt schauen lassen. Da liegt Material in Hülle und Fülle, erst mal so runtergeschrieben, ganz spontan. „Notizen“ nennt er das. Man hat den Eindruck, hier will ein Autor erst einmal möglichst viel festhalten von all dem, in das er sich mitten hineinwirft. Was wichtig, was nebensächlich ist, mag sich später erweisen.

Es sind Beobachtungen, die Erinnerungen auslösen, Begegnungen, die Assoziationen lostreten, Kleinigkeiten, Zitate, Phantasien, Wortspiele in dichter Folge. Ein ausuferndes, energiegeladenes, sprunghaftes Textgebilde. Was die meisten als selbstverständlich hinnehmen, darüber wundert sich dieser Beobachter. Über ein Konzert mit Mozartmusik zum Beispiel, vor einem Autowerk, einem gläsernen, das sie Manufaktur nennen. Dafür findet er so herrliche Formulierungen wie „künstliche Auto-Gebäranlage“. Er schreibt ein Lied, in dem er jedes e in ä umwandelt, über die Fremden, unsere Vorurteile ihnen gegenüber. Klingt schon ein bisschen sächsisch.

Dresden vergleicht er mit seiner Klasse damals: Zwei Rüpel genügten, schon hatte sie ihren Stempel weg als Haufen von Rabauken. Er macht sich Gedanken über die Möbel in der Stadtschreiberwohnung, wie er sein Fahrrad im Zug von Berlin nach Dresden bekommt und dort dann im Fahrstuhl in die oberste Etage. Rohmaterial ist dies. „Am Ende werden das vielleicht dreihundertfünfzig oder vierhundert Seiten“, sagt er. „Die lasse ich erst mal liegen, dann gehe ich mit der Heckenschere ran und schneide es zu Figuren. Vielleicht werden Häschen oder so was draus.“ Aber vorläufig darf’s wuchern.

Dass sich das, worauf es ankommt, im Kopf vollzieht, beweist Peter Wawerzinek in seinen Texten, mit denen er im neuen „Signum“-Heft schon vertreten ist: „Landeskunde“ nennt er sie im Untertitel, Städtenamen stehen über jedem. Aber es sind alles andere als Beschreibungen. „Orte oder Sentimentale Reisen allein nur im Hirn“ hat er dem als Titel gegeben. Surreal gefärbt ist das Ganze. Da wandert ein Mann in seiner Finnlandhütte, möchte eine Frau in Japan frühe Kindheitsträume durchschreiten, üben Kellner auf der Herrentoilette das „kundengerechteste Lächeln“ – eine Reise durch eine verrückte Welt.

Zwischen den atemlos kurzen, manchmal flapsigen Sätzen findet man prägnante Bemerkungen über die Gegenwart: „Alles kann passieren. Das große Nichts läuft auf Touren. Es gibt keine Tabus.“ Oder: „Der Zeitgeist verlangt halt, dass man gegen seine eigenen Gesetze verstößt. Also laut denkt. Nicht philosophiert.“ Gelegentlich gibt Peter Wawerzinek Bekenntnisse ab: „Wer Kunst lebt, braucht kein Büro.“

Michael Wildenhain, sein Vorgänger im Stadtschreiberamt, meldet sich in der Zeitschrift noch einmal mit „Schöneberger Splittern“ zu Wort. Ansonsten kann man sich mit neuer sorbischer Prosa vertraut machen. Die fünf ausgewählten Texte stammen allesamt von Frauen, geboren zwischen 1953 und 1996, Autorinnen, die in zwei Sprachen zu Hause sind.

In einem philosophischen Essay fragt Günter Gentsch: „Passt die Utopie noch in unser Zeitalter?“ Er jedenfalls hält Überleben nur für möglich, wenn „die Menschen“ mit Vernunft, Altruismus und „vor allem ihrer weit ausgreifenden Phantasie gegensteuern“.

Und schließlich wird die „Reihe neue Lyrik“, die seit 2011 im Verlag poetenladen erscheint, kritisch unter die Lupe genommen. So scharf, dass der Verfasser vorsichtshalber hinter dem Pseudonym „Giebold Hauser“ in Deckung gegangen ist.

Signum. Blätter für Literatur und Kritik. 17. Jg., Heft 2, Sommer 2016. Hrsg. von Norbert Weiß, Verein Signum. 168 S., 8,20 Euro.

Von Tomas Gärtner

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