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Dresdens Flanschrockfestival "Umsonst & Draußen" hat ein neues Gelände und großen Zulauf

Dresdens Flanschrockfestival "Umsonst & Draußen" hat ein neues Gelände und großen Zulauf

Es ist wie ein Pilgerweg: Hunderte junge Leute schlendern von der Haltestelle an Heimatsender und Armeemuseum die kaum befahrene Stauffenbergallee westwärts entlang, teils mit Rad, großteils zu Fuß, in Gruppen oder Paaren gern auch beides - denn der Rückweg vom Hechtpark hoch über den zu heißen Partyvierteln zurück in die Stadt lässt sich rollend gut genießen.

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The Fryology brachten straighten Punk aus Jena mit in den Hechtpark.

Quelle: Andreas Weihs

Der Grund ist ein arteigenes Festival: "Umsonst & draußen", vom Veranstalter mit "u&d" abgekürzt und mit dem Zusatz Flanschrockfestival versehen. Das bedeutet: draußen austrinken, umsonst reinkommen und drin per Umsatz das Fest reamortisieren.

Während der Überbegriff seit den Siebzigern deutschlandweit verbreitet ist, kommt der Zusatz dresdentypisch daher, weil die Ideengeber auch als Trio Die Flanschies auftreten, jedes Jahr das Festival eröffnen und sich passende Bands einladen, gern aus der Region und natürlich als Freeshow. Der achte Jahrgang 2015 des vom Neustädter Verein "artderkultur" - der seit vier Jahren im neuen Domizil die Veränderbar auf der Görlitzer betreibt - veranstalteten Ereignisses hatte einen neuen Ort gefunden, den das Publikum sofort annahm: eine lauschige Wiese gegenüber der langen, weißen Ex-Kasernen.

Am Donnerstagabend gab es dort zur Einstimmung live vertonte Kurzfilme von Kit Fuchs und SchönfeldDieterWehrenpfennig, am Sonnabend den Familientag mit neun Stunden Programm - von einer Sonderausgabe der veränderbaren Lesebühne namens Phrase IV bis hin zu Berliner Noise Rock von Van Urst zum Abschluss.

Dazwischen der spannendste Freitag. Hier offenbarte sich die Idee von "artderkultur", sich der Initiative "Gemeinsam:Bmecte" anzuschließen - bei der der Zusatz "gegen den dritten Weltkrieg" noch fehlt, aber mitschwingt - als gelungen. Es traten, direkt nach den Flanschies, die Stepanovs Starlings aus Dresdens russischer Partnerstadt auf und boten explosiv-optimistischen Zen Punk, was den späten Gästen leider entging und den folgenden Bands das Leben schwerer machte.

Am ehesten konnte noch Apoa auffallen, ein Trio aus Dresden und Freiberg, das seit sechs Jahren zusammenspielt und - dank urlaubsbedingten Schlagzeugerersatz - danach auf die Boulevard-Schlagzeile hoffte: "Apoa können auch mit B-Trio vor 1000 Menschen überzeugen". Doch das wird nix, weil das Gelände nur 600 Leute fasst. Überzeugen taten sie - bei vagem Beifall - dennoch, zumindest mehr als die folgenden. The Fryology aus Jena arbeiteten auf der ebenerdigen B-Bühne geraden Punk ab, das Duo Fizzt lieferte nur mit Gitarre und Schlagzeug eine eigenwillige Form von Artrock ab, deren Vorbilder sie in alten Plattenschränken gefunden haben müssen. Beides riss keinen vom Hocker, zumal ein Großteil der Gäste sitzend oder liegend chillte.

Schade für Musikfreunde ist, dass sich die meisten der neuen Combos bei der medialen Vermarktung ihrer Werke auf die Netzgiganten verlassen. Vermutlich ohne die Rechtefrage zu kennen. Echt eigene Netzseiten werden zunehmend zu Raritäten - und von der Präsenz der Veranstalter funktioniert auch nicht jeder Link. Jeder, der die weltweiten, uramerikanischen Datenkraken aus guten Gründen - vor allem der nachträglichen, aber unmerklichen Zensur - als Weihwasser fürchtet, guckt derart bei der Vorbereitung der Abende in die Röhre. Und findet man etwas, so wie bei den Gastgebern, die man gerne viel weiter hinten hätte spielen sehen wollen, dann wartet dort der Hinweis auf das Vorjahresfestival plus die BRN 2014.

Aber die meisten kommen sowieso wegen der Idee her und der korrekten Nahrungskette - den heißen Hund gibt es vegan, das glückliche Biosteak frisch vom Grill herrlich fasrig, aber schon für nette 3,50. Der Beifall für die Bands blieb in der Regel höflich, der Einpeitscher hatte einen schweren Stand, auch exzessiv getanzt oder gar gerockt wurde eher wenig. Selbst die meisten Liegenden erhoben sich nicht, wenn auf einer der beiden Bühnen Musik einsetzte. Das lag auch am Festivalgelände, das geräumiger und übersichtlicher erscheint als das bisherige an der Garnisonkirche.

Ein Erlebnis auch die Ameisenarbeit am Bierstand. Für zwei Euro gab es Bier, rote Faßbrause und Potsdamer - auf Nachfrage der Aha-Effekt: "ein Gemisch von beiden." Die Theke war dicht umringt, ständig kamen neue der über 60 ehrenamtlichen Helfer, die das Gelände ganz ohne Sicherheitsdienst im Griff hatten - und von denen etliche von Dienstag bis Dienstag für das Festival im Einsatz sein werden -, um per 1:1-Konstellation zu den Gästen deren Bierdurst zu stillen.

Die ganze Atmosphäre - die härtesten Worte fielen beim Kampf um den eigens beleuchteten Tischkickertisch genau in der Mitte des Geländes - hatte etwas Zuversichtliches in Form eines unaufgeregten, ausgeruhten Publikums, das die Mär vom Fachkräftemangel in ihre Ursache - unfaire Arbeitsverhältnisse - zurückweist.

So dauert draußen, als die laute Musik um Mitternacht verklingt, das religionsfreie Jugendpilgern weiter an - nun in beide Richtungen. Das Frischluft-Festival ist zwar kostenlos, aber nicht umsonst. Es ist ein Fest für die, denen selbst der Schaubudensommer zu expansiv für den Zwiebellederbeutel gerät und der eigentlich ein Pflichttermin für sub- wie soziokulturelle Verantwortungsträger zur Umschau unter der eigenen Klientel wäre - jener, die (zum Glück noch) fried- und genussvoll abhängen. Am dritten Juliwochenende 2016 soll die neunte Edition locken.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.07.2015

Andreas Herrmann

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