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Dresdens 21. Stadtschreiber Peter Wawerzinek erobert sein Publikum im Sturm

Vorstellung Dresdens 21. Stadtschreiber Peter Wawerzinek erobert sein Publikum im Sturm

Peter Wawerzinek, Dresdens neuer Stadtschreiber, der einundzwanzigste mittlerweile, hat sich in der Hauptbibliothek nicht einfach vorgestellt – er hat sein Dresdner Publikum im Sturm erobert.

Peter Wawerzinek bei seiner Antrittslesung als Dresdens Stadtschreiber in der Hauptbibliothek im WTC.

Quelle: Tomas Gärtner

Dresden. Was für ein Auftakt. Peter Wawerzinek, Dresdens neuer Stadtschreiber, der einundzwanzigste mittlerweile, hat sich in der Hauptbibliothek nicht einfach vorgestellt – er hat sein Dresdner Publikum im Sturm erobert. Es hat in der Reihe der Stadtschreiber Eremiten gegeben, die zeigten sich zu Beginn kurz und tauchten umgehend ab in Klausur. Irgendwann, lange nach ihrem Aufenthalt, hörten wir dann womöglich von einem neuen Buch und dass daran in Dresden geschrieben worden war. Wawerzinek scheint zu den anderen zu gehören, die sich ganz auf die Stadt einlassen, unter uns sind, sich zu Wort melden.

Wir werden von ihm lesen, das hat er versprochen. Schon hat er Stoff gesammelt in Fülle, auf Spaziergängen, nicht nur am Montag, dem Wandertag der unentwegten Patrioten, hat Augen und Ohren aufgesperrt. Mit gewaltiger Neugier ist er in diese Stadt gekommen, die andernorts wie in einem Pawlowschen Reflex nur noch als Pegida-Hochburg wahrgenommen wird. Er war ja noch gar nicht hier, da rannten ihm Journalisten von Radio, Fernsehen und Zeitungen die Tür ein: „Jeder will wissen, wie ich Pegida entgegentrete, sie stoppe.“ Rückzug in die Klause, die Pieschener Stadtschreiberwohnung? Ausgeschlossen. „Ich kann gar nicht im Elfenbeinturm sitzen. Ich stehe ja selber unter ständiger Beobachtung.“

Gestern ist im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden zum letzten Mal – „vorerst“, wie es hoffnungsvoll einschränkend hieß – die Dramatisierung seines Romans „Rabenliebe“ über die Bühne gegangen. Mit diesem Text, der einem die Seele umpflügt, ist er im Grunde schon seit der Uraufführung im Oktober 2015 in der Stadt. Denn da steckt sein Leben drin, das mit der denkbar tiefsten Verwundung beginnt: 1956, zwei Jahre nach seiner Geburt, lässt seine Mutter ihn und seine Schwester in der Wohnung in Rostock zurück und geht in den Westen. Er wächst in Kinderheimen auf, dann bei Adoptiveltern. Er lernt Textilzeichner. Später geht er nach Berlin. Aus dem Studium an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee werden nur zwei Semester. Aber er fasst Fuß im Prenzlauer Berg. Nicht als Schreiber unverständlich verquaster Poststrukturalisten-Poesie, sondern als der „Schappy“, der sie aus dem Stegreif parodiert, ein Außenseiter unter diesen Außenseitern des Literaturbetriebs. Ein poetischer Gaukler, Schriftsteller ohne Buch. Das erste, der Roman „Nix“, erschien 1990.

Sicher, er schreibt – „automatisch“, sagt er, „wie ein Auto, das dauernd läuft“. Aber die geschriebenen Sätze sind bei ihm nicht alles. Wahrscheinlich sind sie eine Partitur, die erst in der Intonation zum Eigentlichen wird. Ehe er Autor wurde, war er Performer. Das ist er bis heute geblieben.

Es muss da so eine Art Erweckungserlebnis gegeben haben. Das geschah, als er elf war. Und es war eben kein Buch, sondern eine Stimme: die des walisischen Dichters Dylan Thomas (1914-1953). Die hörte er heimlich frühmorgens im Radio. Und ehe er die englischen Worte verstehen konnte, setzte sich deren Klang in seinem Ohr fest. Man kann das in seinem jüngsten Buch nachlesen, „Ich – Dylan – Ich“; eher ein leidenschaftliches Bekenntnis denn ein „Roman“. Entdeckung einer tiefen Verwandtschaft, die Neigung zum exzessiven Trinken inklusive. Darüber hatte er mit „Schluckspecht“ schon ein Buch geschrieben.

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Quelle: Cover

Besser, man liest „Ich – Dylan – Ich“ sich oder andern laut vor. Am besten: Man hört Wawerzinek selber zu, wie bei seiner Antrittslesung. Denn die eigentliche Energie entfaltet sich im Sprechen. Texte wie diese wollen nicht stumm rezipiert, sondern aufgeführt werden: „Ich schreibe den Text, dann wird ein Buch aus dem Text, und dann werde ich mit dem Buch zu Lesungen eingeladen. Und erst dort kann ich den Leuten zeigen, was sonst noch so alles in den Text eingebaut worden ist, welche Emotionen mitschwingen, die sonst überlesen werden.“ Das gehört also alles dazu: Flüstern, Atmen, verängstigtes Stottern, den Faden verlieren, wieder zu sich zurückzufinden.

In diesem Buch können wir nachvollziehen, wie gesprochene Literatur zu einem Stück des eigenen Lebens wird; bei allen Unterschieden: „Ich bin kein Dichterkönig, wie du in Wales einer geworden bist. Ich wurde ein recht guter Parodist.“ Gleichviel, dichterisches Sprechen, das begreifen wir hier, überwindet Raum und Zeit. Und kann das Größte werden – Teil der eigenen traumatisierten Existenz: „Dylan, deine Stimme wurde zu dem, was mir Mutter und Vater sein hätte können.“ So aufgedreht, so mitreißend erzvergnüglich Peter Wawerzinek sein kann, das tief Dunkle ist auch hörbar. Aber so, zeigt er uns, ist das Leben: herzzerreißend tragisch und zum Brüllen komisch.

Irgendwann, hat er versprochen, kommt ein Buch, und „Dresden“ wird auf dem Titel stehen. Ohne Anlauf zu nehmen, wirft sich dieser Autor mit ganzer Energie in die Stadt. Und überlegt bereits, ob er nach einem halben Jahr als Wahldresdner das Recht erwirbt, zum Nestbeschmutzer zu werden. Die einen werden ihn beschimpfen, die andern ihn feiern – wie jetzt bei der Antrittslesung. Ergiebig dürfte es auf alle Fälle werden.

Peter Wawerzinek: „Ich – Dylan – Ich“. Verlag Wortreich, Wien. 160 S., 19,90 Euro

Von Tomas Gärtner

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