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Dresden mit den Augen eines Geächteten: Stadtarchiv zeigt Bilder von Matthias Neumann

Dresden mit den Augen eines Geächteten: Stadtarchiv zeigt Bilder von Matthias Neumann

40 großformatige Fotografien. Wer Dresden kennt, dem zeigen sie Wohlvertrautes. Im Zentrum immer wieder die Elbe, die Lebensader der Stadt. Und das Blaue Wunder als eines ihrer berühmtesten Wahrzeichen.

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Matthias Neumann mit seiner Frau Therese

Quelle: Repro

Der verwendete Schwarz-Weiß-Film unterstreicht das Spiel von Licht und Schatten, den Anblick verfallender Bausubstanz, aber auch deren morbide Schönheit.

Als Matthias Neumann 1983 in Gummistiefeln und Wattejacke mit seiner Kamera durch Blasewitz und Loschwitz streift, ist es ein Abschied von der Heimat, die er ein Jahr später verlassen wird. Erst 25 Jahre später kehrt er mit seiner Frau zurück. Aus dem unbequemen Lebenskünstler ist inzwischen ein erfolgreicher Kameramann geworden. Bereits schwerkrank, sind ihm jedoch nur noch wenige Monate in der Heimat vergönnt. Er stirbt 2008, mit nur 63 Jahren – und hinterlässt seiner Witwe mehr als 1000 Fotografien. Der tatsächliche Wert dieses Werkes erschließt sich jedoch erst über die Umstände seiner Entstehung.

„Es hätte ihm gefallen, dass man diese Bilder in Dresden zeigt, auch wenn er es selbst nicht mehr erleben kann.“ Die Frau, die das sagt, ist Therese Neumann, die heute in Bühlau lebt. Über den Verlust ihres Mannes zu sprechen, fällt der 70-Jährigen noch heute schwer. „Wir waren immer ein tolles Team, haben viel zusammen gemacht.“ Seinen umfangreichen Nachlass übereignet sie 2009 dem Dresdner Stadtarchiv. Es sei gut, sich zu erinnern, sagt sie. Und so ersteht in Therese Neumanns mit heimelig knarzenden alten Möbeln eingerichtetem Wohnzimmer eine Dresdner Biografie mit schmerzhaften Zäsuren.

Als sich beide 1969 beim Tanz im Parkhotel kennenlernen, ist sie 27, Mutter einer siebenjährigen Tochter und frisch geschieden. Beide sind in der christlichen Gemeinde aktiv, stammen aus gebildeten Elternhäusern. „Mein Mann ist in Blasewitz aufgewachsen. Ein wunderbares Viertel, in dem die alten bürgerlichen Strukturen mit Handwerk und Geschäften die Zeitenwende überlebt hatten.“ Matthias Neumanns Vater betreibt hier eine Filzfabrik, in der auch der Sohn nach Ende des Studiums zunächst arbeitet. Schon damals habe er ein Faible für Film und Fotografie gehabt, erinnert sich seine Witwe. Als der Familienbetrieb 1972 verstaatlicht wird, ist dies der Anfang einer Reihe von Ereignissen, die in dem jungen Paar die Entscheidung reifen lassen, der DDR den Rücken zu kehren.

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Therese Neumann

Quelle: Jane Jannke

Als Therese Neumanns Vater stirbt, verliert die Familie ihren „Arbeiterstatus“, wie sie sagt. „Nun brauchte man keine arische Großmutter mehr, sondern eine proletarische. Und die hatten wir nicht.“ Was das bedeutet, erfährt die damals 13-Jährige schmerzhaft in einem Schulsystem, das noch von der Stalin-Ära geprägt ist. Später wird sie selbst Lehrerin. Den Spagat zwischen Systemkritik und Lehrauftrag schafft sie mit Einfallsreichtum. 15 Jahre geht alles gut, dann werden ihre eigenwilligen Lehrmethoden lästig. „Mein Chef wollte, dass ich Pionierleiterin werde, um mich so unter ständige Kontrolle der FDJ zu stellen. Er wollte mich fertig machen.“ Zur Strafe will man sie als Aufwäscherin in die Produktion schicken. Die Eltern ihrer zweiten Klasse kommen ihr mit einer Petition zu Hilfe – Mitte der 70er-Jahre unglaublich mutig. „Ich hätte es verstanden, wenn sie es nicht getan und ihre Kinder geschützt hätten“, sagt sie heute.

Trost und Kraft findet sie bei Matthias Neumann, den sie 1976 heiratet, und dessen Familie. Doch das Gefühl des Eingesperrtseins bei beiden wächst. Als die Tochter Ende der 70er-Jahre zu ihrem französischen Freund in die BRD ausreist, nehmen die Schikane zu. Man drängt das Paar, einer Partei beizutreten. Doch sie bleiben standhaft: „Was sollte ich denn dort? Viele haben es einfach gemacht. Aber das war nie unser Weg.“ Verbittert beantragen sie 1981 die Ausreise. Drei Jahre müssen sie warten. Drei Jahre, in denen sie Geächtete sind. Selbst Therese Neumanns Schwester wendet sich damals von ihr ab. In dieser Zeit wagt Matthias Neumann erste Schritte als Kameramann - „bei einem Filmemacher, der 'Ausreisis' beschäftigen durfte“, so Neumann, und in ihrer Stimme schwingt die alte Bitterkeit mit. Therese Neumann will nicht verurteilen, zeigt sogar Verständnis für jene, die aus Überzeugung an Staat und System hingen, einem System, an dem ihr Mann und sie selbst fast erstickten.

Mit Zorn und Wehmut beginnt Matthias Neumann 1983 mit einer 6x6 Mittelformatkamera, seine Umgebung im Bild festzuhalten. „Er sagte immer: Ich muss das festhalten, etwas mitnehmen, sonst kann ich nicht gehen“, erinnert sich die Witwe. Unter Lebensgefahr steigt er in die Höhen des Blauen Wunders, fotografiert das Bauwerk selbst etliche Male. Ein riskantes Unterfangen, denn Brücken dürfen als militärisch relevante Objekte zu DDR-Zeiten nicht fotografiert werden. 40 Negative schicken Neumanns getarnt als Briefpapiersendungen an Verwandte im Westen. „Wären wir aufgeflogen, wären wir ins Gefängnis gekommen“, erzählt Therese Neumann. Doch es klappt.

Im Rheinland fangen beide 1984 neu an, vereint mit Tochter und Enkelin. Matthias Neumann erhält zunächst eine Stelle beim ZDF, arbeitet später als Kameramann beim Südwestrundfunk. 1987 sind Neumanns traurig-schöne Dresden-Motive erstmals in einer Ausstellung zu sehen, drei weitere sowie im Jahr 1990 das begleitende Buch „Im Schatten des Blauen Wunders“ folgen. Als Neumann kurz nach der Rückkehr des Paares 2008 nach Dresden stirbt, bleibt für seine Witwe die Furcht vor der Einsamkeit. „Aber ich war überrascht, selbst nach 25 Jahren in unserem Blasewitz viele der alten Strukturen vorzufinden. Viele Freunde von damals wohnten immer noch hier.“

„Dresden im Schatten des Blauen Wunders“, Fotografien von Matthias Neumann, 19.2.-19.4. im Stadtarchiv, Elisabeth-Boer-Straße 1.

Jane Jannke

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