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Dresden-London und zurück: Zum 100. Geburtstag des Malers Walter Nessler

Dresden-London und zurück: Zum 100. Geburtstag des Malers Walter Nessler

Seine frühen Werke hätten durchaus in die vor wenigen Tagen beendete Ausstellung "Neue Sachlichkeit in Dresden" gepasst. In jungen Jahren mit Erich Lindenau, Christian Neisser, Hansheinrich Palitzsch und Horst Saupe befreundet, ebenso mit Hans und Lea Grundig gut bekannt - die Ateliers befanden sich im selben Haus in der Ostbahnstraße -, pflegte auch Walter Nessler eine von der Neuen Sachlichkeit inspirierte Handschrift.

Beeindruckt war er besonders von Hans Grundig, wohl auch von Woldemar Winkler. An der von diesem seit 1929 geleiteten privaten Kunstschule Simonson-Castelli studierte der am 19. Januar 1912 in Leipzig Geborene 1934/35 Malerei. Wenig früher hatte Nessler von 1927 bis 1929 die Kunstgewerbeschule absolviert.

Es hat etwas von einer Vorahnung, dass er 1935 Bilder wie "Die Englische Kirche", die in der Nähe seines Ateliers stand, oder "Dresdner Traum" schuf (Letzterer 1991 vom MDR erworben). Überliefert sind nur wenige der Gemälde dieser Zeit, wurde doch das Frühwerk wie bei zahlreichen anderen Dresdner Künstlern großteils Opfer des Bombenangriffs vom 13. Februar 1945.

Urlaub ohne Rückkehr

Da lebte Nessler schon jahrelang in der englischen Emigration. Dem Freigeist, der gefühlsmäßig eher links, vor allem antifaschistisch gesinnt war, schien es 1937 geraten, Deutschland zu verlassen. Nessler, der unter anderem für Kaufhäuser arbeitete und Kulissen, etwa für die Aufführungen der Tanzcompany von Mary Wigman, fertigte, hatte dort die englische Tänzerin Prudence Ashbee kennen gelernt. Mit ihr - inzwischen seine Verlobte - reiste er 1937 zu einem "Urlaub" nach Großbritannien - Rückkehr nicht geplant.

Im gewiss eher schmalen Gepäck hatte er potenziell Gefährdendes: seine 1936 entstandenen Illustrationen zum "Schwalbenbuch" von Ernst Toller, der seit der Bücherverbrennung 1933 zu den Verfemten gehörte und in den USA im Exil lebte (eine Veröffentlichung gelang dank Erich Fried allerdings erst 1989, während die Originale sich seit 1998 im Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden befinden). Ebenfalls im Koffer waren sein 1937 geschaffenes, karikierendes "Hitler-ABC" sowie Radierungen Grundigs, die mittels Nessler nach Paris und Zürich gelangten. Eine für Lea Grundig Ende August 1939 durch ihn erwirkte Einreiseerlaubnis blieb wegen des Kriegsbeginns leider unwirksam. Dieser stellte auch Nessler vor neue Prioritäten: Wie alle deutschen Emigranten 1940 als feindlicher Ausländer interniert, diente er fortan als Freiwilliger im Pioneer Corps der britischen Armee. Nur selten konnte er, etwa bei Stationierungen in Frankreich und Belgien, malen.

Intensiver wurde sein Schaffen wieder ab Ende der 1940er Jahre. Von 1948 bis 1953 im Auftrag der Londoner Malborough Gallery häufig länger in Paris, hatte er hier zahlreiche Begegnungen mit bedeutenden Künstlern wie Picasso, Cocteau, Giacometti und Matisse - und malte. Vieles Erfahrene begleitete ihn auf der künstlerischen Suche, regte ihn zum Experimentieren an. So bezog er beispielsweise Sand in seine Ölmalerei ein. In den 1960ern - dies entsprach dem Trend zu Materialbildern - entdeckte er, angeregt vom befreundeten Fred Kormis, Polyester als Mittel, in das er Fundstücke einband. Die so entstandenen Bilder zeigen durchaus einen Hang zum Surrealen.

Die 1950er Jahre hatten Walter Nessler insgesamt neue Perspektiven eröffnet: Seit 1953 in zweiter Ehe mit der österreichischen Emigrantin Erica Ullmann verheiratet, wurde ab 1957 ein Atelierhaus in West Hampstead Wohn- und Arbeitsort. Mit Beginn der 1960er Jahre ging der Künstler zudem häufig in Europa auf Reisen und auch in die USA. Von all den gesehenen Orten entstanden zahlreiche Aquarelle, die sich durch eine ganz besondere Ausstrahlung auszeichnen: Nessler hat hier auf eine Art Farbvision mit strengen schwarzen Linien Fragmente von Architektur, aber auch von Skulpturen oder Glasfenstern verankert, fängt damit jeweils Atmosphärisches eines Ortes ein.

In Großbritannien konnte er sich einen Platz im Kunstleben erarbeiten, hatte Ausstellungen ebenso in Frankreich und den USA. Bis heute tauchen Arbeiten in Auktionen auf, zunehmend auch in Deutschland, wo er Jahrzehnte vergessen war. Die 1989 durch die Hochschule für Bildende Künste Dresden erfolgte Berufung zum Ehrensenator blieb zunächst - abgesehen von einer Ausstellung 1990 in Berlin - ohne Folgen. Zur wirklich stabilen Basis für die Wiederverankerung von Nesslers Schaffen im öffentlichen Bewusstsein Deutschlands wurde der Ernst-Rietschel-Kulturring e.V. Pulsnitz, der es sich mit zur Aufgabe gemacht hat, Kunst Verfemter und ins Exil Getriebener zu pflegen.

Zum Auslöser einer ersten Ausstellung des Vereins 1995 und eines anhaltenden Kontakts zum Künstler wurde der MDR-Film "Walter Nessler. Orte und Träume" von 1991 (auch die DNN stellten den Künstler am 29.6.1996 in der Folge "Dresdner weltweit" vor). Als die Nesslers 1998 aus Altersgründen ihr Haus aufgeben mussten, entstand schließlich im Pulsnitzer Verein die Stiftungsidee. Mit der Eröffnung des Ernst-Rietschel-Hauses konnte das Nessler-Archiv eingerichtet werden. 2002 wurde dann die rechtsfähige, 800 Werke bewahrende Walter-Nessler-Stiftung errichtet. Die Eheleute hatten 2001 noch gemeinsam den Vertrag unterzeichnen können. Wenig später, am 18. Dezember des Jahres, war der Künstler verstorben.

Renaissance

Seit der ersten Pulsnitzer Präsentation wurde dank des Vereins wiederholt - in neun Ausstellungen - an den Künstler erinnert. Verdienstvoll war zudem die Erstpublikation des "Hitler-ABC" noch zu Lebzeiten Nesslers (2000) mit einer Kommentierung von Diether Schmidt sowie von "A Diary Of Hitler" (1941) im Jahr 2007. Zwei Bändchen mit Nessler-Aquarellen von London und Florenz sowie mehrere Kalender vervollständigen diese Reihe. Nachdem manche seiner Arbeiten auch in anderen Orten in Deutschland zu sehen waren, ist Nessler nun in der 150 Werke zeigenden Ausstellung "Zwischen Bedrängnis und Widerstand" in Wittenberg vertreten. Das Gezeigte ist Teil eines respektablen Konvoluts von 1500 Werken exilierter und verfolgter Künstler aus der Sammlung Gerd Grubers, der noch zu DDR-Zeiten auch mit Nessler korrespondierte. Der 100. Geburtstag Walter Nesslers erinnert daran, dass noch mancher Künstler der Vergessenheit zu entreißen sein dürfte.

Ausstellung "Zwischen Bedrängnis und Widerstand" bis 4. März, Lutherstadt Wittenberg, Cranach Galerie, Di-Sa 10-17 Uhr.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.01.2012

Lisa Werner-Art

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