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Dresden Hellerau tanzt mehr und klingt weniger

Dresden Hellerau tanzt mehr und klingt weniger

"Wir sind jetzt schneller als gedacht dort, wo wir hinkommen wollten: Die wichtigste Adresse für zeitgenössische Kunst in Ostdeutschland zu werden", bemerkt Dieter Jaenicke eher beiläufig bei der Vorstellung des Hellerau-Jahresprogramms.

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She She Pop ist im März mit dem Projekt "Schubladen" (Szenenfoto) in Hellerau zu Gast.

Quelle: Benjamin Krieg

Der künstlerische Leiter des Europäischen Zentrums der Künste sieht sich auf einer Stufe mit der Kampnagel-Fabrik Hamburg, Hebbel am Ufer (HAU) Berlin, Tanzhaus Düsseldorf oder dem Mousonturm Frankfurt. Das internationale Renommée wie auch die Akzeptanz in zahlreichen Netzwerken sprächen dafür. Aber auch die Besucherzahlen, die seit Jaenickes Amtsantritt im Januar 2009 um mehr als das Achtfache auf rund 41 000 im Jahr 2012 gestiegen sind. Künstlerisches Potenzial sieht der Hellerau-Chef noch für weit mehr Besucher, die personellen und finanziellen Ressourcen aber sind weitgehend ausgereizt. Überdies stehen im Geschäftsbereich Kultur Kürzungen in Dresden an, wie wahrscheinlich Ende dieser Woche entschieden wird. Bislang erhält Hellerau für die künstlerische Arbeit 1,9 Millionen Euro jährlich von der Stadt. Hinzu kommen etwa eine Million für Personal und 400 000 Euro für die Kosten der Liegenschaft. 800 000 Euro nimmt das Zentrum durch Eintritts- und Sponsorengelder selber ein.

Der absehbar engere Finanzrahmen hat Folgen für das Jahresprogramm. Es gibt neue Formate, Kooperationen und ein Streetart-Festival im Juli. Aber das große "Tonlagen"-Festival im Oktober, das die von Udo Zimmermann ins Leben gerufenen Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik beerbte, sucht man in diesem Jahr vergeblich. Dieter Jaenicke nennt zuerst finanzielle Gründe, warum die "Tonlagen" künftig nur aller zwei Jahre stattfinden sollen. Neben der Erfüllung aller anderen Verpflichtungen vor allem in der performativen Kunst sei ein großes Musikfestival nicht mehr zu leisten. Und gewinnt dem Verlust noch eine positive Seite ab, wenn er Biennale-Strukturen als "wirkungskräftiger" preist. Lieber aller zwei Jahre und dann richtig, ist herauszuhören.

Im Gespräch räumt der künstlerische Leiter allerdings auch ein, dass der schrittweise Rückzug der Musik aus Hellerau auch etwas mit seinem Konzept zu tun hat, das wiederum dem "geschichtlichen Auftrag" entspreche. Die Orientierung auf die darstellenden Künste erweise sich angesichts der Publikumsresonanz als richtig. Fast zwei Drittel der 27 Programmposten des Jahres 2013 gehören dem Tanz. Den Freunden der Gegenwartsmusik werden die verbliebenen Termine mit Günter Baby Sommer, den poppigen "Residents" im April und der Folk-Ausflug der Dresdner Sinfoniker nach Usbekistan, Aserbaidjan und Turkmenistan im Oktober ein schwacher Trost sein. Verglichen etwa mit den achtziger Jahren fristet zeitgenössische Musik in Dresden nur noch ein Nischendasein, und im Vergleich mit dem Aufwand für die Retrospektiven des Wagner-Jahres ist sie nur eine Fuß-Note.

Der Tanz auf dem derzeit weißen Heller-Hügel beginnt am kommenden Wochenende mit dem Niederländer Wim Vandekeybus. Zwei Wochen später kommt er-neut die kanadische Dave St-Pierre Company mit ihren spießerverschreckenden Nackedeis ins Festspielhaus, und weitere Sehenswürdigkeiten fol-gen. Dieter Jaenicke hebt das Gastspiel der israelischen Batsheva Dance Company am 1. Mai als "das Tanzereignis des Jahres" heraus. Im August wird das Haus als Tanz- und Musiklaboratorium zur Verfügung stehen. Erarbeitetes soll dann unter anderem Mitte September beim europäischen Modul-Dance-Festival präsentiert werden, ein Projekt, das junge Choreografen unterstützt.

Es ist eines von mehreren Mini-Festivals. Zum zweiten Mal kommt ab 11. April gemeinsam mit dem Societaetstheater das "Festival szene", das England in den Blick nimmt. Und wirklich gespannt darf man auf den Jahreshöhepunkt im Juni und Juli sein, wenn vor allem das Dresdner Tal zwei Wochen lang im Zeichen der Street Art stehen wird. "Nordwind" als gemeinsames Festival von Kampnagel und HAU lädt Ende November Produktionen aus Skandinavien und dem Baltikum ein. She She Pop bringt Mitte März Frauen aus Ost und West zusammen und versucht eine Annäherung. Ähnlich authentisches Theater ist Ende September von Maria Ludwigs "Dem Weggehen zugewandt" zu erwarten, wenn 75- bis 85-Jährige eine Stimme erhalten. Von den "Tonlagen" abgesehen, behalten andere "Platzhirsche" ihren Platz. So Derevo Ende März zum 20-jährigen Dresden-Jubiläum, William Forsythe mit zwei Produktionen im Mai und im November sowie mit einer Installation, und im Dezember schließlich norton.commander mit dem dritten Teil ihrer Auseinandersetzung mit den zehn Geboten.

Die Bewerbung um die deutsche Kandidatenliste für das UNESCO-Weltkulturerbe wollen Festspielhaus, Deutsche Werkstätten und Bürgerverein nun selbst in die Hand nehmen, nachdem Hellerau als sächsischer Favorit gekürt wurde. Die Stadt mit ihrer brückenbelasteten Diskussion um dieses Thema lässt man lieber außen vor. Geschätzte 250 000 Euro werden die dafür nötigen Expertisen und Aktivitäten kosten. Als Voraussetzung für eine erfolgreiche Bewerbung sieht Dieter Jaenicke zumindest klare Pläne für die Sanierung des Ostflügels als Künstler- und Probenquartier an. Etwa sechs Millionen Euro könnte das kosten, wovon vier Fünftel an Fördermitteln von Bund und Land befristet bereitstehen. Aber bei der Stadt will man angesichts ihrer prekären Haushaltlage momentan nicht betteln. Karten für Hellerau werden übrigens schon in Prag verkauft, wo es eine Fangemeinde gibt - gemeinsam mit einem Busticket!

www.hellerau.org

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.01.2013

Michael Bartsch

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