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"Drei Mal Leben" von Yasmina Reza im Societaetstheater in Dresden

"Drei Mal Leben" von Yasmina Reza im Societaetstheater in Dresden

Ursache jeglicher Tyrannei, die der Mensch aushalten muss, ist letztendlich er selbst. Dabei genügen ihm nicht System und Obrigkeit, nein, selbst im häuslichen Alltag verliert sogar der hoch gebildete Homo Sapiens nur zu schnell die Initiative des Handelns und kapituliert vor den primitivsten Formen der psychologischen Kriegsführung.

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Drei Mal Leben mit Christin Wehner, Tom Mikulla, Oda Pretzschner und Boris Schwieber (v.l.).

Quelle: Detlef Ulbrich

Die Gründe liegen schlicht darin, dass er erstens seine Prinzipien durchsetzen und zweitens zugleich seine Ruhe haben will. Die französische Komödienschreiberin Yasmina Reza hat eine dafür beispielhafte Situation in ihrem Stück "Trois versions de la vie" konstruiert bzw. aufgegriffen.

Der deutsche Titel suggeriert, dass man drei Leben respektive Versuche bräuchte, um einmal wenigstens annähernd alles richtig zu machen, doch das Ganze lässt sich auch als pragmatischer Strategievergleich lesen, bei dem minimale Reibungsverluste allerdings nicht mit einem Höchstmaß an Ehrbarkeit zu vereinbaren sind. Das kann man zynisch, sarkastisch, mit Ironie oder nur einem gelegentlichen Augenzwinkern sehen - Constanze Kreusch, die das Stück jetzt im Societaetstheater inszeniert hat, bietet in einer etwas überdimensionierten Hausbar mit vier roten Ledersofas von allem etwas und überlässt es damit auch dem Zuschauer, sich die eigenartige Erzählstruktur von "Drei Mal Leben" plausibel zu machen.

Da gerät ein Ehepaar - der Kosmologe Henri und die Rechtsexpertin Sonja - auf ziemlich peinliche Weise in einen Zweifronten-Konflikt. Voll in Anspruch genommen durch den sechsjährigen Sohn, der, statt nach dem abendlichen Zähneputzen brav einzuschlafen, Vater und Mutter mit immer neuen Wünschen herausfordert und gegeneinander ausspielt, müssen sich die beiden plötzlich auch noch auf unverhofften Besuch einstellen, weil Hubert, Henris Chef und vermeintlicher Freund, einen Tag früher als erwartet mit seiner Holden zum Abendessen anrückt - nicht etwa um die Beziehung zu pflegen, sondern um mal so richtig den Psychpathen bzw. Macho herauszukehren. Mittel zum Zweck ist die süffisant vermittelte Botschaft an Henri, der seit drei Jahren an einer Veröffentlichung arbeitet, dass ihm wahrscheinlich mittlerweile ein anderer zuvorgekommen sei. Nebenbei wirft Hubert noch ein Auge auf die herausfordernd attraktive Sonja und gibt jedermann zu verstehen, dass er seine Angetraute, die hausfrauliche Ines, schlicht für ein Dummchen hält, das man nach Belieben vorführen, benutzen oder in die Schranken weisen kann.

Allerdings kann da Christin Wehner recht gut Paroli bieten, denn diese Aufführung lebt vor allem von irrwitzig chaotischen Situationen - wie man z.B. die nur spärlich vorhandenen Häppchen hin und her komplimentiert und steife Konversation in Sachen Kindererziehung führt, das wird hier mit viel Lust und durchaus subjektiver Färbung vorgeführt. Allerdings auch ein wenig auf Kosten von geschliffenen Dialogen mit wissenschaftlichen und philosophischen Exkursen, die hier mehr als nette Bonmots denn als bösartig servierter Tiefsinn daherkommen. Auch die existentielle Zuspitzung, die Steigerung des Peinlichen bis ins Unerträgliche, umgeht die Inszenierung durch doch etwas aufgesetzt wirkende Entertainment-Einlagen.

Während sich Tom Mikulla in der Rolle des routiniert und sicher schwadronierenden Hubert trotz allem ganz schön sonnen kann (der Hass auf diese Typen resultiert auch aus Neid und Bewunderung), hat Boris Schwiebert die scheinbar am wenigsten dankbare Aufgabe, nämlich Henri als doppelten und dreifachen Versager der Lächerlichkeit und teilweise auch dem Mitleid preiszugeben. Von biederer Versagensangst bestimmt, kann er seinen gutartigen Widerspruch nicht einmal zu einem Ansatz echten Trotzes steigern. Doch gerade das setzt der Peinlichkeit und Unerträglichkeit des Verhältnisses zu seinem Chef noch die Krone auf und trägt dazu noch die Verachtung Sonjas ein. In der Rolle der Powerfrau kann Oda Pfretzschner in Version zwei die Initiative ergreifen und zeigt eine kühle Intrigantin und ein bisschen Verruchtheit als Verführerin, die (angeblich) nur darauf aus ist, ihr Opfer bloßzustellen. Doch weil sich parallel dazu Ines an Henri schadlos zu halten sucht, endet der Versuch in einer Pattsituation, die keine ist. Nebenbei bleibt der kindliche Quälgeist ungezähmt, Henris Wissenschaftler-Zukunft höchst ungewiss.

Erst als bzw. wenn sich die bis dahin stets "Unterlegenen" das Ganze nicht mehr so zu Herzen nehmen und statt dessen cool auf mögliche Situationen einstellen, Konfrontation geschickt, umgehen, statt sich zu unterwerfen, geht alles glatt. Und zwar nicht zuletzt dadurch, dass sich die jeweilige Gegenseite diesem Verhalten anpasst. Die Toleranz geht dann so weit, dass sich Ines und Henri nur noch mit einem kurzen Seitenblick verständigen, als sie Sonja und Hubert in ziemlich eindeutiger Pose überraschen. Perfekt scheint schließlich die Win-Win-Situation, als Henri Hubert zur Aufnahme in die Akademie gratuliert. Da weiß der eine inzwischen, dass er um seine Veröffentlichung nicht fürchten muss, der andere hat begriffen, dass er ein fundierteres Lob gar nicht zu erhoffen hat. Das Kind aber - es schläft wohl doch nicht.

Ein unterhaltsamer Abend, der durchaus etwas mehr Zuspitzung und Tiefgang vertragen hätte.

Aufführungen: 14. Februar, 26. und 27. März

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.02.2015

Tomas Petzold

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