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Dr. Freud, übernehmen Sie! Bodo Wartke im Dresdner Schauspielhaus

Dr. Freud, übernehmen Sie! Bodo Wartke im Dresdner Schauspielhaus

"Mama, Mama! Die anderen Kinder sagen, ich hab 'nen Ödipus-Komplex." - "Hör nicht auf die, mein Kleiner. Hauptsache, du hast Mutti lieb!" Kalauer beiseite: Wäre er nicht die Hauptfigur der bekanntesten aller griechischen Tragödien, hätte Ödipus ohne Zweifel auch einen Platz in der Komödiendichtung eines Aristophanes gefunden, der ja bekanntlich keiner Zote abgeneigt war.

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Bodo Wartke

Große Komödianten der Gegenwart waren weniger zimperlich: Loriot rief als über 60-jähriger "Ödipussi" nach "Mama!", Woody Allen gönnt dem Bezwinger der Sphinx im sehenswerten Mythenspaß "Geliebte Aphrodite" sogar ein romantisches Happy-End mit Iokaste. Den Beweis, dass der Stoff humoristisch alles andere als ausgereizt ist, trat Bodo Wartke bei seinem Auftritt im Dresdner Schauspielhaus an, als er sein der Ödipus-Sage gewidmetes Solostück präsentierte.

Energiebündel mit Mütze

Wer mal bei einem Wartke-Gastspiel war, kommt in der Regel wieder, doch selbst die mit den Erfolgsprogrammen "Noah war ein Archetyp" oder "Achillesverse" vertrauten Fans dürften im Lauf der zweistündigen Vorstellung noch neue Facetten an Wartke, dessen wortspielreiche Klavierlieder Kultstatus besitzen, entdeckt haben. Als Ein-Mann-Theaterensemble wirbelt er durch Vorgeschichte, tragische Haupthandlung und Nachwehen der Mär von Laios' Sohn und beantwortet nebenbei auch noch die Frage danach, was man in Sophokles' trostlosem Griechen-Gräuel eigentlich schon immer vermisst hat: richtig, einen niedlichen Plüschelefanten!

Zur Darbietung 14 verschiedener Rollen genügen Wartke Stimme, Gestik und eine in diverse Richtungen zeigende Mütze, das Energiebündel glänzt in blitzschnellen Dialogszenen ebenso wie in Verfolgungsjagd und Faustkampf mit sich selbst. Die Hauptfigur als pubertären HipHop-Flegel zu besetzen, mag nicht sofort einleuchten. Aber andererseits: Wer böte sich für diese Ausgestaltung mehr an als der größte "Motherfucker" in der Geschichte? Seit an Seit mit Sophokles und kleineren Zwischenstopps bei Asterix, Shakespeare, Schiller und den Blues Brothers werden mehr als 1000 Wartke'sche Verse auf das Publikum abgefeuert, dass es eine Freude ist.

Die zur Schau gestellte Könnerschaft im Umgang mit Doppel- und Triple-Reim, Wortspiel und Knittelvers verraten dann eben doch, dass hier einer im Deutschunterricht besser aufgepasst hat, als er in seinem als Zugabe nachgeschobenen Making-Of zugibt - der einzige Moment an diesem Abend, an dem Wartke den Bogen der Koketterie zu überspannen droht. Die Idee, Ödipus eine Frischzellenkur zu verpassen, sei im Deutschkurs der elften Klasse entstanden, als der über den Chorhexametern verzweifelnde Schüler sich mit seiner Ansage, ein paar Reime und Liedeinlagen könnten hier vielleicht noch was retten, um ein Haar um Kopf und Kragen geredet hätte.

Schauriges vom verfluchten Theben

Die sympathische Hybris hat ihm glücklicherweise nicht den Zorn der Götter beschert, sondern - 15 Jahre, dramaturgische Expertisen und eine klamaukige Urfassung später - einen glänzenden Erfolg, der in Dresden mit stehenden Ovationen gefeiert wird.

Unterbrochen von einigen teils zum Mitsingen animierenden Liedern (wie dem "Pest-Blues") durch den als Chor fungierenden Moderator bewegt sich der Zuschauer durch die schaurigsten Szenen aus dem verfluchten Theben, wo - in Wartkes Version - das Orakel von Delphi die Bienchen und Blümchen erklärt, Kreon und Ödipus sich zur Rap-Battle treffen, Sigmund Freud zu Wort kommt und der blinde Seher verdächtig nach Ray Charles klingt.

Schon bald fragt man sich, wie man sich die Eckdaten des Labdakiden-Fluchs eigentlich jahrelang ohne Verse wie "Buenos dias, Theiresias!" einprägen konnte, und um wie viel eselsohriger wohl das eigene gelbe Reclam-Heftchen, das auf der Bühne ironisch als Bildungsbürgerpass geschwenkt wird, aussehen könnte, wenn sich auch der Altphilologe Kurt Steinmann beim Übersetzen schon zunutze gemacht hätte, dass sich "Iokaste" auf "Palaste" und "Ödipus" auf "blöde Nuss" reimt. Vielleicht hat es auch immer nur an der richtigen Handpuppe in der Rolle der, äh, Dings - der Sphinx gefehlt. Dies und noch mehr Mytho-Unlogisches zum Nachbereiten gibt's auch auf DVD. Natürlich Special Ödition!

Wieland Schwanebeck

Mehr Infos, Hörbeispiele und Tourneedaten unter www.bodowartke.de und www.koenig-oedipus.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.09.2012

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