Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Doppeltes Dresden-Debüt: Regisseur Andreas Kriegenburg zwischen Oper und Schauspiel

Doppeltes Dresden-Debüt: Regisseur Andreas Kriegenburg zwischen Oper und Schauspiel

Einen Regisseur zum Gespräch abzupassen, das kann sich als schwierig erweisen, wenn er mitten in den Endproben steckt. Umso überraschender die entspannte Atmosphäre bei der Begegnung mit Andreas Kriegenburg - obwohl dieser vielgefragte Regisseur in diesen Tagen fast gleichzeitig an der Sächsischen Staatsoper sowie am Dresdner Staatsschauspiel debütiert.

Voriger Artikel
Militärhistorisches Museum Dresden mit Fotoausstellung über rechtsextreme Gewalt
Nächster Artikel
Uraufführung einer neuen Produktion der shotAG in Zusammenarbeit mit dem Societaetstheater Dresden

Andreas Kriegenburg bei Proben in der Semperoper. Parallel dazu arbeitet er gegenwärtig auch am Staatsschauspiel Dresden.

Quelle: Matthias Creutziger

Er nahm Zeit zum DNN-Gespräch mit Michael Ernst.

Frage: Zu Beginn des Wagner-Jahres inszenieren Sie Händel in Dresden. Haben Sie mit Ihrem "Ring" an der Bayerischen Staatsoper München Ihr Wagner-Jahr schon hinter sich?

Andreas Kriegenburg: Das kann man so sagen. Ich hätte mich nach den sechs Monaten Arbeit am Münchner "Ring" jetzt jedenfalls nicht schon wieder dieser Klangwelt aussetzen wollen. Diese Musik hat ja, wenn man sich lange damit beschäftigt, eine fast schon gefährdende Suggestion. In der Genauigkeit seiner Beschreibungen von Situationen und Personen steckt ein hohes Maß an Düsternis, auch an Gewalttätigkeit. Selbst wenn das für mich eine letzten Endes vergnügliche Anstrengung war, empfinde ich die heitere Melancholie, wie sie nun bei Händel auf mich wirkt, als ganz guten Ausgleich.

Ist die emotionale Potenz bei Händel denn nicht ähnlich aufwühlend und ergreifend?

Schon, allerdings kommt das bei Händel aus einer ganz anderen musikalischen Zeit und somit aus einer anderen Rezeptionstradition. Seine Figuren sind viel verborgener, wie gefangen in ihrer Sehnsucht nach Schönheit und klanglicher Harmonie. Wagner setzt seine Personen der Wirklichkeit ja tatsächlich aus, da gibt es Krieg und Gewalt, die baden im wahrsten Sinne des Wortes im Blut. Das ist mit Händel nicht zu vergleichen. Wenn wir dessen Personage mit unserer psychologischer Deutung anschauen, ist sie viel eingebundener und gefesselter.

Während Wagner sehr genau charakterisiert, hat Händels Musik etwas fast Antipsychologisches, ist ästhetisch konstant gehalten. Die Barockmusik baut eine Art Gegenwirklichkeit auf, setzt auf klangliche Ideale zur Abgrenzung vom realen Sein. Das ist für mich auch ein wichtiger Ansatz, mich diesem Schaffen zu nähern.

Wie nähern Sie sich dem "Orlando" an?

Ich versuche, für die Sänger meinen Ansatz der emotionalen und psychologischen Verhaltenheit produktiv zu machen, indem sie immer näher an den Punkt geführt werden, wo es nicht mehr funktioniert, sich in Schönheit zu hüllen oder eigene Emotionen vor anderen zu verbergen. Das ist irgendwann nicht mehr stabil genug, und es gibt dann tatsächlich Ausbrüche von Körperlichkeit und Gewalttätigkeit. Wobei wir immer versuchen, nah an der Musik zu bleiben und da keine dissonante Ferne aufkommen zu lassen, also nie die Szene gegen den Klang auszuspielen.

Eine heikle Frage für mich ist, wie stellt man innerhalb dieser Musik Wahnsinn dar? Sicherlich hat Händel in der Figur des Orlando musikalisch-psychologisch schon eine Entwicklung vollzogen, aber was wir über dessen Tun erfahren, geht weit über die Musik hinaus. Dieser Mensch gerät ja völlig außer Kontrolle und lässt jegliche moralischen Werte hinter sich. Das auszubalancieren ist ziemlich schwierig. Hinzu kommt, dass die Figuren nicht in der Lage sind, sich körperlich wirklich zu begegnen. Sie haben große Sehnsucht nach der Haut des anderen, aber nicht die Möglichkeit, dies auszuleben. Um dies zu zeigen, lasse ich von meiner Choreografin Zenta Haerter zehn Tänzer als Schatten der Sänger-Darsteller agieren, als wären sie deren Stellvertreter. Diese Tänzer haben verschiedene Aufgaben. Mitunter spiegeln sie das Innenleben der agierenden Figuren und machen so für den Zuschauer erlebbarer, was in ihnen verborgen ist. Manchmal führen sie die Paare auch nur zueinander, geben Anstöße, um zusammenzuführen, was zusammengehört. Die Tänzer fungieren sowohl als Spiegel als auch eine Art gute Geister.

Die innere Gefangenheit der Figuren in dieser Oper ist mir sehr früh bewusst geworden. Händels sehr tänzerische Musik bietet so eine Lösung geradezu an.

Steht hinter solchen Kniffen die Frage, was geht uns Barockoper heute noch an?

Das ist bei Kunst immer schwer zu beantworten. Da gibt es die einfache Antwort, Liebe geht uns immer was an. Aber man könnte nachfragen, wie wir uns frei und unverkrampft einander annähern, uns zwischen den Polen der Disziplin und der Leidenschaft bewegen? Wie wenig sind wir fähig, diese Disziplin zu verlassen? Vor dieser Frage steht auch Orlando, der emotional überhaupt nicht trainiert ist. Der hat genauso Angst vor Kontrollverlust wie viele von uns heute auch. Nicht zuletzt ist diese Oper mit ihrem melancholischen Nachklang auch ein starkes emotionales Erlebnis.

Hat Sie Ihre Geburtsstadt Magdeburg, die Stadt Telemanns, für diese Musik sensibilisiert?

Ich kann gar nicht genau sagen, warum mir die Barockmusik so nah ist, das hat wahrscheinlich mit meinem Wesen zu tun. Sowohl Telemann als auch Bartók sind mir sehr wichtige Komponisten. Ich habe aber in der Beschäftigung mit Wagner feststellen dürfen, dass er, was das Menschliche betrifft, sehr wissend ist. Und dieses Wissen dann so genau in Musik umgesetzt hat.

Händel ist da viel harmonischer, eine authentische Umsetzung seiner Opern würde eigentlich auch eine Kostümierung des Publikums voraussetzen. Also verlegen wir die Geschichte in einen Traumwald. Darin ist ein Raum ausschließlich aus Holz, wie vom Himmel gefallen. Das Motiv des Herumirrens ist uns ganz wichtig.

Sie geben jetzt ein Doppeldebüt an der Semperoper und am Staatsschauspiel Dresden. Sind erste Arbeiten an solchen Häusern nicht auch eine Last?

Das soll jetzt nicht eitel erscheinen, wenn ich nein sage. Aber für mich sind die Begegnungen mit den Sängern und Schauspielern immer viel wichtiger als die Namen oder die Größe der Häuser. Was den Ruf einen Hauses betrifft, bin ich absolut entspannt.

Der Spagat zwischen Sprech- und Musiktheater ist kein Problem?

Es ist sicherlich von Vorteil, dass die Arbeitsweisen sehr verschieden sind. Ich kann in der Oper größere Zwänge genießen. Da müssen mehr Wege geebnet als Szenen erfunden werden. Im Schauspiel muss ich die innere Komposition selber anfertigen. Für mich sind das die berühmten zwei Seiten einer Medaille - eine liegt immer oben, die andere ist immer verdeckt. Und ich erledige das jeweils Anstehende. Dafür habe ich viele innere Zettelchen in meinem Kopf. Da steht sich überhaupt nichts im Weg.

Wie sortieren Sie aktuell zwischen Händel und Sartre?

Die wichtigste Voraussetzung sind streng strukturierte Tage. Vormittags und abends Oper, nachmittags Schauspiel. Diese Erfahrung habe ich schon einmal gemacht, das war im Erlebnis und im Ergebnis sehr schön. Die emotionale Kraft der Musik und die Redefreiheit im Schauspiel. Daher habe ich dem Wunsch von Wilfried Schulz sehr gern nachgegeben, mal wieder mit ihm zusammenzuarbeiten. Sartre ist für mich immer etwas ganz Besonderes - was die Dialoge betrifft, gibt es für mich kaum etwas Schöneres.

i"Orlando", Premiere am 27.1., 19 Uhr, Semperoper

"Die Fliegen", Premiere am 8.2., 19.30 Uhr, Schauspielhaus

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.01.2013

Michael Ernst

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr