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Doppellesung mit Jens Wonneberger und Erich Sobeslavsky im Stadtmuseum Dresden

Doppellesung mit Jens Wonneberger und Erich Sobeslavsky im Stadtmuseum Dresden

Ein Haus steht einsam auf einem Hügel."Das Haus steht seitdem in einer Enklave, einem Refugium des Schattens, der die kühle Feuchte nach einem Regen noch hält, wenn die Felder ringsum längst wieder in der Sonne dampfen.

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Erich Sobeslavsky

Quelle: privat

Ein Haus steht einsam auf einem Hügel. Martin Rohrbach, der Erbe, kehrt zurück in das "Windmühlenhaus" - die Winde aus allen Richtungen umwehen es - und muss sich entscheiden: kurz bleiben, um den Vater, der zuletzt darin wohnte, zu beerdigen? Oder die alten, ungelösten Fragen wieder an sich herankommen lassen und länger, gar für immer, bleiben?

"Das Haus steht seitdem in einer Enklave, einem Refugium des Schattens, der die kühle Feuchte nach einem Regen noch hält, wenn die Felder ringsum längst wieder in der Sonne dampfen." Sätze wie diese findet man viele in Jens Wonnebergers neuem Roman "Sture Hunde" (Steidl Verlag, Göttingen 2012). Sätze, unaufdringlich und hochpoetisch, die einen Ort, eine Landschaft nahe Dresden beschreiben. Wonneberger ist 1960 in Ohorn geboren, und wer will, kann in seinem Buch die alte Asbestfabrik und manches andere wiederfinden, kann hinter der Fiktion die Wirklichkeit entdecken. Doch geht es darum nicht.

Jens Wonneberger hat ein berückendes Buch über den Regress einer ganzen Region geschrieben. Nur die Natur scheint sich noch trotzig zu behaupten: Tiere durchziehen die Geschichte, die doch eigentlich den Schicksalen der Menschen, die den Ort besiedeln, nachspüren will. Krähen und Hunde, Katzen und Grillen sowie eine Raupe im Müll durchwirken das Netz der "Menschenschicksale" dieser Gegend, in der die Leute im Grunde "Sture Hunde" sind: schweigsam, weil sie ausharren - ohne Perspektive und ohne Zukunft.

Über seine Zukunft nachdenken, das tut auch jener Martin Rohrbach. Eine alte, einst glücklose Liebesbeziehung flammt wieder auf. Wonneberger versteht auch darüber mit feinem Blick zu erzählen: "Wie Lindas Hand und Lindas nackter Arm dann hinter dem Fensterbrett auftauchten wie bei einem Puppentheater, wie die Hand nach Gregor tastete und seinen Gürtel fand, wie sie Gregor vom Fenster weg und zu sich herab zog, so fordernd, dass Gregor keine Zeit blieb, das Fenster zu schließen..."

Ein detailgenauer Beobachter ist auch der Dresdner Autor Erich Sobeslavsky, der mit seinem dickleibigen Buch "Der Bericht" (Projekte Verlag, Halle 2012) eine Art "opus magnum" vorlegt. Der 1942 in Ostrava geborene, studierte Physiker hat bereits vor 1989 daran zu schreiben begonnen (ein erster Teil erschien 2004 im Verlag Die Scheune) und den Erzählfaden dann immer weiter gesponnen, bis in unsere Gegenwart. Ein akribischer Beobachtungssinn (der Blick des gelernten Wissenschaftlers) trifft bei ihm auf Zotiges, Zeit wird vom Zorn durchwirkt, und die Orte wechseln in wildem Lauf: Dresden, die Krim, der Spreewald, Ungarn, die Kanaren.

Auch dieser Roman führt seine Leser in östliche Gefilde und setzt sich teils kritisch, teils beißend-ironisch mit dem Leben in der DDR und der Zeit nach 1989 auseinander. Doch reicht die Handlung auch zurück bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts, es geht um einen gewissen Schlee, der an der Ermordung Horst Wessels beteiligt gewesen sein soll, um Emigranten, die Politik und das Schreiben. Sobeslavsky notiert punktgenau, und sowohl diese exzessive Genauigkeit als auch stilistische Merkmale mögen einen an den "nouveau roman" der Franzosen erinnern, an eine realistische Moderne, die sich mit Namen wie Michel Butor oder Alain Robbe-Grillet verbindet. "Der Bericht" ist Autobiografie, Traumbuch, Schmährede, Protokoll und über einige Seiten auch Hommage an einen verstorbenen Kollegen, den Dresdner Schriftsteller Bertram Kronenberger.

20. Februar, 20 Uhr im Landhaus Dresden, Wilsdruffer Straße 2 (Stadtmuseum Dresden, Städtische Galerie): Lesung mit Jens Wonneberger und Erich Sobeslavsky. Literaturforum Dresden in Kooperation mit den Städtischen Museen Dresden. Eintritt frei.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.02.2013

Volker Sielaff

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