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Doppelbuchpremiere mit Kerstin Becker und Nancy Hünger in der Buchhandlung Lesezeichen

Doppelbuchpremiere mit Kerstin Becker und Nancy Hünger in der Buchhandlung Lesezeichen

Zwei Dichterinnen haben sich mit ihren neuen Büchern in der Buchhandlung "Lesezeichen" vorgestellt. Zwei schmale Bände, gehaltvoll auf verschiedene Weise.

Kerstin Becker, Jahrgang 1969, aus dem mittelsächsischen Frankenberg, seit 2001 in Dresden, spielt in "Fasernackte Verse" mit kühnen Metaphern Variationen der Liebe durch.

Ihre Gedichte feiern die Sinnlichkeit, dieses Verschmelzen, sich Einander-Öffnen, in dem das Ich über sich hinauswächst, seiner Selbstbezogenheit entkommt. Körper werden eingehend betrachtet, im Augenblick der Lust geben sie preis, was im Alltag unter der Oberfläche verborgen liegt, etwas Archaisches. Da begegnet uns Liebe nicht als etwas Romantisches, da geht es auch um wenig zarte Eroberung: "aber im Bauch hausen Impulse krummer Jäger: / mit Lanzen über heiße Steppen gehn".

Doch häufig öffnet das innige Ver-bundensein den Liebenden die Augen für die Natur, in der sie sich begeg- nen. Nicht mehr nur einer schaut. Zwei, im Wir vereint, nehmen Pflanzen, Tiere, einen Wald, die Wüste, den Strand, das Meer als etwas Wunderbares wahr. Die Umwelt wird zu seltsamen Bildwelten, in die sie gemeinsam tauchen.

Andere Gedichte wiederum sprechen von Oberflächlichkeit und Kälte, von der verzweifelten Flucht in den Rausch. Oder vom Versuch, die unstetigen Gefühle, diese "Wechselbälger", festzuhalten: "Mit den Zähnen halten / was sich entzieht / Bissspuren im Nacken der Gefühle / wir schleppen sie wie die Katze / Junge herum". Das Wunder der Schwangerschaft beschreiben sie ebenso wie das Unfassbare eines an Krebs sterbenden Jungen. Lässt man sich auf diese manchmal kühnen Metaphern ein, dann berühren einen diese Gedichte.

Die in Erfurt lebende Nancy Hünger, Jahrgang 1981, nimmt uns in "Halt dich fern" auf eine Reise mit in ein siebenbürgisches Dorf, in dem die Zeit stehengeblieben scheint. Ein Ort, der verschwindet. In dem nur noch Greise auf ihr Sterben warten.

Aber eigentlich geht es um ein anderes Dorf: das der Kindheit, "das in alle Dörfer mündet, und alle Dörfer münden in die Vorstellung eines Dorfes, das grausam ist". Diese Autorin schreibt an gegen die romantisierende Suche nach dem Ursprünglichen in der Fremde. Ihr Text ist eine große Verweigerung.

Deshalb darf der Leser eine schlüssig erzählte Geschichte mit deutlich gezeichneten Figuren von ihr nicht erwarten. Ihre Geschichte in diesen sich aneinander reihenden Fragmenten ist "eine der Unterlassung, der Verschwiegenheit, immer nur antippen, bis Dinge und Menschen von selbst ins Schwingen geraten". Vorgänge finden wir nur vage angedeutet. Statt dessen lauschen wir einem inneren Monolog, der in tiefere Schichten des Ich vordringt. Denn die Oberflächlichkeit ist es, an der sie, die hier zu uns spricht, leidet, am bedeutungslosen Geplapper. Worauf es eigentlich ankommen sollte, ist damit nicht mehr möglich: sich für den Anderen erfahrbar, wenigstens begreiflich zu machen. "Einmal werden wir vergessen haben, wie es ist, wahrhaftig zu sprechen, wahrhaftig anwesend zu sein, sich sagbar zu machen, aufzulösen im Gespräch."

Statt dessen haben sich die meisten eingerichtet in einer "Ersatzexistenz". In der ist alles fertig ausgedeutet, eingeordnet, die Bilder liegen bereit auf Abruf. So aber, macht uns dieser Text deutlich, ist wirkliche Erfahrung nicht mehr möglich. Dann sucht man draußen oder in der Fremde nur nach der Bestätigung seiner Erwartungen, erblickt nur, was man sehen will. In diesem Text aber, der von Liebe, von Hoffnung und vom Scheitern spricht, geht es sehr viel um die Suche von Stadtflüchtlingen nach Authentizität.

Der Anspruch ist hoch. Deshalb verlangt diese Autorin ihren Lesern einiges ab. Nichts kommt konventionell daher. Aber es lohnt sich. Weil Gewohntes zweifelhaft wird, Grenzen überschritten werden, hinter denen vielleicht wartet, was das Leben reicher macht. Wir können eine neue Art des Sehens entdecken, die Unbekanntes so wahrnimmt, dass es uns bereichert.

Mutig beharrt diese Autorin auf einer eigenen Stimme. Ihre poetische Sprache mit ihrem fließend bewegten Rhythmus, ihren Wortwie- derholungen zieht einen hinein in ihre suchenden Gedankengänge. Auch wenn einem manche Wendung ungewohnt scheint, manches Sprachbild dunkel bleibt - man unternimmt dieses Lek- türeabenteuer mit Gewinn.

Kerstin Becker: Fasernackte Verse. Fixpoetry. 68 S., 12 Euro.

Nancy Hünger: Halt dich fern. Edition Azur. 84 S., 19 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.06.2012

Tomas Gärtner

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