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Doppel-Premiere für Lyrik von Patrick Beck und Volker Sielaff im Stadtmuseum

Doppel-Premiere für Lyrik von Patrick Beck und Volker Sielaff im Stadtmuseum

Zwei Dresdner Dichter, Patrick Beck, Jahrgang 1975, und Volker Sielaff, 1966 geboren, haben neue Gedichtbände vorgelegt. Bilanz: durchwachsen. Angeregt liest man diese Texte, verwundert, enttäuscht, begeistert.

In "Das Skelett des Moments" begegnen wir Patrick Beck als philosophierendem Romantiker. Kurze Texte, dichter als erzählende Prosa, doch nicht so streng gebaut wie Gedichte. Am ehesten: knappe Betrachtungen in lakonischen Sätzen.

Konkret oft der Ausgangspunkt, ein efeubewachsener Schuppen etwa. Der setzt eine Kette an Erinnerungen und Assoziationen frei, die ins Imaginäre führen. Abgelagert findet man dann auch Stunden, in denen eine Katze verschwand, oder eine Nacht, die in allen folgenden bleibt. Das Brettergehäuse wird zum symbolischen Treffpunkt von Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.

Wohin uns diese Gedankenexpeditionen führen: in Nacht, Winter, Schnee, an die Pole, oft herrscht Frost. Aber auch in Täler, auf Berge, Wege - in Natur, keine bestimmten Landschaften. Im Angesicht von Turm, Quelle, Pendel wird es gleichnishaft. Bis auf Raumstationen nimmt er uns mit, lässt uns im Kosmos zwischen Planeten schweben.

Größe soll es atmen. Im Gedicht, dem der Titel des Bandes entnommen ist, betätigt sich der Sprecher als negativer Gott, der die Welt wieder einpackt. Schöpfung rückwärts. Nur mit dem Nichts wird's nichts.

Alltagsvorgänge wie Fahrradfahren, philosophisch betrachtet, können uns etwas über das Leben sagen. Was nicht immer glückt. Manchmal bleibt es banal, etwa beim Versuch, Draht gerade zu biegen. Manches hat einen Zug zum Abstrakten, wirkt blutleer.

Andererseits offenbaren einige Texte einfühlsam Naturnähe: "Das Wasser spricht. Ich verstehe die Worte nicht. Aber ich verstehe das Wasser." Da und dort fallen poetische Glanzlichter ins Auge. Beispielsweise das einer Buche an einem Berg: "Mit einem Schwung, langsamer als der Puls eines Gletschers, wirft sie sich nach oben, wo sie weiter wächst im größeren Licht".

Volker Sielaffs "Glossar des Prinzen" ist selbstverleugnend gebaut. Wer den Band durch die erste Abteilung, die "13 Lieder des Prinzen" betritt, quält sich wie durch einen zugeramschten Flur hinein. Strauchelt über holpernde Rhythmen, muss sich grausliche Paar-Reimereien gefallen lassen: "Scheu nur als Schatten auf des Waldes Boden / Mit den Tulpen die du gepflanzt den roten". Da verkündet dieser Prinz in komisch altertümelndem Ton, er wolle "fürder" lauter und heftiger werden: "Will nach euch werfen mein kaputt zerbrochnes Glas" (15). Brrr! Diese Geisterbahnfahrt auf dem Rummelplatz der Poesie, das soll von Sielaff sein? Hat er zu tief ins Glas geblickt? Lallt Plattheiten, in Zeilen, die sich lächerlich verrenken, damit sich's am Ende reime? Wer Zweifel an der poetischen Kraft dieses Dichters aufsteigen spürt, überblättre diese Seiten, eh's zu spät ist. Man verpasst nichts, könnte jedoch das Beste verpassen. Das nämlich kommt danach.

Berückender Surrealismus zum Beispiel, in Betrachtung eines berühmten, natürlich surrealistischen rumänischen Dichters: "und senkrecht fielen schwarze Männer aus den buschigen Augenbrauen / von Gellu Naum". Einige das Sehvermögen erweiternde Bildbetrachtungen. Ausgefeiltes Nachsinnen über das Anschauen der Dinge, gleichzeitiges Angeschautwerden, die Durchsichtigkeit von Gegenständen und die eigene Durchsichtigkeit.

Wir entdecken mit ihm die Statue einer Göttin oder Großen Mutter auf dem Meeresboden - das kriegt menschheitliche Dimension. Wir finden gelungene Gedichte mit beiläufigem Reim, die Größe und Weite atmen, geschickt die Waage halten zwischen Ironie und Pathos. Wie jenes "vierte Zorngedicht", das mit den herrlichen Zeilen beginnt: "Wenn dein Gehen Schreiten ist / klebt dir dein Ziel wie eine tote Mücke an der Stirn".

Volker Sielaff vermag eine stracks in den Kitsch kippende Szene - zwei Mädchen in Betrachtung zweier Kätzchen - aufzufangen, ins Bedroht-Sein jeder heilen Welt umzulenken um die Achse einer großartigen Zeile: "Was noch? Nichts noch. Das genügt einstweilen zur Bewirtung der Welt". Er öffnet uns die Ohren für die Musik eines Regentages. Preist das im Alltag auffindbare Glück als "eine Form / von Zusammengehörigkeit".

Stellt kleine Weltbetrachtungen an über den Wunsch, "das Ferne zu berühren, / das Abwesende zu liebkosen". Gibt uns eine Vorstellung davon, dass es mit Sprache "Lauthaftig- oder Leibhaftigkeit" gibt. "Alle Sprache ist hybrid", konstatiert er. Und endet in diesem Gedicht mit einer wunderschönen programmatischen Wendung, einen verehrten australischen Dichter ansprechend: "Nichts ist gesagt, bis es in Worten / hinausgeträumt ist, Les Murray".

heute 20 Uhr, Stadtmuseum

Patrick Beck: Das Skelett des Moments. Lyrikedition 2000, Allitera Verlag. 96 S., 11,50 Euro

Volker Sielaff: Glossar des Prinzen. luxbooks. 120 S., 19,80 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.05.2015

Tomas Gärtner

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