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Diskussionsrunde im Dresdner Kulturrathaus widmete sich wirtschaftlichen Zwängen von Künstlern

Diskussionsrunde im Dresdner Kulturrathaus widmete sich wirtschaftlichen Zwängen von Künstlern

das sind zwei Großbegriffe, die auf ambivalente Weise zusammengehören. Sie verdeutlichen das Grundproblem des modernen Kunstsystems wie auch das der Podiumsdiskussion "Möglichkeiten und Mängel.

Der Kunstmarkt in Dresden" im Kulturrathaus, organisiert vom Künstlerbund Dresden, dem Berufsverband bildender Künstler, der heute mit steigenden Mitgliederzahlen zirka 450 von derzeit 900 in Dresden und Umgebung lebenden Künstlern vertritt: Einerseits pocht Kunst auf rigorose Autonomie. Andererseits kann der Künstler diese Autonomie aber nur über eine Marktexistenz erzielen. Eine Marktexistenz, die ihrerseits wiederum neue, oftmals verdeckte Abhängigkeiten produziert. Zwänge, die, wie viele Künstler in der Diskussion mit Recht einwandten, früheren staatlichen Abhängigkeiten kaum nachstehen. Das ist die Paradoxie des Systems, indem sich Künstler, Museumsleute, Kuratoren, aber auch Kunstkritiker heute bewegen, und der Grund, warum das Sprechen darüber höchst emotional sein kann.

Kommunikation tut aber not, gerade in Dresden. Denn jüngere Erhebungen verdeutlichen die akute Armutsbedrohung, mit denen bildende Künstler trotz mancher Förderung in der prosperierenden Landeshauptstadt umgehen müssen. Das jährliche Durchschnittseinkommen liegt im Osten Deutschlands bei 6900 Euro Brutto, das sind im Monat gerade einmal 575 Euro. Und Birgit Maria Sturm, Geschäftsführerin des Bundesverbandes Deutscher Galerien und Kunsthändler, machte zugleich deutlich, dass es entgegen mancher Klischees vielen Galeristen nicht anders geht - auch dieser Berufsstand zehrt weitgehend von Selbstausbeutung.

Auch wenn die stabilen Rekorderlöse von Spitzenwerken globaler Künstler auf Auktionen einen anderen Eindruck vermitteln - der Kunstmarkt durchläuft einen radikalen Wandel. Der Umbruch betrifft längst nicht nur die Künstler, sondern fast alle Akteure und Institutionen im Kunstprozess. Das beginnt beim Machtgewinn großer Privatsammler, die heute ganze Wertschöpfungsketten vom Atelier bis zum Auktionshaus entscheidend mitbestimmen. Der Umbruch umfasst aber auch den Monopolismus ausgewählter Kunstmessen, die für Galeristen heute längst die Haupteinnahmequelle darstellen und es zu einer Existenzfrage machen, eine Zulassung für diese zu erlangen. Und er betrifft auch das Selbstverständnis der Künstler selbst, ihre Rolle in diesem System, in dem sie austauschbar und machtlos gegenüber den Verwertungsprozessen scheinen, wenn sie nicht durch einen "Marktwert" Schutz erlangen.

Ein Grund für diese ökonomische Misere, die, wie Claudia Syndram vom Career Center der Hochschule für bildende Künste einwandte, vielen Dresdner Kunststudenten mittlerweile eine "Höllenangst vor der Realität" macht, liegt in Dresden immer noch in der ungenügenden Nachfrage privater Sammler. Anders als in den westdeutschen Kunstzentren fehlt hier, bestätigte der eingeladene Galerist Patrick-Daniel Baer, eine finanzkräftige regionale Käuferschaft. Gerade die Käufer vor Ort aber, die finanzielle Potenz der Menschen, in deren Umfeld der Künstler sich über Jahrzehnte bewegt, erscheint unabdingbar für das Meistern der schwierigeren Altersstufen einer Künstlerexistenz. Denn das ist ein gerade in Dresden zu beobachtendes Problem - wie generieren ältere Künstler Lebensunterhalt und Altersversorgung, was geschieht mit den Werken nach dem Tod, welche sozialen und kommunikativen Netzwerke sind denkbar?

In diesem Umfeld können nur wenige marktfähige Galerien existieren. Zudem leiten auch die öffentlich finanzierten Kunstinstitutionen unter dem Problem stetig wachsender Unterfinanzierung, haben also kaum einen Cent für Neuankäufe übrig bzw. setzen ihre Etats gerade nicht für Dresdner Künstler ein, weil diese die auferlegten hohen Standards an Internationalität und Diskursfähigkeit vermeintlich nicht erfüllen. Dass hier auch Ignoranz oder schlicht eine unverständliche Distanzpolitik zur Dresdner Kunsttradition erkennbar wird, steht auf einem anderen Blatt.

Genügend Gründe zur Klage also. Aber als wohltuender Eindruck dieses Podiums bleibt, dass viele Dresdner Künstler und ihr Interessenverband das Problem in seiner Komplexität erkennen. Neben der Forderung nach Partizipation und öffentlicher Förderung sind auch eigene Wege gefragt - von der Organisation der in diesem Jahr zum zweiten Mal veranstalteten Künstlermesse, die auch Künstlern ohne Galeriebindung Zugänge zum Markt bieten kann, über Formen der Selbstorganisation bis hin zum Kampf um Respekt und eine faire finanzielle Beteiligung im Ausstellungsbetrieb. Das vorläufige Fazit ist brisant genug: Dresden muss mehr tun für seine bildenden Künstler, wenn das Image einer "Kunststadt" als Zielmarke bleibt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.05.2013

Paul Kaiser

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