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Diotima zum Mitsingen - "Hoelder" erzählte Hölderlins Leben und bot vertonte Dichtung

Diotima zum Mitsingen - "Hoelder" erzählte Hölderlins Leben und bot vertonte Dichtung

Dass das ein Heimspiel werden würde, war abzusehen: Holly Loose, Frontmann der Letzten Instanz, Benjamin Gerlach, Cellist bei selbiger Düstercombo, und Silvio Schneider, als äußerst umtriebiger Gitarrist bei vielen originellen Projekten dabei, haben sich gemeinsam mit Saxofonist Karl Helbig Leben und Werk Johann Christian Hölderlins vorgenommen und daraus das Programm "Hoelder! Hymnen an die Unsterblichkeit" gemacht, in dem das Leben des Dichters erzählt wird und vertonte Dichtungen erklingen.

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Benjamin Gerlach, Karl Helbig, Holly Loose und Silvio Schneider (v.l.) brachten gemeinsam Leben und Werk Johann Christian Hölderlins auf die Bühne.

Quelle: Dietrich Flechtner

Am Donnerstagabend gab es die, so Loose, "heimliche Weltpremiere" im gut besuchten Fritz-Lang-Saal der Schauburg.

Die deutsche Hölderlinstiftung hat das Vorhaben unterstützt, bestimmt mit dem Gedanken, dass es ein guter Weg ist, einen der bedeutendsten deutschen Romantiker einem breiteren Publikum nahezubringen. Und das funktioniert. Wenn man auch anfangs an etlichen unpassenden Lachern merkt, dass viele Fans der Musiker nicht wirklich wissen, um wen oder was es hier geht, bezwingt sie die Kraft der lyrischen Sprache schnell - obwohl Holly Loose die Texte arg theatralisch vorträgt, oder vielleicht gerade darum. Dass er sich zwischendurch auch mal verhaspelt, dass auch die Musiker mal einen Einsatz verpassen - geschenkt. So etwas darf bei einer Premiere vorkommen.

Natürlich bietet sich die Geschichte des arm geborenen Frauenschwarms, der sich als Hauslehrer durchschlug und dabei bis nach Bordeaux gelangte, der nur sieben - junge! - Jahre wirklich kreativ produktiv war, im Nachgang einer wahnhaften Liebe zu der Bankiersgattin Susette Gontard als geisteskrank erklärt wurde und schließlich 35 Jahre in einem Turmzimmer verbrachte, für eine dramatische Bearbeitung an. So gab und gibt es bereits Filme und Theaterstücke, auch musikalisch hat der Dichter schon inspiriert: Eine 1971 gegründete deutsche Rockband nannte sich Hoelderlin, auch sie arbeitete u.a. mit Cello. Seit 2005 soll sie sogar wieder auftreten.

Dennoch dürfte diese Vortrags-Musikkombination neu sein; die Kreationen der großartigen Instrumentalisten, die mal frei experimentell, mal sphärisch klingen, kann man unter dem Etikett "Jazz" zusammenfassen, der vor allem durch Benjamin Gerlachs E-Cello mal rockig, mal durch Karl Helbigs Saxofon klassisch klingt. Silvio Schneiders akustische Gitarre ist groovig wie stets, die Percussion auf dem Korpus prägnant. Und so geht es von einer getragenen "Hymne an die Unsterblichkeit" über die erste Geliebte "An Louise Nast" zu den weiteren: "An meine Freundinnen" hat einen schön experimentellen Einstieg des E-Cellos, zieht dann ordentlich das Tempo an, rockt.

"Diotima". Das Lieblings- und Liebesthema Hölderlins, untrennbar verbunden mit Susette Gonthard. Hier sehr rhythmisch pointiert unterlegt, von der Sanftheit der Worte findet sich in der Musik nichts, das ist kein romantisches Liebeslied. In einer Zwischenpassage wirkt Holly Looses Sprechgesang recht atmosphärisch, dann aber wird wieder der schnelle Rhythmus aufgenommen. Das Publikum hat so etwas erwartet: Nach schnellem, bereitwilligem Mitklatschen gibt es Jubelrufe danach. Später muss das Stück noch für die nicht vorbereitete Zugabe herhalten, da wird der Refrain dann ganz von den Fans übernommen.

Nach der Pause wird das Hymnenthema wieder aufgenommen, es prägt die Stimmung, passt. "An eine Rose" ist wieder ganz große Dichtung - und wieder etwas arg bedeutungsschwanger-dunkel vorgetragen. Dafür hätte man sich nach der Nachricht von dem Tod Susette-Diotimas traurigere Musik vorstellen können, an der Stelle plätschert es dann doch arg dahin.

Eine hübsche Abschweifung gibt es mit einem Stück, dessen Melodie man bereits mit dem Querflöten-Einstieg von Karl Helbig zu kennen meint und das sich dann tatsächlich als eine Interpretation von Christian Adolph Overbecks "Komm lieber Mai und mache, die Bäume wieder grün" - vertont von Mozart - entpuppt. Passend allemal zu der Sehnsucht nach Leben, die den gerade als geisteskrank erklärten Dichter erfasst haben mag. Regulärer Schluss ist mit einer sehr jazzigen Version der "Hymne an die Unsterblichkeit". Vielleicht die beste Verbindung der Worte Hölderlins mit gegenwärtiger Musik. Für die Besucher der "Weltpremiere" dürfte es auf jeden Fall funktioniert haben mit der Vermittlung des Dichter-Genius.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.03.2012

Beate Baum

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