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Dietmar Wischmeyer zu Gast in Dresden: Safari ins Reich der Bekloppten

Dietmar Wischmeyer zu Gast in Dresden: Safari ins Reich der Bekloppten

Von "Deutschen Helden" will er singen, ach was, laut Ankündigungstext gar "ein deutsches Kriegerdenkmal" errichten, doch wer den Satiriker Dietmar Wischmeyer kennt, weiß, dass sentimentales Flaggezeigen und ehrenrühriges Trompeten wohl kaum von ihm zu erwarten sein dürften.

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Dietmar Wischmeyer in seiner Rolle als "Der kleine Tierfreund".

Quelle: Wolfgang Zeyen

Zwar klang sein Gastspiel im Dresdner Wechselbad tatsächlich mit Fanfaren aus, doch es war dann glücklicherweise nur die usbekische Nationalhymne, die den Abend beschloss.

Wischmeyers versprochene Heldenschau besaß dagegen mehr Ähnlichkeit mit seinem allseits bekannten, fortlaufenden Projekt, dem "Logbuch der Bekloppten und Bescheuerten", einem Manifest von vortrefflicher Schnoddrigkeit. Eine freundliche Begrüßung lautet bei Wischmeyer "Schöne Scheiße!", ein Trostangebot "Besser als in'n weißen Frack geschissen!", und die metaphernreiche Analfixierung ist dem studierten Literaturwissenschaftler für den Rest des Abends nicht mehr zu nehmen - "Ich bin für die Gleichberechtigung aller Lebensäußerungen!" lautet das Credo zum gepflegten Verbalanschiss. Aber was soll man auch machen, wenn man abseits der Solokarriere den geistigen Durchfall in der ZDF-produzierten "heute Show" als Gast aufbessern muss und (gemeinsam mit dem Satire-Kollegen Oliver Kalkofe) ein Tresenduo namens "Arschkrampen" bildet?

Wischmeyer hat die schlechte Laune zur Kunstform erhoben und knüpft sich nacheinander vegane Wassertrinker, RTL2-glotzende "Evolutionsabbrecher", Erderwärmungs-Hysterie ("Der Eisbär fickt jetzt Grizzlys, na und?"), Warteschleifenterror und den Automobil-Fetisch seiner Landsleute vor. Kleinere Solos dazwischen schauen Angela Merkel beim morgendlichen Schluck aus der Essigpulle und Berlins Flughafen-Nero Klaus Wowereit über die Schulter.

Die Pointendichte ist hoch, der Gastgeber ein glänzender Vorleser und in mehreren Dialekten bewandert, weshalb neben Horst Seehofer auch noch diverse Alter Egos Platz finden, ohne die es kein Wischmeyer-Abend wäre. Da wird in mannigfaltiger Gestalt die Sau rausgelassen - Treckerfahrer Günther darf sich als güllegestählter Niedersachse Wut über die Landflucht der verbeamteten Stadtbevölkerung von der Seele reden, der gute alte Mike mit den Ausmaßen seines Eigenheims prahlen ("In der Küche ein Ceranfeld in den Grenzen von 1936, my friend!") und Kleingartenparzellenpächter Willi Deutschmann mit dem Fernglas in der Hand darüber sinnieren, ob er die Ernährung seiner Frau aus finanziellen Gründen auf Rindenmulch mit Maggi umstellen sollte.

Deutschtümelei und verklärte Provinzromantik sind Wischmeyer ebenso fremd wie die Esoterikpoesie der Motivations- und Coachingszene. Verspricht er zur Besserung der Truppenmoral "positive Stimmungsbilder", dann folgen keine Panoramaaufnahmen in Heinz-Sielmann-Optik, sondern Fotos von Hundekot und geplätteten Waldbewohnern, denen auf dem Weg zur Kopulation der polnische Lastwagenfahrer den Garaus gemacht hat.

Wo über zweieinhalb Stunden derart der Bruch mit den Konventionen des Niedlichen und politisch Korrekten gepflegt wird, wo selbst der Maulwurfshügel im Garten nur als Indexzeichen für ungehemmten Geschlechtstrieb fungiert, da findet das Lachen verstärkt in der gutturalen Region statt, etwa auf "ho-ho-ho"-Niveau. Wischmeyer kann es recht sein, denn Besinnlichkeit oder Nostalgie sind ohnehin unangebracht: "Früher war's auch Scheiße. Nur anders Scheiße."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.04.2013

Wieland Schwanebeck

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