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Dieter Moor beschwor bei seinem Dresdner Gastspiel im Wechselbad die Landidylle

Dieter Moor beschwor bei seinem Dresdner Gastspiel im Wechselbad die Landidylle

Auch wenn er eine gewisse Erwartungshaltung im voll besetzten Saal verspürt, will Dieter Moor zu Beginn seiner Lesung im Wechselbad erst mal die Schuldfrage geklärt haben.

Anders als im Fall von Finanzkrise oder vielleicht auch der Ermordung Kennedys ist die in der Causa Moor klar. Die Schuld liegt ohne Wenn und Aber bei Moors (zweiter) Frau Sonja: Sie setzte keinerlei Widerstand entgegen, als der "Titel Thesen Temperamente"-Moderator "Brandenburg" ins Rennen warf, als es um einen Neuanfang ging. Klar, bei den Helvetiern war alles gut organisiert, ging nie was schief. Aber genau diese Erkenntnis, "Es kann nichts passieren, aber es passiert auch nichts", war der Punkt, der den Ausschlag gab, sich zu verändern.

Mittlerweile sind die alpenländischen Aliens, die Moors, in der neuen Heimat, im j.w.d. - janz weit draußen - liegenden und von unbeugsamen Brandenburgern bevölkerten Dörfchen Amerika angekommen, dessen einziger Laden per Schild verirrte Touris und sonstige Kaufwillige wissen lässt: "Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht!" Dort und kurz hinter der Grenze in Polen initiierte Sonja Moor in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Naturschutzverein Pro ­Natura ein Projekt zur wilden Beweidung. Die geländegängigen und genügsamen Galloway-Rinder und Wasserbüffel - auch sie in gewisser Weise Exoten im sonstigen Fleckviehbestand Brandenburgs - eignen sich ideal zur Landschaftspflege in der märkischen Streusandbüchse.

Die Moors sind anders als so manche anderen Zugezogenen im Osten - man denke nur an die armen Schwaben im von ihnen alimentierten Berlin - sogar in die Gemeinschaft der Ureinwohner aufgenommen worden. Die anfänglichen Probleme um den Hof sind ebenfalls gelöst. Doch da gibt der von Dieter Moor innigst geliebte Hürlimann den Geist auf. Das dürfte eigentlich nicht sein. Ein Hürlimann ist Präzisionsarbeit. Unkaputtbar. Von Generation zu Generation weitervererbbar. Wenn in der Schweiz ein Gerät perfekt geht, dann sagt man dort laut Moor "Läuft wie ein Hürlimann". Ein Hürlimann ist - es ist an der Zeit, das Rätsel aufzulösen - ein Traktor. Helfen kann nur Hürli-Gott Jakob aus der Schweiz, ein alter Kumpel des Ex-Eidgenossen Moor. Er sieht auf Anhieb: Ein neues "Bölzli" in der Kupplungsscheibe muss her.

Der Name des verschlafenen Nests, das Moor in seinen Büchern schildert, sein Privatleben ungewohnt offen ausschlachtend, ist fiktiv, eigentlich lautet er Hirschfelde. Kaum vierzig Kilometer von Berlin entfernt, ist man in dieser "arschlochfreien Zone" nahe genug an den Hauptstadtstudios, um den Puls der Medien zu fühlen, und weit genug entfernt, um die Vorzüge des Landlebens zu genießen. Da man mit Eseln und anderen Vierbeinern nicht am Prenzlauer Berg wohnen kann, wo angeblich das kreative Biotop Berlins ist, pendelt Moor nun zwischen Studio und Stall, den Spagat zwischen Dichter und Biobauer famos bewältigend. Von der Super-Illu bis zum Stern, in allen erdenklichen Blättern gab es Homestorys vom moorschen Hof zu lesen, wobei es mittlerweile auch schon Gegenwind seitens genervter und damit alienphober Amerikaner gab, gar ein Schild "Moorfreie Zone".

Aber davon ist an diesem Abend nicht die Rede. Charmant, mit viel Sympathie schildert Moor die Brandenburger als zwar dickköpfige und bis auf Ausnahmen eher stoische, aber herzliche und tatkräftige Menschen, das pure, erfreuliche Gegenteil der hippen "Metropolisten". Moor ist der Anti-Grebe. Der smarte Schweizer würde nie auf die Idee kommen zu empfehlen, sich das Essen besser mitzunehmen, wenn man nach Brandenburg fährt. Was Moor unter dem Motto "Lieber einmal mehr als mehrmals weniger" betreibt, ist auch keine typische Lesung. Er erzählt mehr, schauspielert regelrecht, jedem Bauer, ob nun Müsebeck, Teddy und Krüpki, eine unterschiedliche Stimme gebend. Es gibt auch jede Menge Kostproben von Schwyzerdütsch, aber noch so gemäßigt, dass es die Deutschen im Saal auch verstehen. Immer wieder werden ein paar Weisheiten mit Beifall bedacht. So lässt Moor wissen, dass erfahrungsgemäß Anlass zur Skepsis besteht, wenn jemand eine Antwort auf eine Frage mit der Floskel "Um ehrlich zu sein..." einleitet. Und wie im Osten üblich, gibt es Beifall, als Moor an einer Stelle von den "neuen und den gebrauchten Bundesländern" spricht. Es gibt Gags, mit denen lassen sich Sympathiepunkte sammeln, mögen sie auch noch so billig und abgedroschen sein.

Dieter Moor: Lieber einmal mehr als mehrmals weniger: Frisches aus der arschlochfreien Zone, Rowohlt Verlag, 288 Seiten, 9,99 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.03.2013

Christian Ruf

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