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Dieter Hoffmanns empfehlenswerte Spaziergänge durch die Dresdner Kunst des 20. Jahrhunderts

Dieter Hoffmanns empfehlenswerte Spaziergänge durch die Dresdner Kunst des 20. Jahrhunderts

Im August ist er 80 geworden. Seit einiger Zeit liegt ein würdiges Geschenk vor: der von Dieter Hoefer, Pressesprecher der Volksbank Raiffeisenbank Dresden, sowie Gisbert Porstmann, Direktor der Städtischen Sammlungen, herausgegebene Band "Trauerweidengepeitscht.

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Elfriede Lohse-Wächtler: Selbstbildnis mit Zigarette, 1931, Öl auf Sperrholz.

Spaziergänge durch die Dresdner Kunst des 20. Jahrhunderts", erschienen im Verlag der Kunst (Husum). Mitunter hatte der aus Dresden stammende Dieter Hoffmann daran gedacht, ein Buch über die um 1900 geborenen, zwischen Pillnitz und Radebeul schaffenden Maler zu verfassen. Das "Leben" verhinderte dies, hatte er doch nach seinem Weggang 1957 in die Bundesrepublik als Redakteur der "Frankfurter Neue(n) Presse" (1964-1992), gefragter freier Autor für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (1979-2007), Verfasser von Monografien, so zu Eugen Batz und Ernst Hassebrauk, Herausgeber von Künstlerbüchern, Mitkurator von Ausstellungen sowie als Dichter - als solcher ist er seit 1969 Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz - immer gut zu tun. Dabei schrieb Hoffmann unzählige Male über Dresdner Kunst, wovon sich nun 68 Rezensionen, drei Katalogtexte und vier Eröffnungsreden im Sammelband finden, dessen Anhang mit einem umfangreichen Personenverzeichnis, das Lebensdaten, Geburts- und Sterbeorte nennt, beeindruckt.

Hoffmann versteht sich als Kunstschriftsteller, lädt als solcher zum Flanieren durch die Kulturlandschaft Dresden ein. Die chronologisch geordneten Beiträge setzen mit einer Rezension zu Willy Wolff von 1955 in der Dresdner Tageszeitung "Die Union" ein, in der er den Künstler als "nur ein Beispiel dafür" vermutet, "was in Dresden doch noch an Kunst geleistet wird" (S.12).

Wenige Texte später, 1964, beklagt er in der "Frankfurter Neuen Presse" anlässlich des 70. von Hans Jüchser dann Ignoranz gegenüber dem Osten mit den Worten "Unsere Kunstgeschichtsschreibung - übersieht dabei die starken Regungen in einem Teil des eigenen Landes" (S. 20). Mit der Zeit aber mehren sich berichtenswerte Anlässe wie 1973 eine Ausstellung in der Dresdner Bank mit 50 Werken Dresdner Kunst aus Frankfurter Privatbesitz. Die Rezension zur Weimarer Hegenbarth-Würdigung 1980 (nur einer von vielen Texten zu diesem Künstler - hier aber, wie für alle Einzelbetrachtungen des Buches zutreffend, mit Alleinstellungsmerkmal) sei erwähnt, weil der Autor - er durfte seit 1974 wieder in die DDR einreisen - vor Ort wandelte. Auch andere politische Veränderungen spiegelt der Band, so wenn Hoffmann über die erste Verkaufsausstellung Wilhelm Rudolphs 1982 in der Bundesrepublik berichtet oder 1986 den Katalogtext der fast 40 Künstler vorstellenden Frankfurter Schau "Kunst aus Dresden nach 1945" verfasst. Bald publiziert er zudem wieder vor Ort.

Noch in der "Union", Vorläufer der DNN, erschien 1991 "Das Blaue Wunder - Weg und Brücke zur Kunst" - mit Zutun von Ingrid Wenzkat, die hier über viele Jahre für seriösen Kunstjournalismus stand. Die Auswahl endet mit der Dieter Hoffmann sehr am Herzen liegenden Pillnitzer Schau "Von Annemone bis Zinnie. Die Sprache der Blumen. Dresdner Malerei des 20. Jahrhunderts" - ein Thema, das er so vor Ort noch nicht behandelt sieht (vgl. S. 285 und DNN vom 19. Juni 2014).

Faszinierend an dem meist für den Tag Geschriebenen ist der Stil. Wohl nur ein Dichter findet für die Handschrift Max Uhligs solche Worte: "Köpfe -wie verhangen von Trauerweiden" (S. 41) oder "trauerweidengepeitscht". Letzteres steht dem Leser bildhaft auf dem Schutzumschlag des imposanten Bandes vor Augen. In Glöckners übermalten Zeitungsseiten wiederum behauptet sich für Hoffmann "eine reine Gegenwelt wie die Blume auf dem Mist" (S. 84). Und meint er, darin Wahrheit findend, Wolfgang Petrovsky male den "Weltenkehricht" (S.92), so konstatiert er für Conrad Felixmüller einen Weg "Von Rosa Luxemburg zur Teerose" (S. 157). Aus den Texten spricht Zeitzeugenschaft - direkte und indirekte. Sein Gedichtband "Aufzücke Deine Sternenhände" (1953) hatte ihm die Ateliers geöffnet - zuerst das von Helmut Schmidt-Kirstein. Korrespondenz, teils auch Freundschaft, verband ihn schließlich mit einer Künstler-Phalanx von Ackermann über Körnig bis Wigand.

Hoffmann ist ein "Connaisseur". Literarisches, Historisches und unmittelbar Kunst und Künstler Betreffendes fließen wie bei seinem "Idol" Theodor Däubler oder dem von diesem geförderten, später ihn fördernden Fritz Löffler zusammen. ("Auf diese Stafette bin ich stolz", liest man auf Seite 288). Manchmal nehmen Erörterungen den Charakter von verzweigten, das Thema umschlängelnden, mit Gewinn zu lesenden Mäandern an, etwa im Katalogtext zur "Inspiration Moritzburg". Dem entspricht durchaus die Bildauswahl, die weniger bekannte Werke, viele aus Privatbesitz, einbezieht.

Das Buch ist eine Fundgrube, besonders zu Verbindungen zwischen Künstlern, Lehrern und Schülern, Älteren und Jüngeren, Dresden und anderen Kunstzentren. Hoffmann spannt den Bogen - Anreger wie Kuehl, Kokoschka und Dix, aber auch eine schuldbeladene Persönlichkeit wie den erzkonservativen Richard Müller einschließend - von Malern wie Hassebrauk, Kröner, Rosenhauer oder Wilhelm über den im Alter zauberhafte Collagen produzierenden Wigand zum konstruktiven Glöckner, weiter zu in den 1980ern Jungen wie Hampel oder Giebe, um schließlich etwa bei Latendorf zu enden. Dass, was sich dezidiert als "Sozialistischer Realismus" ausgab - manche Vertreter nennt er wie auch den Nazi Waldapfel "Minderkünstler" (S.173) -, fand sein Interesse nicht, hatten es doch, wie er entlarvend feststellt, unter diesem Vorzeichen gerade Realisten wie Querner schwer.

Hoffmann hat sich für von Dresden ausgehende Kunst auch eingesetzt, als es nicht (mehr) selbstverständlich war, sie etwa in Frankfurt/Main wahrzunehmen. Er hat, wie später die Galerie Döbele, mit der er teils eng zusammenarbeitete, oder Eduard Beaucamp, "sein" langjähriger Feuilletonchef bei der FAZ, Entfremdung entgegen gewirkt. So konnte ab 1989 denn auch ein "fruchtbares Jahrzehnt" beginnen: "Kunst aus der DDR galt im Westen als exotisch -, keiner wollte zu spät kommen." Doch heute muss Hoffmann nicht ohne Bitterkeit konstatieren: "Bald aber begann das Pendel umzuschlagen: Alles, was einmal in der DDR gemalt wurde, auch alles von den Generationen der um 1900 Geborenen, - galt plötzlich als gestrig" (S.290). Gleichwohl: "Die heute weltberühmten Begabungen Gerhard Richter und Baselitz sind nicht ohne Dresdner Wurzeln zu denken -." (S. 291).

Dieter Hoefer, Gisbert Porstmann (Hrsg.): Trauerweidengepeitscht. Spaziergänge durch die Dresdner Kunst des 20. Jahrhunderts, Verlag der Kunst Dresden Ingwert Paulsen jr., Husum 2014, 324 S., 154 Abb., überwiegend farbig, Verkaufspreis 29,95 Euro, ISBN 978-3-86530-203-8

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.01.2015

Lisa Werner-Art

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