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"Diese Wahlen inspirieren nicht" - Kulturakteure aus Marseille und Dresden vor der Europawahl

"Diese Wahlen inspirieren nicht" - Kulturakteure aus Marseille und Dresden vor der Europawahl

Kurz vor den Europawahlen am 25. Mai starten Kunstschaffende aus der EU einen Aufruf für ein neues kulturelles Europa. Der sogenannte Appell von Chaillot, nach dem Kulturforum, das Anfang April im Pariser Palais de Chaillot abgehalten wurde, ist ein Manifest, das zum Wählen auffordert und zur Verteidigung der "kulturellen Ausnahme".

Das Papier wurde von Musikern wie Fred Breinersdorfer und Jean-Michel Jarre sowie Filmemachern wie Volker Schlöndorff und Costa-Gavras unterzeichnet und drückt die empfundene Beunruhigung klar aus: "Die wirtschaftliche, politische und moralische Krise, die wir gerade durchmachen, gefährdet die kulturellen Bestrebungen in unserem Kontinent. In allzu vielen Ländern ist die Kultur vorzeitig den Haushaltskürzungen zum Opfer gefallen". Zu einem Zeitpunkt, als das europäische Parlament und die EU-Kommission neu gebildet werden, als die Zahl der Nichtwähler in Rekordhöhe zu schnellen droht und gleichzeitig die nationalistische Abschottung lauert, plädieren die kulturellen Akteure also für etwas, "das uns vereint". Dieses gemeinsame Gut ist die Kreativität.

Für Macha Makeïeff, Leiterin des Nationaltheaters in Marseille, La Criée, war es "völlig natürlich", diesen Appell zu unterzeichnen. Eindringlich betont sie: "Die Kunst ist unsere Vergangenheit und unsere Zukunft! Es ist sehr wichtig, Europa auf diese Weise aufzubauen. Wir müssen die Botschaft an die jungen Generationen weitergeben. Europa ist die große Baustelle des 21. Jahrhunderts, dies ist ein Moment der Erneuerung. Die Institutionen müssen hierfür freiheitliche Bedingungen schaffen." Wichtig seien unter anderem die Regelung der Urheberrechte und die Gewährleistung der Vitalität für die Orte künstlerischen Schaffens. Jedoch fügt die in der Provence ansässige Regisseurin hinzu: "Wir können nicht wie Vertreter der Wirtschaft angesehen werden. Ich glaube, dass Künstler nach wie vor Wächter sind, schamlose und unbezwingbare Propheten. Ihre Macht, die Welt mit Hilfe des Imaginären wieder zu verzaubern, ist ein starker Konter auf die moralische Verarmung, den seelischen Abbau, mit anderen Worten: die Fundamente der gewöhnlichen Barbarei."

Macha Makeïeff kämpft für ihre Überzeugungen, "gegen das Verzweifeln", doch nicht bloß mit ihrer Unterschrift auf einer Petition. In ihr Theater am Alten Hafen von Marseille lädt sie Tag für Tag englische oder italienische Künstler ein, führt deutsche Produktionen auf- "Wenn sie dänische oder spanische Texte hören, werden die jungen Leute zu Europäern", so die Überzeugung der Freidenkerin.

"Ich denke, dass die Künstler erhört werden müssen."

Brit Magdon, Societaetstheater

Ein ähnliches Anliegen herrscht am Dresdner Societaetstheater vor. Hier wird jedes Jahr ein Festival organisiert, konzipiert als eine Art Großaufnahme der Lebendigkeit einer bestimmten europäischen Theaterszene. Dieses Jahr stand die Region Flandern im Blickpunkt. Brit Magdon, künstlerische Programmleiterin des Theaters, wünscht sich bessere Möglichkeiten, europäische Mittel zu erhalten, um den kreativen Austausch zu erleichtern. Insbesondere, erklärt sie, für "die neuen ästhetischen Formen, die jüngsten, modernsten, diejenigen, die Architektur, Soziologie und Performances verflechten- Sie wecken das bürgerliche Pflichtbewusstsein, reflektieren unser Leben. Sie sollten dasselbe Finanzierungsniveau erreichen wie die Oper."

Pierre-Yves Bazin, stellvertretender kaufmännischer Geschäftsführer des Sächsischen Staatstheaters, hebt gerade für die Oper die bestehenden Unterschiede zwischen deutschen und französischen Bühnen hervor. Die jeweils so einzigartigen Landschaften erklären seiner Meinung nach die Kooperationsschwierigkeiten beider Länder. "Internationale Koproduktionen sind in Deutschland schwer denkbar, aufgrund der scharfen Trennung zwischen freier, unabhängiger Szene und dem Staatstheatersystem. Die Staatstheater sind kaum offen für spezielle Projekte." Südeuropäische Wandertruppen und sesshafte Ensembles im Norden lebten in jeweiliger "Unkenntnis" des Anderen, es seien lediglich kurzzeitige Begegnungen möglich. Geprägt von seinen Erfahrungen mit Sasha Waltz oder am Theater der Welt, weist Pierre-Yves Bazin auch auf die Schwierigkeiten einer harmonischen Produktion hin: "Es gibt Probleme bezüglich der europäischen Subventionen, alles ist extrem bürokratisch und derart kompliziert, dass man am Ende nicht versteht, wie es abläuft. Diejenigen, die Bescheid wissen, sind nicht unbedingt die besten Künstler - den Institutionen scheint es mehr auf die Form als auf den Inhalt anzukommen."

"Was zählt, ist das künstlerische Schaffen."

Pierre-Yves Bazin, Staatsschauspiel Dresden

Julius Skowronek vom Dresdner Projekttheater in der Louisenstraße teilt diese Ansicht. Der Veranstalter der Tanzwoche Dresden hat nach mehreren unfruchtbaren Anläufen das Handtuch geworfen. "Es ist zu mühsam, aus Brüssel Antworten zu erhalten, die Regeln müssten klarer und vereinbarer sein, außerdem bräuchte es in jedem Land Referenten, um die sprachlichen Hürden zu überwinden." Trotz dieser Schwierigkeiten gingen zahlreiche Künstler das Wagnis ein, sich von den Landesgrenzen loszumachen. Deren freies Zirkulieren zu fördern, sei absolut notwendig, erklärt Julius Skowronek enthusiastisch: "Es würde helfen, wenn es Reisemittel gäbe, um die Tourneen auf europäischer Ebene zu unterstützen." In Erwartung einer solchen, bislang nur erhofften Zusammenarbeit bedauert er: "Diese Europawahlen inspirieren niemanden." Was bleibt, ist seine Waffe gegen die Gleichgültigkeit, nämlich die Neugierde und die poetische Schamlosigkeit, eine nimmer gleiche Sprache, die sich an alle richtet. Sie hat einen ganz ähnlichen Klang wie der in Chaillot formulierte Appell für eine zielgerichtete europäische Kulturpolitik.

appell von chaillot

Schauspieler, Regisseure, Choreografen: Sie alle sorgen sich zurzeit um die kulturelle Vielfalt Europas. Deshalb hat die französische Kulturministerin Aurelie Filippetti hatte Anfang April unter der Überschrift "Kultur und Europa" ins Theater Chaillot oberhalb des Eiffelturms eingeladen: "Die Zeit für Europa ist gekommen, die Kultur zu einer zentralen Angelegenheit der Politik zu machen." Künstler aus ganz Europa kamen, 50 Kulturschaffende unterzeichneten einen Appell zum "Schutz der Kultur in Europa" unterschrieben. Unter anderem war Skepsis darüber zu spüren, ob nicht doch die kulturelle Vielfalt Europas auf dem Tisch der transatlantischen Freihandels-Verhandlungen geopfert wird.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.04.2014

Gwenola Gabellec

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