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"Diener zweier Herren" im Kleinen Haus in Dresden

"Diener zweier Herren" im Kleinen Haus in Dresden

In den Koalitionsverhandlungen um die neue Bundesregierung mutieren Wahlversprechen zu Weihnachtsgeschenken, die ARD schwelgt auf allen Kanälen in den Glücksmomenten großer und kleiner Leute.

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Während es zwischen Beatrice (Ines Marie Westernströer, l.) und Silvio (Justus Pfannkuch) hoch her geht, wird es im Hintergrund ganz eng zwischen Smeraldina (Lea Ruckpaul) und dem Wirt Brighella (Philipp Lux).

Quelle: Matthias Horn

Da will auch das Dresdner Staatsschauspiel nicht zurückstehen und lässt im Kleinen Haus als Antidepressivum Carlo Goldonis "Diener zweier Herren" fröhlich Amok laufen, bis gleich drei Paare, bis dahin eigentlich sechs arme Würstchen, nach allerlei Turbulenzen und Missverständnissen ihr nun ja nicht ganz verdientes, aber jedenfalls gönnenswertes Glück finden.

Im Unterschied zu Marcelo Diaz, der das Stück erst vor einem Jahr in der Übersetzung von Jürgen Flimm an den Landesbühnen herausbrachte, verlegt Bettina Bruinier die Handlung nicht etwa in die moderne Geschäfts- und Bankenwelt, sondern lässt sie im Stil einer allerdings sehr heutig aufgefassten commedia dell'arte ablaufen, in einer veritablen Bretterbude von Gasthof mit Galerie und steil hinaufführender Treppe, in dem bei Bedarf nicht nur die Essenausgabe, sondern auch die Türen einschließlich der Gästezimmer um eine Mittelachse wirbeln (Bühne Philipp Nicolai). Fast alles geschieht unter den Augen des Wirts Brighella (Philipp Lux), der aber auch so alles durchschaut, dessen Aktivität sich jedoch weitgehend darauf beschränkt, dass er ab und an mit kratziger Stimme darüber nachsingt, welch seltsames Spiel doch die Liebe ist. Ansonsten ruft er bei jeder Gelegenheit nach seinem schnuckeligen Barmädchen Smeraldina (Lea Ruckpaul), in das sich Truffaldino selbstverständlich auf den ersten Blick verlieben muss, zumal neben ihr Clarice eher wie eine Landpomeranze wirkt - die Tochter des wohlhabenden Pantalone, um deren eilig betriebene Verheiratung sich eigentlich alles dreht, die allerdings auch schon schwer und handgreiflich verliebt ist in den jungen Heißsporn Silvio (Justus Pfannkuch), der hier ganz ohne seinen Vater zurechtkommen muss, als vermeintlich sein Nebenbuhler Federigo auftaucht und prompt von Pantalone bevorzugt wird. Dass er es am Ende auch schafft, obgleich er zwischendurch mächtig auf die Nase bekommt, bezeugt eine höhere Form von Stehvermögen.

Zwar scheint zu Beginn vieles wie gewohnt, am Ende statistisch alles wie gehabt, doch hat Martin Heckmanns seine Textfassung nicht nur mit Klassikerzitaten und flotten Sprüchen aufgepeppt, sondern darin vor allem mit den überlieferten Rollenklischees gebrochen. Da ist jeder seines Glückes Schmied und auch die Regisseurin Bruinier weit davon entfernt, eine Figur zu denunzieren, um andere hervorzuheben. Die jungen Leute müssen selber zum Ziel kommen, der liebenswerte Chaot Truffaldino wie die kesse Smeraldina, die erst noch gehemmte, dann aber emanzipierte Clarice, der lange als Prügelknabe verkannte Silvio und die irgendwie in einer Traumwelt lebenden Verliebten Beatrice (Ines Marie Westernströer) und Florindo (Sascha Göpel), der doch eigentlich ein Mörder sein soll, hier aber anscheinend keiner Fliege etwas zuleide tun kann. Pantalone ist in diesem Umfeld nur ein einsamer, etwas begriffsstutziger älterer Herr. Eitel und ein bisschen unbeholfen wirkt er im lindgrünen Anzug, mit schweren Goldketten und mehreren Armbanduhren behängt, zu denen, wenn es brenzlig wird, sich sein Blick flüchtet mit einem bedauernden: "Ich muss..." Ahmad Mesgarha gibt der Figur einen leise mafiosen Geruch, aber tatsächlich auch etwas Väterliches, während ihre geschäftliche Gewieftheit wie die von Beatrice etwas kurios verendet, indem das ausgehandelte Wertpapier zusammen mit dem Tagebuch Florindos wie Kehricht unter der Treppe landet. Beatrice gibt sich mal arg handfest, mal gewieft, am Ende sentimental aufgelöst. Eigentlich in die Maske ihres Bruders geschlüpft, um diesen bestmöglich zu beerben, geht es ihr schließlich gar nicht mehr ums Geld und Truffaldinos Lügen und Ausflüchte erscheinen lässlich bzw. auf Augenhöhe mit den Dummheiten seiner alles andere als aristokratischen Herrschaften.

Der doppelt verdingte Diener (Christian Clauß) in Turnschuhen, gesteppter Hose, flottem rotem Jäckchen und Pudelmütze (Kostüme: Teresa Vergho) hat zwar den berüchtigten Hunger, aber weder ein glaubhaftes Alibi für sein Analphabetentum, noch sozial gesehen rechte Gegenspieler. Doch er wurschtelt sich nicht nur irgendwie durch, sondern mit Bravour, mit Witz, Slapstick und akrobatischen Einlagen, wie man sie nicht alle Tage auf einer Theaterbühne sieht. Das Ganze gipfelt in einem "Crossover Cuisine Menü" für die Herrschaften, ohne Wackelpudding, aber mit einem Gazpacho, dessen korrekte Temperatur die gastronomische Bildungsstufe der Gäste entlarvt, bevor Teigtaschen und Teller im auch von Ruckpaul und Lux befeuerten Wahnwitz durch die Luft fliegen, dass man schon auch über die zitierten apokalyptischen, pardon appetitlichen Reiter schmunzeln kann, die statt mit Tod und Entsetzen mit einem kulinarischen Theaterexzess aufwarten, der tatsächlich vom Großteil des Publikums aufgenommen wurde, als handele es sich um reine Glückshormone.

inächste Aufführungen am heutigen Sonnabend sowie am 29.11. und 7.12.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.11.2013

Tomas Petzold

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