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Die unerreichbare Freiheit - Grit Poppes Buch zum Thema Jugendwerkhof Torgau

Die unerreichbare Freiheit - Grit Poppes Buch zum Thema Jugendwerkhof Torgau

Ihr Vergehen: Weggelaufen zu sein von denen, die sie wie ein Nichts behandelten. Aufbegehrt zu haben gegen die, die in ihr keinen Menschen sahen. Ihre Strafe: Geschlossener Jugendwerkhof Torgau.

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Dunkelzelle.

Gonzo ist 16, als sie nach Torgau gebracht wird. Gonzo heißt eigentlich Nicole und ist ein Heimkind. Der ungeliebte Name ist das einzige, was ihr von der Mutter blieb, die sie einfach weggab. Nirgends ein zu Hause zu haben, war schlimm genug. Da wollte sie wenigstens ihre Würde, ihre Persönlichkeit behalten. Das passte nicht in den sozialistischen Heimalltag, also haute Gonzo immer wieder ab. Die Folge: Jugendwerkhof, Drill, neues Aufbegehren. Dann: siehe oben.

In ihrem Buch "Weggesperrt" hatte Grit Poppe 2009 das auch zwanzig Jahre nach der Wende längst nicht vollständig aufgearbeitete Thema Geschlossener Jugendwerkhof in der DDR jungen Lesern auf unter die Haut gehende Weise nahe gebracht. Sie erhielt dafür u.a. den Gustav-Heinemann-Friedenpreis für Kinder- und Jugendliteratur. Jugendliche, die den Roman als Prüfungsthema behandelten, fragten die Autorin immer wieder nach dem Schicksal von Gonzo, die in "Weggesperrt" als Nebenfigur auftaucht. Für Grit Poppe Anlass, mit "Abgehauen" ein weiteres Buch zum Thema vorzulegen, in dem nun Gonzo im Mittelpunkt steht.

Noch einmal schildert sie beklemmend den Alltag in Torgau, beschreibt den Arrest in der Dunkelzelle, von dem ehemals hier eingewiesene Menschen heute sagen: "Hier wurde ich zerstört". Im Roman gelingt Gonzo, nachdem sie sich selber brutal verletzt hat und ins Krankenhaus gebracht wurde, auf der Rückführung in ihren Stamm-Jugendwerkhof die Flucht. Es ist der Herbst 1989, in Scharen flohen die Menschen über Ungarn aus der DDR, haben in der Prager Botschaft Zuflucht gefunden. Dorthin will auch René, dem Gonzo auf ihrer Flucht begegnet.

Grit Poppe beschreibt nicht nur fesselnd den Weg der beiden jungen Menschen, der im Westen und mit dem Mauerfall endet. Sie verknüpft ihn auch stringent mit dem Innenleben eines Mädchens, das das Erlebte nie mehr loswerden wird. Das Stimmen hört und immer wieder von knallenden Riegeln und den sexuellen Bedrängungen eines Erziehers träumt. Das die bestialischen Gerüche nicht vergessen kann und sich mühen muss, nicht stramm zu stehen, wenn sie angesprochen wird. Das sich nicht ins dunkle Kino traut und unendliches Glück beim Anblick eines krabbelnden Käfers empfindet. Dem für die "Beseitigung individualistischer Gerichtetheit" - so der Auftrag der Werkhöfe - Bildung verwehrt wurde. Es geht Gonzo wie den meisten ihrer Leidensgenossen: Über das Erlebte zu reden, fällt ihr wahnsinnig schwer. Anderen Menschen Vertrauen entgegen zu bringen, scheint ausgeschlossen. Ebenso, dass sie je wirklich frei sein könnte.

"Abgehauen" ist ein wichtiges Buch in einem Jahr, in dem der Bund und die ostdeutschen Bundesländer einen Hilfsfond für ehemalige ostdeutsche Heimkinder aufgelegt haben. Die daraufhin am 2. Juli eröffnete sächsische Anlauf- und Beratungsstelle in Leipzig hat in den ersten drei Monaten ihres Bestehens einen Ansturm erlebt: Es gab rund 3000 Anfragen per Telefon, E-Mail oder direkt vor Ort von Männern und Frauen, die unter den Folgen ihrer Unterbringung in Heimen und Jugendwerkhöfen der DDR leiden und sich über Therapien und Rentenersatzleistungen informieren wollen. Die Wartezeit auf ein persönliches Gespräch beträgt mehr als sechs Monate.

Wie viel hier noch aufgearbeitet werden muss, belegen allein die in der Berichterstattung zum Hilfsfond veröffentlichten Zahlenangaben: Von 300000 Kindern und Jugendlichen mit DDR-Heimerziehung sprechen die einen, von bis zu 600000 die anderen. Nach Torgau wurden laut der heute dort angesiedelten Gedenkstätte bis zur Schließung im Herbst 1989 4046 Jugendliche eingewiesen. Gonzos Geschichte ist erfunden, aber sie steht für tausende reale Schicksale.

Grit Poppe: Abgehauen. Dressler, 336 S., 9.95 Euro. Ab 14 Jahren. ISBN: 978-3-7915-1633-2

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.11.2012

Sybille Graf

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