Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 13 ° wolkig

Navigation:
Google+
Die ukrainische Pianistin Valentina Lisitsa debütiert in Dresden und spricht über ihren YouTube-Erfolg

Die ukrainische Pianistin Valentina Lisitsa debütiert in Dresden und spricht über ihren YouTube-Erfolg

Sinfoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle in der Semperoper wird die ukrainische Pianistin Valentina Lisitsa mit der "Paganini-Rhapsodie" von Rachmaninow ihr Debüt in Dresden geben.

Voriger Artikel
Biennale Tanzausbildung wird in Dresden international
Nächster Artikel
Sven Regener las im Dresdner Theater Wechselbad und brachte Karl Schmidt mit

Valentina Lisitsa

Quelle: Gilbert Francois

Lisitsa legte den Grundstein zu ihrer Karriere mit selbstproduzierten YouTube-Clips, die ihr eine riesige Fangemeinde bescherten. 2012 spielte sie vor mehr als 8000 Fans in der Londoner Royal Albert Hall und hat seitdem Konzertpodien in aller Welt erobert. Alexander Keuk sprach mit der Pianistin.

Frage: Wie fühlt es sich an, wenn man Sie überall als "YouTube-Star" ankündigt? Ist das in Ordnung?

Valentina Lisitsa: Ja und nein. Natürlich, denn das ist mein Publikum. Aber nicht ausschließlich. Es gibt auch Menschen, die gar kein YouTube haben. Aber möglicherweise sorgt so eine Überschrift für eine vollere Halle.

2007 haben Sie Ihr erstes Video hochgeladen, wie bewerten Sie den Weg nach nunmehr sieben Jahren? Ein Märchen einer Karriere oder harte Arbeit?

Natürlich war es harte Arbeit, die man auf den Videos nicht sieht. Ich glaube, ein wichtiger Moment war, dass ich nicht als YouTube-Eintagsfliege präsent war, sondern kontinuierlich und dann natürlich auch live. Ich bin nicht virtuell, und für manche war es vielleicht doch ein Aha-Erlebnis: Ja, sie spielt "wirklich". Man darf auch nicht vergessen, dass es eine Menge sehr guter Pianisten gibt - in gewisser Weise ist es ja auch ein Produkt, was man mit so einer Entscheidung schafft.

Also tritt man auch in Wettbewerb?

Nein, Wettbewerb ist das schlimmste Wort überhaupt für Musik. Es gibt natürlich viele junge Musiker und Musikliebhaber, die die ganze Zeit darüber reden. Die Kunst fängt aber da an, wo Wettbewerb aufhört. Man kann nicht mit anderen in Wettbewerb treten, nicht einmal mit sich selbst. Man geht auch nicht auf die Bühne, um geliebt zu werden. Der Komponist ist der Schöpfer der Musik, man selbst sollte doch nur ein bescheidener Diener sein.

Aber Sie haben selbst auch die russische Klavierschule genossen?

Ja, natürlich. Das war so, da ging man auf die Bühne und kam mit einer Medaille wieder herunter. Aber entscheidend ist doch, was danach kommt.

Jetzt haben Sie gut 100 000 Abonnenten auf YouTube, allein ein Satz aus der "Mondschein"-Sonate von Beethoven zählte Klicks von sechs Millionen. Viele Menschen kommentieren und stellen Fragen - können Sie das alles eigentlich noch selbst betreuen?

Ich mache das alles selbst. Und ich habe auch eigenhändig die Videos produziert und hochgeladen. Wenn man heute das erste Video aus dem Jahr 2007 sieht, wirkt es fast antiquiert, mittlerweile habe ich ordentliche Technik für den Ton und die Kamera und gehe für einige Videos in ein Studio. Es ist aber immer noch ein Hobby für mich - ich bin natürlich an erster Stelle Pianistin. Ich könnte auch mit den Videos aufhören, aber ich kann ja schlecht mein Publikum ignorieren. Und ich sehe auch, wie wichtig diese Art des Zuganges zur klassischen Musik etwa für junge Leute ist. Sie können eben nicht darauf vertrauen, dass man in der Schule Musikunterricht gibt und diese jungen Leute dann automatisch ins Konzert gehen. Sie suchen sich das fernab von konventionellen, vorbestimmten Wegen selbst aus. Social Media ist heute völlig normal für sie: im Internet etwas anschauen, hören und teilen. Sie wissen, wie man heute kommunizieren kann. Musik an sich ist immer eine soziale Erfahrung, die Menschen gerne teilen und gemeinsam machen.

Welche Rückmeldungen bekommen Sie von Ihren "Usern"?

Man bekommt sehr schnell mit, dass meine Videos auch von Menschen geschaut werden, die gar kein Konzerthaus in der Nähe haben oder sich kein Ticket für ein Konzert leisten können, auf dem normalen Wege also keinen Zugang zur klassischen Musik fänden. Als ich in der Nähe von Kiew aufgewachsen bin, da gab es eben nur ein Radio. Heute müssen wir realisieren, dass wir einen fast grenzenlosen Zugang haben, egal wo der Hörer sitzt und der Pianist gerade spielt. Ich bekam neulich einen Brief von einem Mädchen aus Jordanien, die Beethoven fantastisch findet. Sie hat kein Klavier und spielt in der Schule nach dem Gehör etwas nach; alle sagen, sie ist ein Wunderkind, aber dort kann sie niemand unterstützen. Ich versuche gerade, für sie ein Klavier zu organisieren.

Das legt ja nahe, dass Sie auch über das Internet pädagogisch aktiv werden könnten.

Die beste Musikerziehung ist Zuhören. Menschen, die lernen wollen, schauen und hören intensiv. Ich habe selbst mehr durch Platten der sogenannten "Goldenen Ära" des Klaviers gelernt, als durch Lehrer, die mir bestimmen wollten, wie schnell oder laut ich zu spielen habe.

Sie spielen ja nicht nur in den Videos, sondern sprechen auch über Musik...

Ja, ich sehe das aber eher wie die dokumentarische Arbeit eines Museums, wo man den Bildern einen Background verleihen kann. Es ist eben auch hochinteressant, einmal zu erfahren, dass der "Mondschein" nicht alles an der berühmten Beethovensonate ist. Auch ohne einen Guide im Museum können Sie immer noch die Farben und Porträts genießen.

Sie haben in einem Video gesagt: "Ich hasse Rachmaninow" - das war doch ein großes Augenzwinkern?

Klar, das es sollte provokant sein, und es war auch eher in die Richtung der - auch bekannten - Übersteigerung dieses Sentiments gemeint, mit dem man Rachmaninow gern verbindet. Natürlich liebe ich Rachmaninov, und es gibt sehr viele Arten, ihn zu spielen.

Sie spielen auch gern spontan an öffentlichen Plätzen, haben sich in einem Londoner Bahnhof an ein Klavier gesetzt. Meinen Sie, man sollte Bahnhöfe und Flughäfen besser mit Klavieren ausstatten?

Natürlich! Nicht nur Bahnhöfe, auch Kindergärten und Spielplätze. Wenn Sie eine Violine auf einen Spielplatz legen, ist es eher problematisch, aber ein Klavier wäre doch wundervoll. Viele Klaviere verwaisen heute in Wohnzimmern, da wäre es oft sinnvoller, sie der Öffentlichkeit zu geben, damit Menschen die Gelegenheit bekommen zu spielen.

Die Entwicklung in den Medien ist rasant - vermutlich werden Sie in zehn oder zwanzig Jahren zum Gegenstand medienwissenschaftlicher Forschung-

Das passiert bereits jetzt schon. Ich bekomme Anfragen von Studenten, die Arbeiten oder Diplome über mich schreiben. Es ist aber schwer zu sagen, wie es weitergehen wird, und ich lebe ehrlich gesagt auch lieber in der Gegenwart, als mich mit der Zukunft zu beschäftigen. Wenn mein Manager anruft und mir einen Termin für 2016 vorschlägt, kann ich nur sagen, woher will ich denn jetzt wissen, was ich da spielen will?

Sie haben mit der Geigerin Hilary Hahn zusammen die Violinsonaten von Charles Ives aufgenommen. Sie ist auch bei YouTube mit einem eigenen Kanal vertreten, in dem sie vor allem Musikerkollegen interviewt. Haben Sie gegenseitig Tipps und Tricks ausgetauscht?

Als wir anfingen, gemeinsam zu spielen, muss das 2008 gewesen sein. Ehrlich gesagt, war ich da noch gar nicht so weit und bewunderte Hilary, wie locker sie mit den Medien umging. Ich war da sogar ein bisschen kritisch, wie kann man denn dafür noch so viel Zeit haben, dachte ich. Das ist natürlich heute anders, aber man muss sich auch Grenzen setzen. Ich bin Pianistin, ich habe auch Familie und bin Mutter - ich schaue sehr genau, dass alles seinen Platz findet. Ich werde weiterhin mit den neuen Medien arbeiten, ich entdecke auch sehr gerne neue Dinge - aber nicht um der neuen Dinge willen. Mir geht es um die Substanz, letztlich um die Musik.

5. Symphoniekonzert der Staatskapelle Dresden: 1.2, 19 Uhr, 2.2., 11 Uhr, 3.2., 20 Uhr, Semperoper. David Robertson, Dirigent; Valentina Lisitsa, Klavier. Rihm: "Verwandlung 5" (2013), Rachmaninow: Rhapsodie über ein Thema von Paganini für Klavier u. Orchester; Prokofjew: Symphonie Nr. 5

Kostenlose Einführungen jeweils 45 Minuten vor Konzertbeginn im Opernkeller

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.01.2014

Alexander Keuk

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr