Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Die späten Gemälde von Wilhelm Lachnit in der Städtischen Galerie Dresden

Die späten Gemälde von Wilhelm Lachnit in der Städtischen Galerie Dresden

Fast fünfzig Jahre nach dessen Tod entdeckt Dresden erneut den Maler Wilhelm Lachnit, der fast sein ganzes Leben in der Stadt verbrachte und doch in der Welt der Kunst äußerst bewandert war und etwas ganz Eigenes darin einzubringen verstand wie nur wenige.

Voriger Artikel
„Weltuntergang 2012?" - SLUB Dresden zeigt Ausstellung zur Maya-Handschrift
Nächster Artikel
Enge Verbindungen auch nach Dresden - dem Tänzer und Choreographen John Neumeier zum 70.

Wilhelm Lachnit. Knabe mit Kanarienvogel. 1946/47. Lindenau-Museum Altenburg.

Quelle: Sinterhauf

Einen Eindruck davon vermittelte Ende vorigen Jahres die Ausstellung "Neue Sachlichkeit" in Dresden, in der Lachnit als einer der bedeutendsten Protagonisten mit zehn Werken vertreten war.

Seit kurzem hängt sein "Tod von Dresden", eines der neuzeitlich wohl mit am stärksten identitätsstiftenden Bildwerke der Stadt, im Entree der Ausstellung "geteilt | ungeteilt" im Albertinum, wo er ansonsten trotz einer Sonderausstellung im Jahr 2000 etwas aus dem Blickfeld geraten war. Den größten Schritt macht aber jetzt die Städtische Galerie, indem sie das weithin kaum bekannte malerische Spätwerk Wilhelm Lachnits ins Blickfeld rückt. Dabei ist diese Einordnung womöglich irreführend, denn ein Alterswerk blieb dem Künstler versagt - zwei Tage nach seinem 63. Geburtstag starb er am 14. November 1962 an den Folgen eines zweiten Herzinfarkts.

Erst drei Jahre später fasste man den Mut zu einer Gedächtnisausstellung in den Neuen Meistern und setzte sich damit über Verdikte der Formalismusdiskussion hinweg. Das war bereits die zweite Wiederentdeckung. Die erste hatte in der Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung 1946 stattgefunden, mit der die von den Nazis verfemten Künstler öffentlich rehabilitiert wurden. Plakat und Katalogeinband hatte der Kommunist und frühere Mitbegründer der "Assoziation revolutionärer Bildender Künstler" entworfen.

Die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden Bilder sind also eigentlich Werke aus den besten Schaffensjahren, aus einer Zeit des Aufbruchs, geprägt aber auch von schwierigen, bis ins Absurde zugespitzten Auseinandersetzungen, in deren Brennpunkt Wilhelm Lachnit häufig stand. Wer sich in der ostdeutschen Kunstgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg auskennt, kann einiges davon erahnen angesichts eines Werks, in dem Farbkultur und Komposition, Abstraktion und Stilisierung aus vielfachen Bezügen zur Kunstgeschichte hergeleitet sind, in dem kostbare Stofflichkeit und allgemeine humane Werte bestimmend und konkreter Zeitgeist ausgeklammert oder "missverstanden" erscheinen. Frei von Polemik sucht das von Kuratorin Sigrid Walther und Galeriedirektor Gisbert Porstmann herausgegebene Katalogbuch einen Teil davon zu erklären.

In diesem Sinn scheint der Ausstellungstitel "Refugium und Melancholie" vordergründig auf Zurückgezogenheit oder gar innere Emigration hinzudeuten, in Wahrheit ist das Begriffspaar aber nur ein Aspekt, aus dem sich die Strahlkraft der in Motivgruppen geordneten Bilder erklärt. Auch Expressivität und Zurückhaltung, Abstraktion und Lebendigkeit könnten als Grundierung für Bildmotive stehen, in denen das hintergründige Spiel von Masken und Skulpturen, Dialoge von Interieur und Gegenstand den gleichen Rang einnehmen wie Bildnisse in eigene oder fremde Gedankenwelten versunkener Menschen.

So scheint in dem "Ruhenden Tänzer" noch Einklang von Musik und Bewegung nachzuschwingen, Stolz auf etwas Geleistetes, aber auch bereits die erneute Konzentration. Hier wie bei dem "Knaben mit Kanarienvogel" ist aber auch Sigrid Walthers Verweis auf die italienische Frührenaissance angebracht, mit der sich Lachnit ebenso an Ort und Stelle auseinandersetzte wie 1956 mit dem Abstrakten Expressionismus auf der Biennale von Venedig oder im selben Jahr mit Picasso in Hamburg. Nicht alles hat gleichermaßen Spuren hinterlassen in Lachnits stets sehr stofflicher, aber ausgefeilt gründlicher Malerei. Er selbst, der 1947 bis 1953 Professor an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste war, hat mindestens bis in die 70er und 80er Jahre in die Dresdner Kunst hinein weitergewirkt, angefangen und weiter vermittelt durch Schüler wie Jürgen Böttcher (Strawalde) und Manfred Böttcher bis zu Harald Metzkes, Hildegard Stilijanov oder Inge Thiess-Böttner.

Diese Zusammenhänge wird man freilich kaum wieder so gut nachvollziehen können wie angesichts der aktuellen Ausstellung, die nach Annahme von Sigrid Walther etwa zwei Drittel der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Gemälde des Künstlers vereint. Ein einziges gehört der Städtischen Galerie, immerhin ein gutes Drittel der Leihgaben kommt aus Dresden - der Löwenanteil von der Galerie Kühl. Außer den zwei hier gezeigten besitzen die Neuen Meister weitere vier aus dieser Zeit, zwei gehören zum Kunstbesitz der TU. Prominente Leihgeber sind die Neue Nationalgalerie in Berlin, das Angermuseum in Erfurt, wo die erste und einzige zu Lebzeiten ausgerichtete Personalausstellung stattfand, und die Eremitage in St. Petersburg.

Der relativ geringe Umfang des malerischen Spätwerks scheint freilich keine Folge von Missachtung oder Ausgrenzung, sondern erklärt sich durch zahlreiche (zum Teil unvollendet gebliebene) Aufträge und die zeitweilige Lehrtätigkeit ebenso wie durch die zeitaufwändige Gründlichkeit der Arbeitsweise - und das reichhaltige grafische Schaffen von Lachnit. Die kleinformatigen Monotypien der letzten Lebensjahre gehörten zum Vollkommensten, was ihm je gelungen sei, schrieb Fritz Löffler, der 1926 den ersten Erwerb eines Lachnit-Blatts für das Stadtmuseum getätigt hatte. Nach schwerem Ringen habe man darauf verzichtet, in der Ausstellung auch Arbeiten auf Papier zu zeigen, bekannte Gisbert Porstmann. Und das ist vielleicht auch gut so, denn nun bleibt eine geradezu unabdingbare Verpflichtung, die in absehbarer Zeit eingelöst werden will.

Bis 3. Juni, Städtische Galerie, Di.-Do., Sa. & So. 10-18, Fr. 10-19 Uhr

14. März, 19 Uhr: Chaconne - Konzert im Rahmen der Sonderausstellung mit Bettina Sitte (Berlin)

27. März, 19 Uhr: Transparenz in Blau: Lesung mit Durs Grünbein

18. April, 16.30 Uhr: Die Supraporten von Wilhelm Lachnit, Führung Internat Fritz-Löffler-Str. 18

27. April, 16.30 Uhr: Kunstgespräch mit Sigrid Walther

24. Mai, 19 Uhr: Die Wege der Nachkriegsmoderne, Vortrag von Eduard Beaucamp

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.02.2012

Tomas Petzold

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr