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Die multiple Performance "multifil identity" im Hygiene-Museum

Die multiple Performance "multifil identity" im Hygiene-Museum

Wer dabei war, wird diesen Abend im Hygiene-Museum nicht vergessen. Dies gilt für die 22 tanzenden Akteure mit oder ohne Handicap, für die Livemusiker, für den Mann mit der Livekamera, für die Techniker, alle Helferinnen und Helfer, vor allem aber für das Publikum, das am Ende diese Premiere des Tanztheaterprojektes von Bronislav Roznos, der auch als Tänzer dabei ist, begeistert feiert.

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Ein Rollstuhlfahrer verlässt sein Hilfsmittel der Bewegung, gemeinsam mit seinem Tanzpartner kann er abheben.

Quelle: Stefanie Fugmann

Der Abend beginnt mit Brecht, mit seinem Gedicht vom kleinen Pflaumenbaum, den man an seinem Blatt erkennt, auch wenn ihm die Sonne fehlt, er nicht blüht und keine Früchte trägt. Ein Schauspieler eröffnet das Tanztheater, er wird als Live-Begleiter das Geschehen für blinde Menschen beschreiben.

Mit seinen knapp zwei Stunden ist dieser Abend lang, aber Längen hat er nicht. Bald spürt man, dass die Akteure je nach ihren Möglichkeiten auch unterschiedliche Zeit benötigen, um immer wieder in jenen Zustand der Freiheit zu gelangen, der ihnen die Bewegungen des Tanzes ermöglicht. Die Arten der Behinderungen der Akteure sind von unterschiedlicher Art. Da sind Rollstuhlfahrer, die mit rasanter Geschicklichkeit im Takt der Musik solistisch, im Duo, im Trio agieren. Da ist der Breakdancer, dem ein Junge mit seinen Hip-Hop-Varianten und einer Moonwalkpassage heitere Konkurrenz macht.

Dann eine große Gruppe, Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene im Spiel der Hände von lyrischer Dynamik, die am Ende Unterschiede nicht aufhebt, aber so miteinander verbindet, dass die Bewegungen des Tanzes den jeweils gesetzten Akzenten folgen. Darin liegen Größe und Besonderheit dieser multiplen Tanzperformance, deren Kraft aus der gegenseitigen Offenheit der Tänzerinnen und Tänzer kommt, die so aus dem Geben und Nehmen eine neue Qualität des Miteinanders entstehen lassen. Es sind immer wieder jene Augenblicke des Tanzes in seiner besonderen Art, die den Zwängen und Vergeblichkeiten des Alltags den Sprung, das Schweben, Momente der Leichtigkeit des Seins entgegen setzen.

Da ist die Frau im elektrisch betriebenen Rollstuhl im Duett mit dem Tänzer, bald ist nicht auszumachen, wer wem folgt, wer den Weg bestimmt, das Spiel, den Rhythmus. So entstehen Bilder von zerbrechlicher Schönheit in der Spannung aus Distanz und Nähe, in der Kraft des gegenseitigen Aufhebens, in der Feier des besonderen Moments. Da ist die Tänzerin, der Tänzer, ein Paar, das schwer behinderte Kind im Rollstuhl, ein Spaziergang im Sommer, und bald ist nicht mehr auszumachen, wessen Energie hier wen beflügelt, wenn diese Szene in einer atemberaubenden Rollstuhlpirouette gipfelt. Die blinde Tänzerin braucht ihren Stock nicht mehr, sie findet ihren Weg und den ihres Partners auch.

Im Verlauf des Abends wird die Energie des gegenseitigen Vertrauens immer größer, Tänzerinnen und Tänzer lassen sich fallen, sie wissen, ihre Partner fangen sie auf, um sie gleich darauf wild und übermütig durch den Raum zu wirbeln. Ein Rollstuhlfahrer, dem beide Beine fehlen, verlässt sein Hilfsmittel der Bewegung, gemeinsam mit seinem Tanzpartner kann er abheben.

Einer der längsten und intensivsten Beiträge ist das Duett eines erwachsenen Tänzers mit einem geistig und körperlich schwer behinderten Jungen. Langsam lässt sich der Junge auf die Angebote ein, langsam beginnt sich sein Körper aus den ruckartigen Bewegungen zu befreien, um in leichte Schwingungen zu geraten. Langsam verschwimmen die Unterschiede und weil wir hier so etwas wie visionäre Augenblicke erleben, werden diese Szenen in verfremdeter Form in einer Videoinstallation in das Dresdner Stadtbild projiziert. Immer wieder fröhliche Improvisationen der ganzen Gruppe. Ein Clownstrio der Rollstuhlfahrer leitet das Finale ein, bei dem sich alle die Clownsnase aufsetzen und ihrer Lust an der Bewegung freien Lauf lassen.

Jeder Mensch sei Tänzer, so der Choreograf John Neumeier. Der Choreograf und Tänzer Bronislav Roznos tritt mit seinem Tanztheater als getanzte Erweiterung der Horizonte des Alltags den Beweis an.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.06.2015

Boris Gruhl

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