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Die isländische Gruppe Árstídir mit neuen und alten Songs in Dresden

Die isländische Gruppe Árstídir mit neuen und alten Songs in Dresden

Die ersten Takte sind vielversprechend, dann stellen sich einem mehr und mehr innerlich die Nackenhaare auf. Das gefällt den Leuten? Wird sogar von der Kritik hymnisch gefeiert? Diese gefälligen, dreimal in Zucker gebadeten Schnulzen? Es mag ja von beachtlicher formaler Qualität sein, was die fünf Mitglieder von Árstídir aus Island zu Gehör bringen, aber süßlicher Edelkitsch bleibt süßlicher Edelkitsch.

Árstídir (deutsch: "Jahreszeiten) waren also da. Mit im Gepäck das neue Album "Hvel". Das Konzert in der Dreikönigskirche war tutto completto ausverkauft. Die Musik ist eine Melange aus vielerlei Einflüssen: Indie und Progressive Rock sind im Spiel, aber auch isländische Volksmusik, Minimalismus sowie Elemente der klassischen Musik lassen sich teilweise unschwer heraushören. Die fünf, ganz in schwarz gekleideten Männer zaubern vor allem Klavier, Cello, Geige und Gitarre von Melancholie beträufelte Sound-Landschaften, in denen mal der Zauber der Natur, mal die kleinen wie die großen Krisen, die das Leben so bergen kann, abgehandelt werden.

Klar schwingt (mehr als nur) ein Hauch von Sigur Rós in der Luft, Islands mystischer Antwort auf Radiohead. Wohlmeinende Geister versichern vermutlich, dass die Songs von Árstídir jenen Respekt atmen, der sich unwillkürlich einstellt, wenn man in den rauen, von Wind und Regen durchtosten Landschaften auf Island steht.

Gesungen wird mal in der Weltsprache Isländisch (oder war's Elfisch?), mal nimmt man mit Englisch vorlieb. Der erste Teil des Abends währt grade mal etwas über 35 Minuten, aber die hatten gereicht, um die Stimmung im Saal in unglaubliche Höhen zu schrauben. Es folgt Teil 2 des Abends. Und unvermutet ist man in einer ganz anderen Welt - ganz ohne dass von irgendwelchen bewusstseinserweiternden Substanzen wie etwa Kräutertee oder biodynamischen Yoghurt Gebrauch gemacht worden wäre.

Die vorher so aalglatten Lieder haben nun Ecken und Kanten, sind brüchiger, und auch der Gesang kommt nicht mehr ganz so engelsgleich rüber, sondern ist eindeutig geerdeter. Richtig gut wird es, wenn Cello und Violine ins Spiel kommen, streichersatte Melancholie im Kirchenschiff in der Luft liegt. Voller Emphase und Intensität werden die Möglichkeiten der Instrumente ausgelotet. Mal wird das Tempo gedrosselt, dann wieder anzogen - es sind eben die kleinen Überraschungen, die das Leben so spannend machen. Spieltechnische Finessen werden gemeistert, als sei's die leichteste Sache der Welt. Auch was Ragnar Olafsson dem Klavier an Tönen entlockt, ist bemerkenswert. Zu vernehmen sind entrückte Miniaturen, die ein bisschen an das Klaiverspiel der Dänin Agnes Obel erinnern.

Gelegentlich ist man sogar so frei, die Instrumente wegzulegen und quasi als Männergesangsverein en miniature A-cappella-Nummern einzuschieben. Der Isländer klang dann plötzlich wie der Korse oder der Sarde. Auf Stimme pur wird nur gesetzt, wenn Stimmung und Ort passen würden, wie man erfährt. Das war hörbar der Fall - zum allgemeinen Entzücken der alten und zahlreichen neuen Fans, die Árstídir in Dresden hat.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.06.2015

Christian Ruf

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