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Die in Dresden geborene Freya Klier stellte ihr Buch „Wir letzten Kinder Ostpreußens“ vor

Zeitgeschichte Die in Dresden geborene Freya Klier stellte ihr Buch „Wir letzten Kinder Ostpreußens“ vor

Die Schicksale von sieben ostpreußischen Kindern, drei Jungen und vier Mädchen, vom Sommer 1944 bis in die unmittelbare Gegenwart, zeichnet die 1950 in Dresden geborene Klier in ihrem Buch „Wir letzten Kinder Ostpreußens“ nach. Jetzt hat die in Dresden geborene Autorin das Buch in ihrer Heimatstadt vorgestellt.

Freya Klier

Quelle: Wolfgang Zeyen

Dresden.

Fündig geworden waren sie im Keller des Hauses, in dem die achtjährige Doris Meyer mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter das Eintreffen der Roten Armee abgewartet hatten. Die ersten Soldaten sammelten Uhren und Schmuck ein, hatten aber keine Zeit. Die, die danach kamen, waren die schlimmsten ... Als erste traf es eine Zwangsarbeiterin, eine Polin, die sich so sehr auf die Befreiung gefreut hatte. „Sie kam völlig verstört wieder runter in den Keller und hat sich bei uns verkrochen“, erinnert sich Meyer, die der Schriftstellerin und Dokumentarfilmerin Freya Klier Auskunft gab, was damals im April 1945, aber dann auch in späteren Jahren geschah. Etwa im Arnstadt, wo Doris mit ihrer Mutter schließlich landete, einer kleinen Stadt, in der es viele unzerstörte Geschäfte gab, in einer Besatzungszone, wo man von besser daran tat, von „Umsiedlern“ statt Vertriebenen und Kaliningrad statt Königsberg zu sprechen. Die alte Heimat im Osten war ebenso Tabuthema wie die Massenvergewaltigung von Frauen durch die russischen Sieger.

Die Schicksale von sieben ostpreußischen Kindern, drei Jungen und vier Mädchen, vom Sommer 1944 bis in die unmittelbare Gegenwart, zeichnet die 1950 in Dresden geborene Klier in ihrem Buch „Wir letzten Kinder Ostpreußens“ nach, das sie im Haus des Buches vorstellte. Einem Jungen gelang noch die Flucht, ein Mädchen wurde kurz vor dem Hungertod von einer Estin gerettet, die anderen waren für drei Jahre im sowjetisch besetzten Ostpreußen eingeschlossen. Aus der Komposition der Stimmen erwächst ein ziemlich erschütterndes Panorama. Klier wollte den Kriegskindern und Zeitzeugen 70 Jahre nach Kriegsende noch einmal eine Stimme geben, davon hätte sie auch nicht abgehalten, in eine bestimmte Ecke gestellt zu werden, wie die Autorin erklärte, die schon als Bürgerrechtlerin in der DDR für ihre Überzeugungen kämpfte. Klier ergänzt die Erzählungen um weitere historische Zeugnisse, etwa Aufzeichnungen sowjetischer Soldatinnen. Erinnert wird in diesem Kontext auch an das Mitte der 1980er Jahre erschienene Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ der weißrussischen Autorin Swetlana Alexijewitsch.

Klier schreibt: „Keine Grausamkeit lässt sich durch eine vorher begangene rechtfertigen.“ Doch würden die Grausamkeiten von Eroberern auch im 20. Jahrhundert noch beträchtliche Ähnlichkeiten aufweisen, meint Klier. So hätte das Aushungern der ostpreußischen Bevölkerung durch die Sowjets seinen Vorlauf unter anderem in Leningrad, bei dessen Belagerung durch die Deutschen allein im ersten Jahr der Blockade schätzungsweise 470 000 Menschen umkamen. Klier weist auch darauf hin, dass es in allen Einheiten der Roten Armee einzelne Soldaten gab, die sich nicht am Marodieren und den Verbrechen gegenüber wehrlosen Frauen beteiligt hätten. Die Autorin verweist auf Männer wie Lew Kopelew oder auch Alexander Solschenizyn. Aber sie bleiben die Ausnahme.

Das Buch Kliers ist nicht zuletzt auch eine Auseinandersetzung mit Schuld. Wer wusste wann was? Mit der Mär der unschuldigen Wehrmacht räumten diverse Bücher und eine in Teilen erst unsauber arbeitende, dann aber gründlich überarbeitete Ausstellung auf – bei einer Umfrage der russischen Menschenrechtsorganisation „Memorial“ unter einst in Deutschland einmarschierten sowjetischen Kriegsveteranen war Jahrzehnte nach den Exzessen „niemand zu finden, der einer Vergewaltigung beigewohnt, geschweige denn selbst Frauen Gewalt angetan hat“, vermerkt Klier, deren Buch eine alte Debatte über den Umgang mit der Vertreibung neu befeuern könnte.

Der verstorbene Literaturnobelpreisträger Günter Grass sprach mal von einem Versäumnis der Literatur, weil sie die Erfahrungen der Vertreibung nicht zu ihrem Thema gemacht habe. Diese Erfahrungen wurden in der Tat an anderer Stelle in Obhut genommen: vom Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte. Hier wurde die Erinnerung an die verlorene Heimat verwaltet und mit Hilfe der Zeitgeschichtsforschung in Dokumente verwandelt. Allerdings fand dann nur weniges ins allgemeine Bewusstsein, denn die „Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa“ war nicht gerade ein Bestseller, anders als das „Ostpreußische Tagebuch“ von Hans Graf von Lehndorff oder Marion Dönhoffs „Namen, die keiner mehr nennt“. Auch sie waren Ausnahmen, Lehndorff hatte zwölf Jahre gezögert mit der Niederschrift seines Werks, auch aus Sorge, „altes Leid von Neuem in Bewegung zu bringen.“

Freya Klier: Wir letzten Kinder Ostpreußens. Zeugen einer vergessenen Generation. Herder Verlag, 448 Seiten, 24,99 Euro

Von Christian Ruf

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