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Die immer offenere Gesellschaft - Diskurs beim "Denkfiguren"-Festival

Die immer offenere Gesellschaft - Diskurs beim "Denkfiguren"-Festival

"Jeder ist heute ein selbstausbeutender Arbeiter seines eigenen Unternehmers", schrieb Byung-Chul Han, Dozent für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste Berlin, gerade in einem Artikel für "Die Süddeutsche Zeitung".

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Die Rechtsphilosophin und Juristin Sabine Müller-Mall, gerade zur Professorin an der TU Dresden berufen, wird in der Scheune zu erleben sein.

Quelle: Amac Garbe

Von Juliane Hanka

"Jeder ist Herr und Knecht in einer Person. (-) Wer heute scheitert, beschuldigt sich selbst und schämt sich. Man problematisiert sich selbst statt der Gesellschaft." Han hat einen spannenden Text darüber geschrieben, warum heute gar keine Revolution mehr möglich ist, und sagt, "das neoliberale Regime ist deshalb so stabil, immunisiert sich gegen jeden Widerstand, weil es von der Freiheit Gebrauch macht, statt sie zu unterdrücken. Die Unterdrückung der Freiheit provoziert schnell Widerstand. Die Ausbeutung der Freiheit dagegen nicht." Unsere Gesellschaft ist eine der freiesten die es jemals irgendwo gegeben hat. Und doch fühlen sich viele getrieben, missverstanden oder an den Rand gedrängt. Vielleicht, so drängt sich der Verdacht auf, vielleicht haben wir einfach von allem zu viel.

"In bester Gesellschaft" lautet das Motto des 2. "Denkfiguren Philosophie-Festivals Dresden", das sich mit unserem Gesellschaftssystem beschäftigt. Also mit einem sozialen Konstrukt, das uns alle betrifft, das wir alle mit erschaffen und worauf wir doch so wenig Einfluss zu haben glauben. An drei Tagen wird zum Thema diskutiert, referiert oder vorgelesen. Das Organisationsteam - der Kulturberater Magnus Hecht, die Kulturamtlerin Cornelia Walter und der Philosoph Thomas Natzschka sowie der Buchhändler Jörg Stübing und Mitglieder des philosophischen Beirats - hat Experten aus Philosophie, Rechtswissenschaften und Literatur eingeladen. Zum Beispiel den französischen Schriftsteller und Philosophen Guillaume Paoli, der seit 22 Jahren in Berlin lebt. Er ist einer, der gegen das Zuviel konsequent das Weniger ins Spiel bringt. Er gründete die Gruppe der "Glücklichen Arbeitslosen" und gab mit ihnen die Zeitschrift "Müßiggangster" heraus. Er nennt sich Demotivationstrainer, nachdem sein Sachbearbeiter im Arbeitsamt ihn nicht als "Ich-AG" einstufen wollte, und hält seitdem entsprechende Vorträge. Bekannter wurde er vermutlich durch seinen Job als Hausphilosoph am Leipziger Centraltheater. Faulheitstheorie und Antiökonomie gehören genauso zu seinem Forschungsgebiet wie Sozialgeschichte, Liberalismuskritik oder Architektur. In seinem neuen Buch, aus dem er lesen wird, beschäftigen ihn die Konsequenzen einer total transparenten und liberalen Gesellschaft. 

Auch Sabine Müller-Mall kommt in die Scheune, die ab jetzt Teil ihrer neuen Heimat ist. Denn die Rechtsphilosophin und Juristin ist gerade zur Professorin für Rechts- und Verfassungstheorie an der Philosophischen Fakultät der TU Dresden berufen worden und deshalb von Berlin nach Dresden gezogen. Zur Begrüßung haben ihr die DNN gleich mal die drei großen Fragen gestellt, die sich auch das Festival vorgenommen hat. Was zeichnet eine Gesellschaft aus? "Kollektivität, in welcher Ausprägung auch immer, und Kommunikation." In welcher Gesellschaft wollen wir leben? "Hauptsächlich möchte ich in einer offenen Gesellschaft leben, die die Bereitschaft zu ihrer eigenen Veränderung erhält, und außerdem in einer solidarischen." Und welche Herausforderungen stehen uns bevor? "'Uns' als Gesellschaft? Wahrscheinlich eine ganze Menge, über die man nur spekulieren kann, relativ sicher aber: eine Veränderung der Kommunikationsmedien und -modi." Und dann noch eine Spezialfrage an die Frau, die ihr Mathematik- und Physikstudium zugunsten eines Rechts- und Politikwissenschaftsstudiums abgebrochen hat: Was kann ein Gesetz im besten Fall bewirken? "Im besten Fall bringt es die jeweils gewünschten gesellschaftlichen Veränderungen. Der Prozess der Gesetzgebung allein kann aber auch als Form dienen, um überhaupt gesellschaftlichen Interessenaustausch und die Verständigung über Grundlagen des Zusammenlebens anzukurbeln. Allein das scheint mir schon wichtige (Vor-)wirkung eines Gesetzes zu sein."

In der Scheune war Müller-Mall bisher noch nicht, aber sie freut sich drauf, sagt sie dann noch. Spaß an der Sache ist auch im zweiten Festivaldurchlauf wichtig. Komplexes Wissen soll aus Büchern ins Hier und Jetzt hinein dosiert werden. Lebendig wie Bob Dylan könnte die Philosophie sein. Über den Musiker spricht der Musikphilosoph Richard Klein und sucht nach der Gesellschaftskritik in Dylans Texten, von denen Dylan selbst schon mal behauptete, dass sie nichts bedeuteten. "Musik und Ästhetik" heißt eine von Klein herausgegebene Zeitschrift. Am Beispiel Dylans untersucht er die elementare Wandlung des Verhältnisses von Kunst und Politik seit den 1960er Jahren.

Dann ist da auch noch Stefan Gosepath, Professor für Praktische Philosophie an der Freien Universität Berlin, der sich fragt, wie man in einer Gesellschaft die Freiheit mit der Gerechtigkeit in Einklang bringen kann.

Neben Vorträgen gibt es halbstündige Kurzeinführungen in Begriffe wie Privateigentum oder Gesetze und in Biografien von Habermas und Hegel. Am Ende soll mitdiskutiert werden. "Eingeladen sind alle Menschen mit Spaß am Denken und Diskurs. Mitzubringen sind frische Gedanken und spannende Fragen", heißt es im Pressetext. Rund 25 Veranstaltungen sind übers Wochenende besuchbar. Neben den Vorträgen und Debatten gibt's auch Workshops, philosophisches Kino, Performances oder eine Exkursion in die Gartenstadt Hellerau.

Das erste Festival fand vor zwei Jahren statt, im letzten Jahr klappte es nicht mit der Finanzierung. Dieses Jahr fördern die Sächsische Kulturstiftung und das Amt für Kultur und Denkmalschutz Dresden, dazu sammelte man mit einer Startnext-Kampagne mehr als 1500 Euro von Unterstützern ein. Möge dieses "Fest des Denkens" der gesellschaftlichen Freiheit huldigen und keine noch größere Selbstausbeutung in der Ich-AG des Lebens ermöglichen.

"Denkfiguren Philosophie-Festival Dresden" 5. bis 7.9. in und hinter der Scheune. 3-Tagesticket: 21 Euro, Tagestickets: 9-11 Euro. www.philosophie-festival.de.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.09.2014

Juliane Hanka

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