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Die documenta 13 changiert zwischen Begeisterung und Zweifeln

Die documenta 13 changiert zwischen Begeisterung und Zweifeln

Überraschend, inspirierend, dabei alles andere als perfekt: Die documenta 13 löste schon im Vorfeld Begeisterung, aber auch Debatten aus. Die Kritiken in den Medien fielen überwiegend positiv aus.

Mittlerweile ist die Kasseler 100-Tage-Schau, die alle fünf Jahre eine Vermessung der globalisierten Gegenwartskunst unternimmt, für die Allgemeinheit geöffnet.

Mehr Orte denn je, mehr als 300 Teilnehmer, rund 50 Kunstwerke allein im Auepark, und sogar Außenstationen im afghanischen Kabul, im ägyptischen Kairo und in Kanada: Die documenta 13 neigt zu Opulenz. Ein ausuferndes Kunstevent, das sich für politische, ökonomische und ökologische Belange ebenso zuständig erklärt wie für Esoterik, Schamanismus und Glaubensfragen.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann sagte: "Die documenta reflektiert immer wieder das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft. Sie ist die größte und eindrucksvollste Ausstellung für zeitgenössische Kunst weltweit." Die Kulturstiftung des Bundes unterstützt das Kasseler Ereignis mit knapp vier Millionen Euro. Das Budget von 24,6 Millionen Euro ist das zweithöchste in der documenta-Geschichte - Roger M. Buergel hatte vor fünf Jahren für die 12. documenta 27 Millionen Euro zur Verfügung.

Die Ausstellung, die 1955 als Sidekick der Bundesgartenschau und Plattform für die in der Ära des Nationalsozialismus verpönte moderne Kunst startete, war von Anfang an ein enormer Publikumserfolg. Zuletzt kamen 750 000 Menschen. So viele Besucher werden auch diesmal erwartet - oder noch mehr. Zum Vergleich: Zur Venedig Biennale kamen, bei längerer Laufzeit, zuletzt 440 000 Menschen.

Die documenta ist nicht zuletzt ein Wirtschaftsfaktor in der Region: Rund 100 Millionen Euro würden Besucher der Weltkunstschau in Kassel ausgeben, sagte documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld. Dabei bietet die Kunstschau im Museum Fridericianum, der documenta-Halle, der Neuen Galerie und zahlreichen anderen Orten Kassels traditionell alles andere als leichte Kost. Das Eingängige und Marktförmige, Gehypte und Hofierte, die muskulösen Szenestars, gewandten Selbstvermarktungsstrategen und Schöpfer höchstpreisiger Luxusgüter fehlen bei der 13. documenta sogar komplett. Das Merkwürdige ist: Niemand scheint sie zu vermissen.

Künstler mit Namen, die man sich in unseren Breiten nicht so leicht merkt, Panayiotou Christodoulos, Rahraw Omarzad, Vyacheslav Akhunov oder Araya Rasdjarmrearnsook, zeigen Kunst, die stärker als vom Ego von einer grundsätzlichen Neugier auf die Welt angetrieben erscheint und die Sorgen und schwierige Fragen nicht ausklammert. Mit intuitiver Intelligenz erfinden die Künstler eigentümliche Bilder, Töne und Gesten - und eröffnen mitunter ganz neue Perspektiven.

Zum Beispiel auf das deutsch-afghanische Verhältnis. In einem wandfüllenden Teppich verwebt die in London lebende polnische Konzeptkünstlerin Goshka Macuga im wahren Sinn des Wortes Szenen aus dem gegenwärtigen Deutschland und aus Kabul. Ein Pendent-Stück des Teppichs hängt in der Kabuler Außenstation der documenta. Ein westlich gekleideter Mann hockt im Zentrum der Szene, rechts und links lagern Afghanen, die die Künstlerin bei einem Fest im Februar 2012 im Bagh-e Babur fotografiert hat, einem Park in Kabul. Im Hintergrund ist der beschädigte Darul-Aman-Palast zu sehen.

Der Palast war in den 1920er Jahren nach europäischem Vorbild von deutschen und französischen Ingenieuren erbaut worden. Er sollte das afghanische Parlament beherbergen, wurde dann aber als Museum genutzt. Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen wurde der Palast durch Artilleriebeschuss der Mudschahiddin endgültig zur Ruine.

Noch komplexer gestrickt als Macugas moderner Kriegsteppich sind die Tafeln des akribischen New Yorker Künstlers Mark Lombardi (1951-2000). Sie rauben einem beinahe den Atem. Lombardi hat Informationen aus Politik- und Wirtschaftsteilen von Zeitungen mit eigenen Recherchen zu komplexen Diagrammen verarbeitet, deren Pfeile Verstrickungen von Finanzweltakteuren, Politikern und der Terrorszene veranschaulichen sollen. Ein Jahr, nachdem Lombardi erhängt in seiner Wohnung aufgefunden worden war, angeblich beging er Suizid, erbat das FBI beim Whitney Museum of American Art eine Reproduktion der Zeichnung - in der Hoffnung, Erkenntnisse über al-Quaida zu erhalten. Dieses Diagramm hängt in der 13. documenta.

Nur ein paar Schritte weiter hat Anton Zeilinger, ein Albert Einstein unserer Tage, gemeinsam mit jungen Quantenphysikern ein Labor eingerichtet. Die Wissenschaftler erklären documenta-Besuchern mit liebenswerter Geduld, wieso die gängigen Weltbilder mit bestem Willen nicht aufrecht zu erhalten sind. In der (Mikro-)welt gehe es ganz anders zu als lange gedacht. Teilchen spielten verrückt, verabredeten sich oder kommunizierten über Distanzen hinweg. Lassen Sie sich von den Quantenphysikern das vertrackte "Double Slit"-Experiment erklären.

Was aber haben Quanten mit Kunst zu tun und was hat ein Labor auf der documenta verloren? Ein junger Physiker meint, ähnlich wie in der Kunst sei auch in der modernen Physik letztlich "alles eine Frage der Interpretation". Johanna Di Blasi

d13.documenta.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.06.2012

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