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Die "begabten Jungs" aus dem Osten: Der Dresdner Kreuzchor begeisterte auch im Kalten Krieg westliche Komponisten

Die "begabten Jungs" aus dem Osten: Der Dresdner Kreuzchor begeisterte auch im Kalten Krieg westliche Komponisten

Die ältesten Musikinstitutionen der Stadt - Kreuzchor und Staatskapelle - wirkten auch in der Ära Mauersberger (1930-1971) regelmäßig zusammen: in der Kreuzkirche bei der h-Moll-Messe oder beim "Deutschen Requiem" sowie in Kapellkonzerten unter Fritz Busch, Karl Böhm oder Otmar Suitner.

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Hans Werner Henze (l.) im Herbst 1967 mit Kruzianern, darunter der 1. Chorpräfekt Michael von Brück (m.), und dem Aufnahmeleiter (r.) im Schallplatten-Studio Lukas- kirche.

Quelle: Archiv Herrmann

Als am 21. Oktober 1966 der schon damals sehr erfolgreiche westdeutsche Komponist Hans Werner Henze ein Sinfoniekonzert im Großen Haus der Staatstheater dirigierte, setzte er neben der 5. Sinfonie (1962), der Kantate "Being beauteous" (1963) auch das vier Wochen (!) zuvor in der Westberliner Philharmonie uraufgeführte Vokalkonzert "Musen Siziliens" (Eklogen-Fragmente des Vergil) für Chor, 2 Klaviere, Bläser und Pauken aufs Programm. Nach Henzes Wunsch war für die anspruchsvolle Partie der Dresdner Kreuzchor gewonnen worden, was sich im Blick auf "das Klangbild des Werkes als besonders wirkungsvoll erwies. Die Kruzianer leisteten Ausgezeichnetes und wurden zu Recht begeistert gefeiert", resümierte die Zeitschrift des DDR-Komponistenverbandes "Musik und Gesellschaft".

Im "Sächsischen Tageblatt" stellte Gottfried Schmiedel den 1926 geborenen Komponisten als "eine der stärksten künstlerischen Persönlichkeiten unseres Jahrhunderts" vor: "ein genialer schöpferischer Musiker, ein Humanist, der als Mitschöpfer der 'Jüdischen Chronik'" mitwirkte. Der Musikkritiker zitierte aus einem Brief, den ihm Henze aus seiner italienischen Wahlheimat geschrieben hatte: "Westdeutschland ist grauenhaft, und ich kann auch nicht mehr dort leben." In dem für DDR-Bürger unerreichbaren Italien erarbeitete er sich "ein neues Gefühl für die Singstimme, für die Sanglichkeit der Musik". Genau dafür war der Kreuzchorklang prädestiniert, von Schmiedel als "zauberhaft schön (und ideal für Henzes Musik!)" bezeichnet: "Am Vormittag zeigte uns Henze stolz die kleine Anstecknadel der Kruzianer, die sie ihm verliehen hatten! Auch Professor Mauersberger, Dresdens immerjunger Kreuzkantor, konnte sich für den herzlichen Dank der Dresdner verneigen. Man bedenke: Als Mauersberger 1930 nach Dresden kam, führte er Distler und Pepping auf, heute mit 78 Jahren studiert er Henze ein. Bravo! Bravissimo! Das Werk wurde übrigens einen Tag vor der Dresdner DDR-Erstaufführung für die Schallplatte produziert."

Und dies hatte ein schöpferisches Nachspiel! Denn Henze zeigte sich vom "herben und doch sensuellen Klang", von der Virtuosität und dem Charme des jugendlichen Ensembles derart begeistert (wie er später schrieb), dass er kurz nach dieser Begegnung für den Kreuzchor drei Lehrstücke oder Schulopern schrieb: die "Moralitäten" von W. H. Auden nach Fabeln des Äsop für Solisten, Chor und kleines Orchesters. Um die "Moralitäten" für die Schallplatte (diesmal mit dem Gewandhausorchester Leipzig) produzieren zu können, kam er im Herbst 1967 erneut nach Dresden. Als ost/westdeutsche Gemeinschaftsproduktion (VEB Deutsche Schallplatten Berlin / Deutsche Grammophon Gesellschaft Hamburg) erschienen die "Musen Siziliens" und die "Moralitäten" dann zeitversetzt in unterschiedlicher Aufmachung und machten dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs auf eine besondere Note des Kreuzchorrepertoires - die Moderne - aufmerksam. Die Uraufführung der "Moralitäten" fand allerdings in den USA mit einem anderen Chor statt.

An den Kreuzkantor schrieb Henze am 30. November 1967 einen Brief, der sich als Durchschlag in der Paul-Sacher-Stiftung in Basel erhalten hat: "Lieber verehrter Herr Mauersberger, nun bin ich schon wieder eine ganze Weile nach Italien zurückgekehrt, und komme doch erst heute dazu, Ihnen zu schreiben. Es hat mich so sehr gefreut, Sie in Dresden wieder zu sehen und noch ein Mal mit Ihrem wunderbaren Chor arbeiten zu dürfen. Es war diesmal besonders schön, weil ich nicht krank war und mich so, im Vollbesitz meiner Möglichkeiten, der Arbeit widmen konnte. Ich finde Ihre Jungens wirklich besonders nett, gut erzogen und vor allen Dingen begeiste- rungsfähig und begabt. Mögen Sie noch lange mit ihnen arbeiten können und Ihr so einmaliges Tun wirken lassen."

Henze hatte bei den Kruzianern großen Eindruck hinterlassen. Sie waren fasziniert von seiner Weltgewandtheit, der Agilität beim Dirigieren und dem spontanen Wesen. Von der politischen Dimension seines bisherigen Lebens-weges ahnten sie allerdings wenig. Sie fühlten sich von dem auf internationalem Parkett agierenden Musiker ernst genommen und von seinem Lob geschmeichelt. So ließen sie sich gern von ihm fordern. Genüsslich registrierten sie in einer Aufnahmepause in der Lukaskirche die Äußerung eines Gewandhausmitgliedes: Für die Thomaner sei momentan ein solch anspruchsvolles modernes Werk außerhalb der Vorstellungskraft! 45 Jahre später, 2012, schrieb Henze für den Thomanerchor eine Festmusik zum 800-jährigen Be-stehen.

Henzes Werk hat bis zum heutigen Tage nichts von seiner Lebendigkeit und Anziehungskraft eingebüßt. Sein besonderer Sinn für die klangliche Komponente von Musik (eigentlich selbstverständlich!) hat vermeintlich Kluge während der letzten fünf Jahrzehnte immer wieder Kritik üben lassen. Aber die Zeit hat Henze Recht gegeben.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.09.2012

Matthias Herrmann

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