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Die Zombies kommen: Lollike-Stück in Dresden

Kleines Haus Die Zombies kommen: Lollike-Stück in Dresden

Der Däne Christian Lollike ist kein Theaterautor mit viel Hang zur Provokation. Diesmal hat er sich in „Die lebenden Toten“ den Flüchtlingsstrom als einen von Zombies erdacht. Die Inszenierung hinterlässt zwar Zweifel, ist aber weder platt noch splatterhaft.

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Die Zombies (Antje Trautmann und Kilian Land) kommen – und René Kaczmarczyk hält das alles im Bild fest.

Quelle: Foto: Matthias Horn

Dresden. Eins ist klar: Man weiß, was man als Theaterbesucher bekommt, wenn sich in der Autorenzeile der Name Christian Lollike findet. Der Däne schreckt nicht vor Zuspitzungen zurück, er sucht sie geradezu. Erinnert sei in Dresden an den September 2015, als Schauspieler am Külz-Ring aus einem Käfig heraus mit Passanten in sich hochschaukelnde Dialoge traten: über Ängste vor Überfremdung, über Konsumverhalten, über fehlende Selbstreflexion. Beschimpfungen inklusive.

Lollike geht aber noch viel weiter, ist eine Art Grenzverletzer. Im Herbst 2012 brachte er im Cafeteatret in Kopenhagen „Manifest 2083“ auf die Bühne, einen Text, der sich aus einem rund 1500 Seiten starken Pamphlet des Massenmörders Anders Breivik speist. Und seit wenigen Tagen läuft gleichfalls in Kopenhagen eine von Lollike maßgeblich initiierte Ausstellung über Märtyrer, in der die Attentäter vom 11. September ebenso wie die von Brüssel neben Martin Luther King oder Rosa Luxemburg ihren Platz finden. Das ist ganz sicher provokant, verstörend gar. Doch verbirgt sich tatsächlich mehr dahinter?

Lollike, das lässt sich vermuten, sucht neben all den Brüskierungen auch den Diskurs. Das ist in „Die lebenden Toten“, einer Kooperation des Staatsschauspiels Dresden mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen (wo es vor wenigen Tagen auch uraufgeführt wurde), nicht anders. Doch hier baut der Autor eine Metaebene ein, die wiederum vor allem Interesse bei Cineasten wecken dürfte. Lollike lässt drei nur A,B und C benannte Figuren auf die Idee verfallen, einen Zombie-Film zu drehen. In der Rolle der Zombies: die Flüchtlinge.

Dieser Grundgedanke mag skurril daherkommen, doch er trägt. „Sie kommen langsam aus dem Meer, und sie haben zerstörte Gesichter“, heißt es im Text. Dazu gesellen sich Politiker im Vampirgewand, allen voran die figurative Karikatur eines EU-Kommissar-Vorsitzenden-Präsidenten, dessen wiederkehrendes Auftauchen eine Art Running Gag des Abends wird. A, B und C – André Kaczmarczyk, Antje Trautmann und Kilian Land – toben über die sandbedeckte Bühne, die sich immer wieder kurz in einen Kinosaal verwandelt. Sie streiten als Filmemacher über Empathie, stürzen sich als Zombies auf ihre Opfer (das können auch die Proklamierer von Menschenrechten sein) oder verteidigen im Sandbunker schon mal das Abendland vor dem angenommenen Untergang.

Wenn es zu erzählend zu werden droht auf der Bühne, darf darauf gewettet werden, dass eine Figur aus der Szene fällt und wieder als Filmemacher/Schauspieler einen Blick von außen auf das Ganze wirft. Die besten Szenen gelingen Regisseur Tilmann Köhler aber innerhalb des imaginären Flüchtlingsfilms. So wenn Trautmann das Ertrinken der Menschen im Mittelmeer simuliert, indem sie ihr Gesicht immer wieder gewaltsam in eine Wasserschüssel tauchen lässt, alles per Video im Detail zu sehen. Wenig später schreit sie ihre beiden Mitstreiter an, sie sollen sie im Sand vergraben – was Kaczmarczyk und Land sofort umsetzen. Das sind starke Momente. Ganz auf sächselnde Einsprengsel wollte man andererseits aber nicht verzichten – was trotz der naheliegenden Parallelen zu Sachsen als Hort von Fremdenfeindlichkeit dann doch zu platt wirkt.

Lollikes Text aber ist gleichfalls Abbild unserer postmodernen Zeit. Er führt konsequent kataloghaft fast alles an Positionen – vom bejahenden Helfenwollen über Betroffenheitsfloskeln bis zu brüsker Ablehnung – zum Flüchtlingsthema vor. Doch er hütet sich, in die Rolle dessen zu fallen, der den Zeigefinger hebt und einfach fordert: Seid moralisch! Denn wir sind, wie wir sind. Verbindlich allein in unserer Unverbindlichkeit.

Ähnlich wie auch Michel Houellebecq zeigt Christian Lollike den Grad unserer Verlogenheit, individuell wie gesellschaftlich. Dennoch bleiben große Zweifel. Denn folgt man Lollikes Fährte, sind diese Themen fürs Theater gerade deshalb diskurswürdig, weil sie anderswo nicht oder nicht ausreichend stattfinden. Doch es wurde wohl noch nie so ausgiebig gestritten über Flüchtlinge wie gerade eben. Das Abbild der Befindlichkeiten, die sich darum ranken, ist also wohlbekannt. Rettung bietet über diese 100 Bühnen-Minuten allein der Zombie-Kunstgriff. Sonst würde, um im Bild zu bleiben, die Produktion absaufen wie ein leckes Schlepperboot.

Doch gerade, weil Lollike alles will, ist ihm auch Respekt zu zollen. Die Übersteigerung scheint sein Instrument – damit stellt er sicher, dass sich das Publikum an ihm und seinen Themenbearbeitungen reibt. Um eine oben gestellte Frage noch einmal ähnlich zu formulieren: Ist das alles nun Provokation um ihrer selbst Willen? Vielleicht haut uns Lollike diese Überzeichnungen vor allem aber deshalb um die Ohren, weil wir für den Umgang mit dem Leid anderer, das uns auf den Kanälen der modernen Medien erreicht, verloren sind. Dann bliebe in der Tat die Bühne, uns neu zu sensibilisieren.

nächste Aufführungen: 13. und 17.7.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Torsten Klaus

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