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Die Westernkomödie "Cat Ballou - Hängen wirst du in Kötzschenbroda" mit den Wildecker Herzbuben

Die Westernkomödie "Cat Ballou - Hängen wirst du in Kötzschenbroda" mit den Wildecker Herzbuben

"Serengeti darf nicht sterben", hieß einmal ein Film von Peter Grzimek. Der Wilde Westen hingegen ist untergegangen. Western werden nur noch alle Jubeljahre gedreht, Klassiker des Genres laufen so spät, dass nur noch Leute mit seniler Bettflucht die reelle Chance haben, einen zu sehen, und wenn etwas zum Monument Valley kommt, dann höchstens zur Lebenssituation der Native Americans vom Stamme der Touristenabzock-Navajos.

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Rainer König (Hanoi) wird von den Wildecker Herzbuben schon mal in die Zange genommen.

Quelle: Robert Jentzsch

Und nun probiert es die Comödie mit einem Western, wobei "Cat Ballou - Hängen wirst du in Kötzschenbroda" natürlich die Parodie eines Westerns ist, wie es auch schon das die Westernfarce "Cat Ballou - Hängen sollst du in Wyoming" made in Hollywood mit Jane Fonda und Lee Marvin war, an die man sich anlehnt. "Hanoi-Jane" als Westernheldin? Meine Güte, da machte ja noch DEFA-Schönling Dean Read eine bessere Figur als Cowboy. Zum Auftakt an der Comödie erklang die Mundharmonika-Leitmelodie aus "Spiel mir das Lied vom Tod", aber dann sagte eine Stimme aus dem Off halt doch: "Hey, falscher Film."

Mehr Dean Read als John Wayne oder Gary Cooper ist jedenfalls Peter Mohr als Clay in der neuen Produktion der Comödie. Er wird zwar steckbrieflich gesucht, aber nur wegen "ehrlichen" Viehdiebstahls, und Katharina "Cat" Ballou benötigt einen harten Mann, einen mit Killerinstinkt, um ihren Vater (Herbert Graedtke) zu rächen, der von dem Schurken Strawn (Alf Mahlo) erschossen wurde, weil er den Umtrieben des fiesen Immobilienhais B. Trüger im Weg stand, sein Land nicht hergeben wollte, auf dass dann darauf irgendwelche Karl-May-Festspiele in den dark and bloody-Lößnitzgrounds abgehalten werden. Kid Shelleen (nochmal Mahlo) als Rächer anzuheuern, war offensichtlich aber auch keine gute Idee. Der ist so versoffen, so fertig, dass er sogar einen blauen Würger schlucken würde. Außerdem hat er seine Kanone verpfändet. In Ottendorf-Okrilla, wo man ja auch nicht gern tot übern Zaun hängen möchte. Männer, die Schurken erschießen, heißen sie nun Liberty Valance oder Tim Strawn, sehen anders aus als Clay und Kid.

Vom Ölprinzen geht es zum Ölpreis: König Artus "galoppiert" im Monty Python-Manier (Kokusnüsse erzeugen das Klappern der Hufe) vorbei, Dittsche steht im Bademantel am (Salon-)Tresen, ein Pferdeflüsterer zeigt seine Künste und ein billiger Merkel-Witz fehlt auch nicht. Und da 2012 "Karl-May-Jahr" ist, hat in diesem Beitrag der Comödie auch der sich aus Schund und Schande schreibende sächsische Geschichtenerzähler, Träumer und Scharlatan seinen Kurzauftritt. Man sieht: Alexander G. Schäfer, der das Textbuch schrieb und auch Regie führte, hat sich eine Menge einfallen lassen, um das Stück ins Heute zu holen, ihm Lokalkolorit zu verpassen. Es ist eine Flut von mal mehr, mal weniger originellen Witzen, die großen Brüller, die die Zuschauer zum Toben und Wiehern bringen wie eine Horde Cowboys im Salon beim Anblick von Whisky und billigen Mädchen, fehlen allerdings.

Das ist umso mehr schade, da die Hauptstory wie die Vorlage ist, nämlich dünn wie amerikanisches Bier. Dass Cat und Clay am Ende ein Paar werden, ist absehbar, erklärlich nicht, es sei denn, man würde ein paar höhnische Sätze über Frauen und die Liebe aus der sonst so gut verschlossenen Klischeekiste holen. Die Hauptakteure schlagen sich achtbar, den meisten Beifall kriegen am Ende zu Recht dann doch Alf Mahlo - und Rainer König. Er spielt Hanoi, einen vietnamesischen Händler, der es sich verbittet - Vorsicht: Runnig Gag - ständig "Dschingis Khan" genannt zu werden und alle "Rs" zu "Ls" umwandelt, deshalb den ach so polyglotten Langnasen erklären muss: "Ein Möldel ist ein Killel!"

Mahlo und König zuzusehen, ist Vergnügen pur. Ralf Herzog, der ja auch zum alten sächsischen Mimenadel zählt, hat als Sheriff hingegen wenig Gelegenheit, seine Künste zu zeigen. Acht Schauspieler, dazu sieben Komparsen, die in 50 verschiedene (Kurz-)Rollen mit entsprechenden Kostüme schlüpfen - es ist ganz schön was los auf der Bühne, und das nicht nur bei einer Verfolgungsjagd im Stil von Benny Hill.

Der eigentliche Clou dieser musikalischen Westernparodie: Die Wildecker Herzbuben sind mit von der Partie, führen als Bänkelsänger durch die Handlung. Und siehe da, die Sache funktioniert, auch weil Wolfgang Schwalm und Wilfried Gliem Mut zur Selbstparodie haben (das bewiesen sie u.a. ja schon als "Bande des Schreckens" im Film "Der Wixxer"), ihr Griff zum Banjo keinen Anlass bietet, die gute alte Tradition des Teerens und Federns wiederaufleben zu lassen. Dass Teile des Premieren-Publikums sich in einem Anfall von Selbstentlarvung bei "Herzilein" ausgesprochen textsicher zeigten, mag feingeistige Kulturmenschen schmerzen, aber die Adaption des Volksmusik-Duos von "Saturday Night Fever" ist ebenso schräg-schrill und deshalb komisch "Entschuldigen Sie, ist das der Zug nach Kötzschenbroda?"

Songs in englischer Sprache? No problem für die Bubis aus Wildeck, genauso wenig wie schaurigstes Sächsisch für Ehrlich, die wie einst Judith Holofernes dem Oberschurken B. Trüger ihre im Korsett nicht allzu sehr verborgenen Reize offeriert. Eine sexy Sächsin in einem sächsy Western? Die Welt wird's ebenso überleben wie Mays Visionen vom Wilden Westen und die auf ihnen basierenden Winnetou-"Western".

Christian Ruf

nächste Vorstellungen: bis 22.4. und 8.-13.5.

www.comoedie-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.04.2012

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