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Die Welt kurz hinter der Realität - Schaubudensommer in der Dresdner Neustadt

Die Welt kurz hinter der Realität - Schaubudensommer in der Dresdner Neustadt

Es dröhnt und rattert auf dem Scheune-Gelände. Vom Zauber der Schaubuden ist drei Tage vor der Eröffnung nicht viel mehr zu sehen als ein paar leere Zirkuszelte, unzählige Bretterstapel, Holzpaletten, Wellblechwände und jede Menge Aufbauhelfer.

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Die Vorbereitungen vor dem Start des Schaubudensommers laufen auf Hochtouren. Hinter der Scheune wird bereits kräftig gewerkelt, damit rechtzeitig zur Eröffnung alles fertig wird. In der Bildmitte ist die Platzinstallation von KETE zu sehen: Figuren im Sturz, die nie aufschlagen.

Quelle: Amac Garbe

Trotzdem läuft der zukünftige Zirkusdirektor Helmut Raeder scheinbar entspannt über sein Areal. "Das ist eine Maske", gibt er zu. Dahinter verbirgt er die Anspannung und Sorge, das Riesenprojekt könne nicht rechtzeitig bis Donnerstagabend fertig werden. Wie übrigens jedes Jahr. Die Ungewissheit und das tagelange Arbeiten am Kräftelimit gehören offensichtlich zum "Internationalen Festival für Theater, Vergnügen und Musik" dazu, wie die anschließende Erlösung, die eintritt, wenn das Publikum in den Scheune-Garten quillt, sich auf der Freitreppe ausbreitet, in die Shows strömt und am Ende glücklich wieder nach Hause taumelt.

Festival ist mittlerweile ein Geheimtipp bei spanischen Künstlern

Das Erfüllen von Träumen, auch von bisher ungeträumten, ist der Arbeitsauftrag dieses Festes. "Die Sterne wollen wir verschwenden, dem Freisein eine Gasse hauen", schreibt der Schaubude Dresden e.V. in seine Satzung. Und dann noch etwas von einem Gauklerdorf, das mit einem UFO hinter der Scheune landet und jede Menge Künstler aus aller Welt ausspuckt. In diesem Jahr scheint das UFO lange in Spanien gehalten zu haben, denn gleich vier Künstler(-gruppen) stammen von dort. José Antonio "Putxa" Puchades von der Compagnie Zero En Conducta - letztes Jahr mit seiner poetischen Händeshow so was wie der Platzliebling - war nämlich so begeistert vom Schaubudensommer, "dass er das zu Hause allen erzählt hat und nun will halb Spanien hier auftreten." Raeder übertreibt natürlich ein bisschen, wenn er das sagt. Doch er verdeutlicht, dass durchs Weitersagen oft Künstler fürs Folgejahr gefunden werden. Das Laute und Absurde tritt 2014 deshalb etwas in den Hintergrund, das Leise und Poetische dafür hervor. "Schräges und Absurdes kommt ja meistens aus Großbritannien oder aus St. Petersburg", erklärt es Raeder. "Südeuropa ist da ein bisschen romantischer."

Mehr Liebe also, wenn auch in teilweise merkwürdigen Konstellationen. Bernd Lafrenz adaptiert in seinem Ein-Mann-Stück Shakespeares "Romeo & Julia" etwas lebensbejahender, Pelele schickt eine misanthropische Puppe auf die Suche nach der Frau in seinen Träumen, die Cie. Zero En Conducta lässt eine Lampe zu ihren Gefühlen finden. Catalina Carrasco und Gaspar Morey tanzen sich in den perfekten Ort, Dromosofista träumen ihre und vielleicht ja auch Ihre Geschichte.

Neben vielen neuen Entdeckungen aus aller Welt kommen alte deutsche Bekannte wieder. Allen voran Annamateur mit "Liedern aus'm Spamorder" und Michael Hatzius mit seiner Echse, die sich seit ihrem Auftritt 2010 vom "wechselwarmen Mauerblümchen" zum Starreptil evolutionierte. Aus 35 Shows an elf Abenden kann man wählen, ins Zwielicht treten Clowns, Akrobaten, Tänzer, Gaukler, Schausteller, Diven und andere Nachtgesichter. Dazu gibt es jeden Abend eine Band im Festivalclub und eine Mitternachtsshow, die man wirklich nicht verpassen sollte. Weil es den Anwohnern irgendwann zu laut wurde, zog der Sommer aus und in die Neustadt und feiert nun jede Nacht woanders das offizielle Tagesende.

Zusätzlicher Platz macht sogar Lageplan notwendig

Merkwürdigerweise ist durch die Bauarbeiten neben der Scheune das bespielbare Areal viel größer geworden, so dass es erstmals auch einen Lageplan im Programmheft geben wird. Denn statt des Vorgartens an der Alaunstraße - da stehen jetzt die Tischgarnituren des Scheune-Restaurants - bespielen sie nun den gesamten Schulhof, der sich hinterm Scheune-Gelände anschließt. Dort werden zwei Show-Zelte aufgebaut, zwei andere Spielorte, eine Bar, ein Karussell und erstmals ein paar Dixi-Klos. Die sehen noch wie normale Toilettenboxen aus, sollen aber auch in etwas Schöneres umgestaltet werden. "Es ist eine große Herausforderung, den Schulhof zu verwandeln", sagt Heiki Ikkola, die zweite Hälfte des Kern-Orga-Teams, der gerade eine Wellblechtafel vor einem Zelt befestigt. Ihm steht, anders als dem Herrn Direktor, mit dem Fineliner des Schlafmangels ins Gesicht geschrieben, dass es kein Kinderspiel ist, was sie hier machen. Obwohl es am Ende genauso wirken soll.

So schön wie das Fliegen - nur ohne Aufschlag

Schaubudensommer, das ist die Vortäuschung einer ziemlich gelungenen Illusion. "Es geht ums Fliegen. Nicht ums Landen." Auch die diesjährige Platzinstallation von KETE weiß davon im Subtext zu erzählen. Die Flieger sieht man immerhin schon. Bunte Plastikmänner schweben über dem, was morgen als Schaubudensommer eröffnet. Sie grinsen wahnsinnig und stür- zen zu Boden, genauer gesagt bleiben sie in exakt dem Zustand, kurz bevor sie aufschlagen würden. Realität und Schaubudensommer bleiben weiterhin zwei getrennte Zustände. Wer kommt, der sollte dem Aufruf im Programmheft folgen: "Hier erlebt ein Jeder etwas, das er nie wieder vergisst! Verschenkt euch, tanzt! Bevor die Sommernacht zu Ende ist!"

schaubudensommer.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.07.2014

Juliane Hanka

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