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Die Welt als Fluchtort und Kunstobjekt

Die Welt als Fluchtort und Kunstobjekt

Jochen Biganzoli gehört zu den interessantesten Regisseuren der mittleren Generation. In Leipzig hat er mit hochpolitischen "Meistersingern" Furore gemacht, an der Sächsischen Staatsoper Dresden wird er 2016 mit "Mathis der Maler" von Hindemith debütieren.

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Der stimmgewaltige und konditionsstarke Ungar István Kovácsházi als Tannhäuser macht die Romerzählung zur Ein-Mann-Show.

Quelle: Paul Leclaire

Seit Katharina Wagners "Meistersingern" wissen wir von den dunklen Seiten des Hans Sachs. Seit Jochen Biganzolis jüngstem "Tannhäuser" in Bielefeld von denen des Wolfram von Eschenbach. Der erweist sich hier nämlich als rabiater Rivale von Heinrich. Er versucht, aus dessen panischer Flucht aus der Hochzeitszeremonie (die wir zum Vorspiel miterleben) mit Elisabeth handgreiflich Kapital zu schlagen, kungelt mit dem Landgrafen vor dem Sängerwettstreits-Dinner, zu dem man sich im kleinen Kreise trifft, rettet sie zwar am Ende, wenn sie sich von Heinrich endgültig verlassen glaubt, vor dem Selbstmord, aber nur, um sie dann zu vergewaltigen und schließlich selbst umzubringen- Seine betörend gutmenschelnde Musik ist hier nur Tarnung für einen Verdränger, wie er im Buche steht, bei dem Schein und Sein eklatant auseinander fallen. Dass er am Ende das Gift nimmt, das sich Elisabeth angerührt hatte, findet man da nur logisch.

Anders der Vollblutkünstler und Maler Heinrich Tannhäuser. Der ist zwar hochproblematisch, allemal unzufrieden und hat ein ausgeprägtes Bindungsproblem. Das treibt ihn aus der bürgerlichen Enge einer drohenden Ehe zur sexy Motorradbraut Venus. Er lässt aber auch die Lolita-Verführung, als die ihm der Hirtenknabe hier begegnet, nicht aus. Doch er bleibt bei alledem immer bei sich selbst. Sagt, was er denkt. Auch wenn er damit Elisabeth im Furor des Sängerwettstreits im übertragenen und im wörtlichen Sinn die Kleider vom Leib reißt. Nur einmal passt er sich an - sein "nach Rom" ist der pure Überlebenspragmatismus, um den prügelnden und offenbar zum Lynchmord bereiten Smokingträgern der Sängertruppe zu entkommen.

Biganzoli baut so geschickt ein intellektuelles Spannungs-Crescendo auf, dass man sich in der zweiten Pause fragt, wo der drangsalierte rebellische Außenseiter wirklich hingeht. Er bleibt bei sich. Seine Romerzählung ist eine wortreich ausgeschmückte Räuberpistole, die er Wolfram wie die Ein-Mann-Show verkauft, die sie musikalisch ja ist. Er imaginiert sich gleich noch die Wiederbegegnung mit Venus selbst als Playbacknummer im langen roten Mantel und grell geschminkten Lippen dazu. Am Ende überlebt er. Als Mann ist er um zwei Verlusterfahrungen reicher. Als Künstler mit dem Modell des Bühnenbildes (von Wolf Gutjahr) auf dem Schoß, das nicht weniger als die WELT bedeutet. Die Riesenlettern gliederten den Raum auf der Drehbühne. Das Modell ist die Metapher für das Ummünzen von Leben in Kunst. Das Aufklaren einer religiös vernebelten Geschichte eines sündigen Weltenwanderers in ein Psychogramm der Obsessionen ist Biganzoli nicht nur mit Gedankenschärfe, sondern auch mit einer gehörigen Portion Spielwitz gelungen.

Der oft etwas chorpeinliche Einmarsch der Gäste wird hier vom niederen Personal des Landgrafen gehörig veralbert. Klingt beim Chor der Kopftuchputzfrauen und weißbehandschuhten Kellner weniger nach Haupt- und Staatsaktion, als vielmehr nach Bierzelt Humtata. Dafür gab es Szenenapplaus.

Die packende szenische Stringenz profitiert natürlich von einem höchst spielfreudigen und durchweg den stimmlichen Anforderungen der Partien gewachsenen Ensemble. Vor allem der stimmgewaltige und konditionsstarke Ungar István Kovácsházi macht sich den rebellischen Künstler Tannhäuser voll zu eigen. In Sarah Kuffner hat er ein intensiv gebeuteltes Elisabeth-Gegenüber, während Evgueniy Alexiev die radikale Demaskierung Wolframs auch stimmlich glaubhaft macht. Bei Julia Faylenbogens Venus ist das einzig Bedauerliche, dass man sie im dritten Akt nur hört und nicht noch einmal zu sehen bekommt. Alle übrigen Partien sind vorzüglich mit Solisten des Ensembles besetzt, der Chor in spielerischer Hochform. Im Graben gelingt es Alexander Kalajdzic mit Verve und viel Sinn für die dramatischen Effekte, dieser faszinierend eigenwilligen Tannhäuser-Deutung ein sicheres musikalisches Fundament zu geben.

Nächste Vorstellungen heute, 7. und 21.6.

www.theater-bielefeld.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.06.2015

Joachim Lange

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