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Die Tür ins Reich der Fantasie: Ein Besuch im Kostümfundus der Palucca Hochschule für Tanz in Dresden

Die Tür ins Reich der Fantasie: Ein Besuch im Kostümfundus der Palucca Hochschule für Tanz in Dresden

Um diese Tür zu öffnen, müssen wir ein paar Stufen hinabsteigen. Im Untergeschoss der Dresdner Palucca Hochschule, im Kostümfundus und in der Schneiderei, waltet Martina Drieschner.

Sie ist die Herrin über mehr als 500 Kostüme, die oftmals aus mehreren Teilen bestehen, also finden sich auf Bügeln und in Schränken an die 2000 Teile in allen Größen, vielen Farben und Formen.

Dabei auch solche Kostüme, in denen die angehenden Tänzerinnen und Tänzer bei den Matineen, Soireen und Auftritten hinaufsteigen, auf die großen Bühnen der Semperoper, des Staatsschauspiels, des Festspielhauses in Hellerau, oder wo sie sonst regelmäßig schon mal auf jenen Brettern tanzen, die hoffentlich einmal für sie die Welt bedeuten werden.

Zu jedem der Stücke im Fundus könnte Martina Drieschner etwas sagen, seit 1999 ist sie dabei und kennt nun seit 13 Jahren alle hauseigenen Produktionen der Hochschule. Die allermeisten Kostüme hat sie in ihrer Schneiderei angefertigt, immer wieder auch verändert oder erneuert. Die Schüler werden größer, die Körper der Studierenden verändern sich, manche Choreografien werden aber für längere Zeit im Repertoire gehalten, da gibt es auch Umbesetzungen und neue Wünsche und Vorstellungen der Choreografen. Hinzu kommen die individuellen Situationen der jungen Tänzerinnen und Tänzer. Als Kostümschneiderin, beim Anprobieren, beim Anpassen, beim Ändern, da kommt man ins Gespräch, da erfährt Martina Drieschner auch schon mal, was die Herzen bedrückt oder gerade himmelhoch jauchzen lässt. So ist wohl auch der liebevolle Spitzname zu erklären, sie ist in der Hochschule und bei Ehemaligen eher als Frau DuSie bekannt, weil es schon mal durcheinander gehen kann, mit dem Sie und mit dem Du, wenn man sich so nahe kommen muss.

Sie möchte es nicht missen, diesen Schatz, den sie zu verwalten und zu pflegen hat. Diese beständige Herausforderung, nach den Entwürfen und Vorstellungen tragbare und tanzfähige Kostüme zu schaffen und dann teilzuhaben am Erfolg, wenn die Studierenden in "ihren" Kunstwerken für Momente in der flüchtigsten aller Künste im Licht stehen.

Es hat sie gereizt, als sie aus dem privaten Schneiderhandwerk, nach ihrer Zeit in der PGH Modespiegel an die Palucca Schule kam, um dort zu arbeiten, wo es um genau jene Dinge ging, für die sie sich seit Kindheit und Jugend interessierte: Theater, Ballett, Kunst und Sport. Schon immer bewunderte sie die Leistungen der Tänzerinnen und Tänzer. Nun ist sie ganz nah dran, jetzt bekommt sie etwas mit, ganz intensiv und direkt vom langen, beschwerlichen Weg, hinauf auf die Bühnen, wo die dann auch immer sein mögen. Und sie trägt etwas dazu bei.

Die Entstehung eines Kostüms ist ein Prozess, bei dem die handwerk- liche Fähigkeit der Schneiderin gefragt ist, aber die Gabe der sensiblen Kommunikation ebenso. Zum einen geht es darum zu verwirklichen, was sich Choreografen oder Kostümbildner wünschen, was sie sich vorstellen. Zum anderen, das Kostüm funktional zu gestalten, die Form muss stimmen, aber die Bewegungsfreiheit der Tänzer darf nicht darunter leiden, die Tänzer müssen sich wohl fühlen, der Choreograf muss einverstanden sein, und die kleinen Tricks dabei dürfen niemandem auffallen.

Einige Kostüme hat sie herausgesucht für den Besuch im Fundus. Da sind die Meisterwerke klassischer Tutus, in Rot oder in blassem Blau, wie sie der große Balanchine bevorzugte, von dem die Studierenden eine seiner neoklassischen Choreografien einstudiert haben.

Aber da ist auch jene Vogelscheuche, mit deren Entstehung sich eine Geschichte verbindet, die Martina Drieschner gern erzählt. Die Figurine hat sie schon herausgesucht. Eine Schülerin hat sie für "Der Zauberer der Smaragdenstadt" im Kunstunterricht entworfen und angefertigt. Eine Vogelscheuche, als es um die Anfertigung des Kostüms ging, da muss doch Stroh verwendet werden. Aber die junge Tänzerin konnte nicht mal in die Nähe ihres Kostüms kommen, schon wurde sie von allergischen Reaktionen geschüttelt. Also galt es Material zu finden, das genau jenen Eindruck vermittelt, als wäre es Stroh. Es ließ sich finden, das Kostüm hat funktioniert und die Tänzerin konnte darin tanzen, ohne auch nur einmal zu husten oder zu niesen.

Eine der größten Herausforderungen bislang musste in weniger als 24 Stunden bewältigt werden. Eine Choreografie in einem Kooperationsprojekt mit der Hochschule für bildende Künste sollte herausgelöst aufgeführt werden. In letzter Minute aber hieß es, getanzt werden könne schon, aber nicht in den originalen Kostümen, die sind an das Gesamtprojekt gebunden. Also Nachtschicht, und es hat geklappt, wenn auch in letzter Minute, alle 30 Tänzerinnen und Tänzer hatten neue, improvisierte und somit herrlich fantasievolle Kostüme und konnten zu Claude Debussys "Ma mère l'Oye" (Meine Mutter die Gans) tanzen.

Die Frage, ob da immer ein Achtstundentag ausreicht, ist beantwortet. Hier, so Martina Drieschner, kann man nicht immer auf die Uhr sehen, hier müsse man in erster Linie die Schülerinnen, die Schüler, die Studierenden sehen. Und schönster Lohn für manche Hektik, für manche Situation aus Zeitnot und Stress ist dann das Ergebnis. Da kommen immer wieder Erinnerungen, besonders wenn man die damals "Kleinen" jetzt als "Große" sieht, den Tänzer Norbert Kegel etwa im Ballett der Landesbühnen, der 2000 einer der ersten Absolventen war, die von Frau DuSie eingekleidet wurden. Die ersten Folkloreschuhe von Johannes Schmidt, jetzt beim Semperoper Ballett, sind noch da. In Gera tanzt Sabine Völkl, ebenfalls aus dem Abschlussjahrgang 2000/2001. Und - im großen Sprung, da müssten sonst zu viele Namen genannt und Erinnerungen aufgefrischt werden - darüber, dass aus dem letzten Jahrgang der Diplomstudenten Larissa Potapov in Rostock und Madoka Kariya in Zürich tanzen, freut sich Martina Drieschner außerordentlich.

Was bringt jeden Tag neue Motivation? Es gibt Überraschungen, planen ist gut, reagieren ist besser, wenn etwas reißt in der Probe, wenn plötzlich ein Kostüm zu groß oder auch mal zu eng geworden ist. Hinter der Tür, die wir jetzt wieder schließen, gibt es Hilfe. Wir steigen wieder hinauf. Aus den Proben- und Arbeitsräumen hören wir Musik und die Ansagen der Professoren und Lehrer, und für etliches von dem, was da gerade einstudiert oder probiert wird, sind die Kostüme noch nicht fertig. Die Nähmaschine hinter der Tür zum Reich von Martina Drieschner aber surrt schon wieder.

Boris Michael Gruhl

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.12.2012

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