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Die Thee Oh Sees in der Dresdner Scheune

Die Thee Oh Sees in der Dresdner Scheune

Nein, es war nicht der kleine Hunger zwischendurch, der sich vor dem Dienstagskonzert gemeldet hat. Es war der große Hunger. Appetit auf das, was die neue Clubsaison an Konzerten bringen mag, und das nach standesgemäß gehörten Auftritten von Alten Meistern in der Freiluft, nach Grillwürsten im August, der sich als Oktober ganz ordentlich gemacht hat, nach Ausflügen zu Stadt-(teil)festen, über die man nicht sprechen mag, weil sie jedes Jahr dieselben sind, so klingen, aussehen und nur an Reiz verlieren können.

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Die Thee Oh Sees brachten die Scheune zum Beben. Das Dresdner Publikum musste bis dahin lange auf einen Auftritt der Band warten.

Quelle: Dietrich Flechtner

Jetzt also rein in die kleinen Häuser, in denen sich - wie in der Scheune erlebt - sogar die Zigarette wieder einen Glimmplatz erobert hat. Das mag man, je nach Begehr, gut oder grässlich finden, der schreibende Nichtraucher jedenfalls sieht die "Schuld" ganz eindeutig bei der aufgetretenen Band. Thee Oh Sees haben die Besucher im stramm gefüllten Saal der Scheune hibbelig gemacht, elektrisiert, in die Enge getrieben. Einige griffen nach dem Glimmstängel, als sei er ein Rettungsring. "All is lost" in der Neustadt. Trockendock.

Aber es gab auch angemessene Reaktionen: Headbanging, Crowdsurfing in der Embryonalstellung, Zuhörer, die sich mit Zuhören begnügten, waren auch dabei, jene, die um das späte Dresden-Debüt der Thee Oh Sees aus San Francisco wussten und einfach mal erleben wollten, was hinter ihnen steckt. Sie hörten eine Menge.

Falls sie pünktlich waren, zunächst einen Bastler. Adi Gelbart, in Berlin lebender Israeli, dem bald ein eigenes Konzert, gern auch am Platze, gehören sollte. Denn der 39-Jährige verkommt nicht als qualmverkopfter Solo-Frickler hinter seinen Geräten, sondern ist Turner am Table. Hochspezielle und -interessante Sounds, Skizzen und Collagen erschafft er mit vorrangig eigengebasteltem Equipment aus der Analogfamilie. Angstfrei begegnet er simpelsten Beats und Fiep-Geräuschen, dreht, schiebt Regler, moduliert seine Sprechstimme, duelliert sich mit seinem "parlierenden" Partner, einer winzigen Holzbox auf Teleskopständer, die berührungslos auf Felder reagiert wie ein Theremin, am Ende zum Crimson King wird und wirklich originale Läufe des "The Court Of The Crimson King" an die Seite gestellt bekommt. Zwischendurch gern auch Punk-Gitarre, Samba-Plocks, Drum-Maschinen aus den Technischen Sammlungen. Gelbart ist ein witziger Typ! Einer, der weiß, was er macht.

Dass dies würde auch auf die - neuen - Thee Oh Sees zutreffen, wäre bei einer Saalwette keinen Heller wert gewesen. Das weiß man. Faszinierend an John Dwyers Band ist, dass sie, würde man sie jedes Jahr hier haben können, wahrscheinlich jedes Mal anders klingen und besetzt sein, dabei jeweils einen ihren spektralfarbigen Einflüsse eine Nuance weiter vor die anderen bringen würde. Am Ende aber wären sie so rein und pur Thee Oh Sees geblieben, dass man das alte Konzert schon mit unbändiger Vorfreude aufs neue verlässt. Will meinen: Großartige Qualität! Das Fahrrad aber bleibt erfunden.

Dwyer und seine Kollegen Timothy Hellman (Bassgitarre) und Nick Murray (Drums) wirkten nicht ansatzweise so, als sei die Ankündigung des Chefs vom Vorjahr, nun endlich eine längere Auszeit zu nehmen, ernstgemeint. Schon "Drop", die CD, die im Frühjahr 2014 nach der Drohung erschien, klang alles andere als nach Lückenfüllung. Live trat das Material zwar schwer zurück und machte Platz für den Querschnitt aus über zehn Jahren, doch falls die Platte in erster Linie gut dafür war, die Triobesetzung ohne Frau zu proben, dann sind Erfolge zu vermelden. Thee Oh Sees reizen die begrenzt scheinenden Möglichkeiten eines Trios bis zum Letztmöglichen aus. Effizient, knapp, posenlos, dabei extrem präzise. Hellmans Bass darf vorwurfsfrei führen, bei Murrays Drums zählen Zwischentöne genauso wie knüppelnder Beat, Dwyer selbst zaubert sich die Kaninchen aus seiner (und zwar wirklich nur einer) bis knapp unters Kinn gebundenen Elektrischen, moduliert aber eher defensiv. Dafür singt er wunderbar zwischen Spitzschrei und Pop-Appeal.

Live, Scheune, 26. August, 22 bis nach 23 Uhr dominierten die Drei- bis Vierminüter, der hart raspelnde, mit genialen "embedded"-Harmonien versehene Rock'n'Roll. Psychedelische Momente kommen erst ganz am Schluss mit Miniaturorgel, frei auslaufenden Texturen und einer göttlichen Gitarre mit fiktivem Namensschild: Link Wray.

Der Hunger jedenfalls ist gestillt. Fürs Erste. Nun King Buzzo am Mittwoch im Beatpol. Und John Dwyers Labelfreund Ty Segall am 5. November an gleicher Stelle.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.08.2014

Andreas Körner

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