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Die Tagebücher der Kriegskinder

Die Tagebücher der Kriegskinder

14 Jahre war er alt, da zog er das erste Mal in den Krieg. Sein Vater meinte, es würde nicht schaden, wenn er beim Ausheben von Schützengräben "ein paar Blasen" an den Händen bekäme.

So einfach laufen die Dinge jedoch nicht, der Erste Weltkrieg wütet mit bisher ungekanntem Schrecken, der Junge gerät in Kreuzfeuer, überlebt sechs Monate mit seinen Kameraden vom 12. Belgischen Regiment, ehe ihn der Vater ans englische Nobelcollege Eton schickt. Im Krieg verbringt er jetzt nur noch seine Schulferien. Der Vater, das ist der belgische König Albert I., der von seinem Sohn, der später als Leopold der III. regieren wird, ein Beispiel des Heldenmuts abfordert - aus propagandistischen Gründen.

Kindersoldaten im Ersten Weltkrieg sind eine der erschütternden Aspekte, mit denen sich das Dresdner Autorenpaar Sonya und Yury Winterberg in ihrem jetzt vorgestellten Buch "Kleine Hände im Großen Krieg" beschäftigt. Das Beispiel des belgischen Prinzen wird dabei gespiegelt durch den 14-jährigen britischen Ausreißer Victor Silvester, der bei der Altersangabe schummelte und so für den Großen Krieg gemustert wird. Oder durch den 16-jährigen jamaikanischen Sklavennachfahren Herbert Morris, der aus falsch verstandenem Patriotismus für das Mutterland England in den Krieg zieht, eine Kriegsneurose erleidet und von einem Kriegsgericht als Deserteur zum Tode verurteilt wird. Beide stehen für rund 250000 Kindersoldaten, die nach aktuellen Forschungsergebnissen auf Seiten der Briten kämpften, und für unzählige andere, die in den Armeen der anderen Kriegsparteien zum Einsatz kamen.

Dass in den Krieg kindlich-junge Männer geschickt werden, ist der Weltliteratur spätestens seit Kurt Vonneguts Anti-Kriegsroman "Schlachthof 5 oder Der Kreuzzug der Kinder" ein Begriff. Auf packende Art greift das Autoren-Ehepaar Winterberg darauf zurück und zeigt durch seine vor allem auf Tagebucheinträgen basierende Darstellung einen kindlichen Blick auf den Weltkrieg. Erstaunlich vielzählig seien die Dokumente gewesen, berichtet Sonya Winterberg bei ihrer Lesung in der Dresdner Haupt- und Musikbibliothek von der Recherche. Erstaunlich auch, wie wenig sie bisher ausgewertet worden seien.

Tagebucheinträge von Kindern sind eine schwierige Quelle, wie auch die Autoren einräumen. "Der Mörder war sehr frech und hat auch die Kronprinzessin mit totgemacht. Das war aber alles schon im Monat Juni! Die Österreicher aber haben sich das doch gemerkt." Das schrieb der siebenjährige Bayer Eduard Mayer nach dem Attentat auf den österreichischen Erzherzog Franz Ferdinand, das als Kriegsauslöser diente, in sein Tagebuch. Putzig klingt das. Dass der kindliche Blick verniedlicht und vereinfacht, ist eine Schwierigkeit, mit der das Autorenpaar vernünftig umgeht. Ohne "Erwachsenengeschichte", wie Yury Winterberg die knappe Einordnung in den Kontext nennt, kommt auch dieses Buch nicht aus. Diese Teile folgen den konventionellen Erkenntnissen der Geschichtsschreibung.

Weniger Bekanntes bringen dagegen die zahlreichen biografischen Einsprengsel zu Tage, die in die Form einer Art literarisches Dokutainment gefasst sind: Schicksale erzählen Geschichte, wobei einer allgemeinen Chronologie folgend zwischen den Einträgen der Protagonisten gesprungen wird. Da ist zu lesen von Marina Yurlova, die als 14-Jährige einer alten Kosakentradition entsprechend ihrem Vater in den Krieg folgte. Sie kämpfte erst als Mann verkleidet, später offen als Frau an der russisch-osmanischen Front. Da sie im russischen Bürgerkrieg auf Seiten der Weißen Armee gekämpft hatte, ging sie später ins US-amerikanische Exil, wo sie 1930 ihre Memoiren veröffentlichte. Deren Wahrheit wurde von den Zeitgenossen angezweifelt, das Ehepaar Winterberg fand aber in russischen Militärarchiven Nachweise über die Aufnahme Yurlovas in die Armee und diverse Lazarettaufenthalte.

Neben solch spektakulären Lebensgeschichten und der im Buch versammelten Prominenz - Marlene Dietrich, Alfred Hitchcock, Simone de Beauvoir und Ödön von Horvath kommen unter anderem zu Wort - ist es aber vor allem der Blick aufs Alltägliche, auf das Gerede und Geplapper der Zeit, den die Tagebuchauszüge ermöglichen. "Ich habe nie gedacht, dass ich einmal so grässlich unpatriotisch sein würde, wie ich jetzt bin. Alles in mir schreit nur immer: Frieden, Frieden, Frieden!", schreibt die ansonsten sehr um vaterländische Gefühle bemühte Sächsin Agnes Zenker, genannt Nessi, im November 1918. Da ist alle kindliche Begeisterung am Krieg längst versiegt.

Yury und Sonya Winterberg: Kleine Hände im Gro§en Krieg. Kinderschicksale im Ersten Weltkrieg. Aufbau-Verlag, 352 Seiten, 22,99 Euro

Drei der Schicksale sind auch Teil der Dokureihe "14 - Tagebücher des Ersten Weltkriegs", an der Yury Winterberg mitgewirkt hat. Sie wird ab 29. April auf Arte erstmalig ausgestrahlt, ab Mai in verkürzter Fassung in der ARD.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.03.2014

Uwe Hofmann

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