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Die TU-Studentenbühne spielt „Die Ungeliebten – ein Sprachkunststück“

Weiße Härte auf dünnem Eis Die TU-Studentenbühne spielt „Die Ungeliebten – ein Sprachkunststück“

Ein weißes Septett mit langen Speeren und markanter Kriegsbemalung betritt einzeln eine weiße Bühne, bestehend aus vier Quadern. Darunter, in rotem Blutlicht, wabern einzelne Leichenteile der Besiegten.

Weiße Riesen mit Speeren auf dünnen Eis: Die Unberührbare (Amina Widmaier) denkt kurz an Ausbruch aus Olav Amendes Leipziger Metapher für das Dresdner Wutbürgertum.

Quelle: Clemens Mart/PR

Dresden. Ein weißes Septett mit langen Speeren und markanter Kriegsbemalung betritt einzeln eine weiße Bühne, bestehend aus vier Quadern. Darunter, in rotem Blutlicht, wabern einzelne Leichenteile der Besiegten. Denn die „Ungeliebten“ sind nicht nur echte Krieger, sondern auch die letzten verbliebenen Sieger und sind als die Bejahende, die Führende, die Schwelgende oder die Unberührbare respektive der Präzisierende, der Pragmatische und der Fördernde hinreichend beschrieben.

Sie vergewissern sich in tumben Riten ihrer Treue, sprechen oft im Chor oder nacheinander am selben Satz – sie sind stolz auf das weiße Eis unter ihnen, auf das sich einiges reimt und durch das sie unter sich und „die Anderen“ woanders sind. So können sie nun endlich ungestört eine neue, reinrassige Welt aufbauen – dabei ist weder Witzigkeit und Geist (Markus Forbig als Präzisierender) oder mutig-kompromisslose Aufmüpfigkeit (Amina Widmaier als Unberührbare) gefragt. Die Führende (Katerina Horáková, seit Januar auch Schatzmeisterin des Trägervereins) befiehlt mit kraftvoller Stimme und bösem Blick klare Linie. Allesamt achten mit ihren Speeren sorgsam darauf, dass – so sie damit nicht auf dem Bühnenboden herumklopfen, ja nichts lebendes unter dem Eis hervorkriecht.

Matthias Daniel, als künstlerischer Leiter vom TU-Theater „die bühne“ hier diensthabender Dramaturg, erklärt in der Einführung die Intention und die Wandlung: Autor und Regisseur Olav Amende, der seine jüngsten drei Stücke an den Leipziger Cammerspielen selbst inszenierte, nahm bei der Stückplanung vor einem Jahr die montäglichen Demonstrationen als Grund zur Wandlung und Konkretisierung seines Auftrags.

Dabei verfällt er in den selben Reflex wie sein Oberbürgermeister: Der Unmut samt Gewalt stammt aus Dresden – und hat damit natürlich bei der Klientel leichtes Spiel, das dank der strammen europäischen Studiumoptimierung keine Zeit für Querblicke und somit die gediegene Abwägung unter wissensbasierten, also komplexeren Weltbilder haben kann, weil nur Lesen wirklich bildet – und umso mehr man weiß, desto größer gerät die Ambivalenz.

Dass es der Jugend heutzutage dafür nicht an Selbstbewusstsein fehlt, ist bei der alltäglichen Superlativschwemme draußen vor der Tür, also in der echten Welt, nicht weiter verwunderlich. Doch ein Sprachkunststück, wie im Untertitel bescheiden behauptet, ist „Die Ungeliebten“ keineswegs, auch wenn – vor allem anfangs – spannende Konstruktionen und Wortkaskaden gewagt werden, so dass man geneigt wäre, dem Autor viel Genuss von Heiner Müller plus Elfriede Jelinek zu unterstellen. Aber das täte ihm unrecht, denn an Handlung passiert nichts weiter, außer das – aufgrund einer Photonenfackel oder einer Kernfusion – natürlicherweise und absehbar das Eis schmilzt und daraufhin die Schwelgende (Anna Zerbe) als erste in den Untergrund zu den vermutlich einst beliebten Leichen springt, die anderen Lemminge folgen freudig.

Auch ein Regiekunststück ist Amende hier nicht gelungen, dafür sind die dezenten Ausflüge in Ausbrüche aus der Uniformität der Gruppe zu selten und zu wenig begründet. Zu oft wird auf Lautstärke im Chor gesetzt, so dass die TU-Bausünde, die Öffnung zum Klemperersaal einfach zuzumauern, worauf nun Enge und Wärme im Bühnenraum dominieren und die Studenten während der Vorstellung locker an Radler oder kaltem Tee aus Flaschen nippen, voll zur Geltung kommt. Dennoch bleibt eine sehr energetische, knapp einstündige Theaterperformance haften, nach der man einige der Akteure in echten Rollen als Charaktere sehen möchte – auch weil Bühnenkonstruktion (Alexander Keller und Martin Schuhmann) sowie Kostüme und Maske passend funktionieren.

Erstaunlich: Auch bei der Studentenbühne ist die Diskrepanz zwischen Aufmerksamkeit während und Beifallsstürmen nach der Vorstellungen beim Publikum ziemlich groß. Das Phänomen kennt man sonst nur von großen Bühnen und Premieren. Die nächsten Vorstellungen der „Ungeliebten“ sind nach der Sommerpause und der großen 60-Jahre-Sause mit Doppelpremiere am 21. Oktober geplant. Zuvor wartet vom 24. bis 26. Juni noch eine Komplementärpremiere zum Sujet: „Eindringling(e)“ in Regie von Stephan Thiel – der weniger abstrakt als Olav Amende arbeiten soll.

Von Andreas Herrmann

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