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Die Stroh spinnt zu Gold - Die Dresdner Künstlerin Mirjam Moritz

Die Stroh spinnt zu Gold - Die Dresdner Künstlerin Mirjam Moritz

Vom Goethe-Institut an der Tannenstraße in der Dresdner Neustadt ist es nicht weit bis zum "Dammschlösschen" nahe dem Bahndamm Richtung Görlitz. Von weitem ähnelt das Anwesen mit Mittelrisaliten, Walmdach und dem großen Naturgarten einem spätbarocken Palais.

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Mirjam Moritz vor ihrem Refugium.

Quelle: Heinz Weißflog

Ich bin mit der Dresdner Malerin Mirjam Moritz verabredet, die dort seit dem Jahr 2007 mit ihrem Ehemann und den beiden Kindern wohnt. Sie steht schon an der Pforte mit den beiden Kugellinden und führt mich in ihr Atelier im Erdgeschoss: Ein kleiner, fast leerer und heller Raum mit einem schlichten Regal, ihren Bildern und einem Tisch am Fenster, an dem ihre kleinformatigen Monotypien und Temperabilder entstehen, mit denen sie bereits in Dresden für Aufmerksamkeit gesorgt hat. Allesamt Stillleben, wenige Landschaften und Interieurs, vor allem Blumen in Vasen und Gläsern, zart und schmalstielig, filigran, chinoise.

Eintritt in die Welt der Kunst

Ihre Kindheit verbrachte sie in einem Dorf bei Halle, anfangs bei den Großeltern in einem Gefühl des Aufgehoben- und Behütetseins. Der Großvater war Gärtner. Sie war schon als kleines Kind viel in der Gärtnerei und lernte Pflanzen und den Umgang mit ihnen kennen. Im Schlosspark und in den Steinbrüchen nahe am Dorf, einer Insel in der durch die Chemieindustrie zerstörten Region, erlebte sie spielend die Schönheit einer Kindheit im "Glitzern der Welt". Ihre Klassenlehrerin entdeckte das Talent, sich vor allem bildlich ausdrücken zu können. Ein befreundeter Bildhauer nahm sie unter seine Fittiche und gab ihr Unterricht im Zeichnen, da war sie schon in der 9. Klasse.

Zunächst ergriff sie einen praktischen Beruf, studierte an der Fachschule für Werbung und Gestaltung in Potsdam Restaurierung. In einem einjährigen Praktikum restaurierte sie mit an der 1756 geschaffenen Deckenmalerei des Chinesischen Hauses in Potsdam-Sanssouci. Das Studium war für sie, wie sie sagt, "eine kleine Schule des Lebens". Es gab nur wenige Studenten. Die Ausbildung, von der sie heute noch zehrt, war vielseitig, intensiv und zugleich sehr speziell. Berliner und Potsdamer Lehrer unterrichteten in Chemie, Mal- und Farblehre, Kunstgeschichte, Architektur sowie in den verschiedenen Mal- und Drucktechniken.

Neustadt-Refugium

Nach Abschluss ihres Studiums an der HfBK Dresden bei den Professoren Elke Hopfe, Siegfried Klotz, Günter Hornig, Ralf Kehrbach und Konsultationen bei Max Uhlig hatte Mirjam Moritz das Gefühl, lange genug studiert zu haben. Die Arbeiten für ihr Diplom waren Kohlezeichnungen nach dem täglichen Abwasch, die sie, sagt sie "parallel zum Windeln ihres Sohnes" anfertigte. Bald zog sie mit ihrem Lebensgefährten in die Neustadt, immer auf der Suche nach einem stillen Ort, wo sie sich ihre Wünsche und Neigungen nach etwas Eigenem, einem Haus mit Garten erfüllen könnte.

Schließlich fand sie im Jahr 2005 das völlig heruntergekommene Grundstück am Dammweg 22, das sie mit ihrem Gefährten eigenhändig sanierte und zum Wohn- und Atelierhaus ausbaute. Ihr kamen dabei die gärtnerischen und restauratorischen Kenntnisse zugute. Zwei Ferienwohnungen wurden eingerichtet, schließlich der Garten gestaltet: Stark gegliedert, entstanden so Gehölzgarten, Kräuter- und Gemüsegarten, Rosengarten, Staudengarten, "Beerenzwinger", Herbst- und weißer Sommergarten. Im und am Haus ist es auffallend still, auch wenn die Züge auf dem Bahndamm vorüberrauschen. Diese besondere Stille ist ein großes Glück. Mit der Welt vor der Haustür und doch wie auf einer Insel leben - das ist einfach herrlich, meint Mirjam Moritz. Das ist für sie wie ein Brückenschlag zur Kindheit im Dorf.

Die Arbeit

Die Monotypie und die Temperamalerei sind von ihr bevorzugt praktizierte Techniken. Immer arbeitet sie im kleinen Format, so dass ihr Tisch für die Arbeit ausreicht. Die Miniaturen, die dabei entstehen, haben dadurch Geschlossenheit und Ausstrahlung. Mit dem "Glasdruck" hat sie sich schon frühzeitig beschäftigt. Während ihres Potsdamer Studiums druckten die Studenten in der Orangerie mit Glasplatten für Kalender. Die schwarze Linie der Monotypie wurde für die Künstlerin dabei zum ordnenden Moment bei der Arbeit nach der Natur im Akt und Stillleben. Auch die Malerei wird in den Konturen bis heute durch den Druck dieser Lineatur auf die Leinwand vorbereitet. Das Temperabild ist ein Kleinod künstlerischer Perfektion. Den emailleartigen Glanz und die leuchtende Tiefe erreicht die Künstlerin durch verspachtelte Untergründe und übereinander gelegte Lasuren, durch lebendiges Entwickeln des Bildes vom Grunde her. Die Oberflächen werden getönt und geschliffen. Alles atmet. Mirjam Moritz liebt diese Arbeit über alles, weil mit einfachen Mitteln in hochintensiver Arbeit unter den Händen etwas Kostbares entsteht: "Ich fühle mich wie Müllers Tochter, die Stroh spinnt zu Gold", sagt sie voller Begeisterung und Stolz.

Ihr Lebensalltag ist geregelt und einfach. Morgens, nach frühem Aufstehen mit den Kindern, wird gemalt, der Nachmittag ist dem Haus, dem Garten und der Familie vorbehalten, abends wird gekocht, gelesen, oder es werden Freunde empfangen, alles wird in der Stille wie ein Ritual zelebriert. Auf die Frage, was sie sich für die Zukunft wünscht, antwortet sie: "Lebendigkeit und mit warmen Herzen schöpferisch bleiben zu können".

Aktuelle Ausstellung in der Ingenieurkammer Sachsen, Annenstr. 10, bis 11. März. Tel. 0351/ 438 33 60, www.ing-sn.de Mo-Fr 8-17 Uhr. Atelieröffnungszeiten Mirjam Moritz: donnerstags 16-19 Uhr auf dem Dammweg 22 in Dresden-Neustadt

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.02.2015

Heinz Weißflog

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