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Die Stimmen der Ungehörten - "Dresdner Winterreise" in der Kreuzkirche aufgeführt

Die Stimmen der Ungehörten - "Dresdner Winterreise" in der Kreuzkirche aufgeführt

An der Frauenkirche wird eine Konzertbühne aufgebaut, am Theaterplatz machen sich Demonstranten auf den Heimweg, auf dem Altmarkt herrscht Trubel auf der Eisbahn - und vor der Kreuzkirche sitzt, kaum beachtet, ein Bettler.

Seine Gegenwart ist alltäglich in Dresden, und dennoch passiert es selten, dass Armut, Obdachlosigkeit und Sucht so deutlich wie an diesem Nachmittag in der Kreuzkirche Gehör finden.

Zu verdanken ist das dem Autor und Regisseur Stefan Weiller. Seit 2009 wandert er mit seinem Projekt "Deutsche Winterreise" durch die Republik, dokumentiert jeweils stadtbezogen die Lebenswelt sozial benachteiligter Menschen und stellt sie in einem musikalisch-lyrischen Programm den Liedern aus Franz Schuberts Zyklus "Winterreise" mit Texten von Wilhelm Müller aus dem Jahr 1827 gegenüber. Nun also in Dresden, wo die Treberhilfe den besonderen Dialog als Veranstalter begleitet.

Armut, Wanderschaft und Einsamkeit gibt es überall

Das Schiff der Kreuzkirche ist an diesem Nachmittag sehr gut gefüllt, laut Veranstalter kamen 1600 Besucher. Neben prominenten Gästen wie dem Ehepaar Biedenkopf sitzen auch jene in den Reihen, denen das Projekt eine Stimme gibt: Das sind obdachlose, heimatlose Jugendliche. Manche von ihnen haben ihre Hunde mitgebracht. Insgesamt 14 junge Menschen ohne Wohnung, Geld und richtigen Halt im Leben hat Stefan Weiller im vergangenen Jahr für seine "Dresdner Winterreise" interviewt. Die Extrakte daraus hören sich an wie kurze Lebensfetzen, manche sind nicht länger als ein paar Zeilen. Die Geschichten sind ganz verschieden, doch haben sie eines gemein: Sie erzählen oft von einer Vergangenheit, der unsere Gesellschaft keine rosige Zukunft mehr gestattet.

Im Wechsel lesen der Synchronsprecher Oliver Rohrbeck und die Dresdner Schauspielerin Yohanna Schwertfeger Sätze wie: "Wir wohnen in Gorbitz, ein Ort, an dem Menschen vor einigen Jahrzehnten voller Stolz jene Adresse nannten. Heute wird sie lieber verschwiegen, damit man nicht abgestempelt wird." Oder: "Mein Dealer interessiert sich dafür, was ich fühle und wie es mir geht, weißt du." Oliver Rohrbeck kann solchen Sätzen noch deutlich mehr Präsenz verleihen als Yohanna Schwertfeger. Im Dialog mit Müllers Liedtexten und der Musik entfalten sie eine schwere Wirkung. Es ist erstaunlich, wie gut Schuberts Lieder die Situation der Straßenkinder widerzuspiegeln scheinen.

Gang durch ein Dresden, das vielen so wohl eher unbekannt ist

Interpretiert werden sie eindrücklich vom Carl-Maria-von-Weber-Chor Dresden (Leitung: Matthias Herbig) und dem Jazz-Duo FraGILe mit den Solisten Dirk Schneider (Bariton), Martin Hensel (Bariton), Achim Kleinlein (Tenor) und Nohad Becker (Mezzosopran). Am Klavier sitzt Hedayet Djeddikar, die Orgel spielt Ralf Sach. Beide sorgen dafür, dass die Szenen aus den Interviews manchmal bedrohlich wie im Film aufscheinen. Chor und Solisten sind zudem fast ständig in Bewegung. Der Chor erhebt sich aus den ersten Reihen zum Singen, spielt mit dem Raum, indem er in der Kirche umherwandert. Er zeigt so auch symbolisch: Armut, Wanderschaft und Einsamkeit gibt es überall. Sie spielen sich nicht nur an irgendeinem gesellschaftlichen Rand ab, sondern sind mitten unter uns, neben uns - wir müssen nur die Augen und Ohren aufmachen. War bei Schubert noch die Liebe schuld an einsamer Wanderschaft, so zeigen sich in den Berichten der jungen Leute aus dem Jahr 2015 verschiedene Ursachen: schwierige Familienbeziehungen, Tod von Verwandten, Drogensucht, frühe Schwangerschaft, Armut. Der Konzertabend wird so schließlich für die Zuschauer zu einem bedrückenden, musikalisch-lyrischen Spaziergang durch ein Dresden, das vielen wohl eher unbekannt ist, vor dem wir uns manchmal vielleicht auch fürchten und lieber die Augen verschließen. Die Atmosphäre in der Kirche ist beklemmend, stimmt mit jedem vorgetragenen Lebensfetzen, mit jedem Lied ein wenig nachdenklicher. Und doch ist es wohltuend zu sehen und zu hören, dass die Dresdner wie die Künstler der Stadt (diese gestalten den Abend für den guten Zweck ehrenamtlich) gar nicht so weltvergessen sind, wie sie oft dargestellt werden.

www.dresdner-winterreise.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.01.2015

Nicole Czerwinka

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