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Die Sterne spielten im Dresdner Beatpol

Die Sterne spielten im Dresdner Beatpol

Hier, im Beatpol, wie etwa auch im Conne Island in Leipzig und anderswo hat man in den späten 1990er Jahren bei Auftritten der Hamburger Band Die Sterne viel Schweiß von den Wänden gewischt, was nichts mit Speed Metal oder schwer posender Rauhbeinigkeit zu tun hat.

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Die Sterne vor begeistertem Publikum im Beatpol.

Quelle: Dietrich Flechtner

Vielmehr mit dem unkontrollierten Ausbruch der Wut aus einem betrachtenden, philosophischen Phlegma ins Ungelenke - ein Bruch, eine Uncoolness, eine Wahrhaftigkeit, die auch nach über zwanzig Jahren Bandgeschichte keine komischen Widersprüche und keinerlei Fremdschämen produziert. "Ich esse eure Suppe nicht / Nein, eure Suppe ess' ich nicht" ist nicht nur eine ganz alte Songzeile, die immer noch gilt, sie ist auch eine, die spürbar kollektiv mitempfunden, mitgesungen wird, dass es einem einen Schauer über den Rücken zu schicken vermag.

Etwas schauderhaft hingegen trat der Support in Erscheinung: Die Jungs von Amts wegen Bürgermeister der Nacht sind um intellektuell angehauchte Betrachtungspoesie nicht verlegen, schwadronieren jedoch vielmehr durch allerhand unbelasteten studentischen Kunstqualm ohne jegliche Dringlichkeitsstufe mit viel ungelenkem Gehampel, das hier gerade nicht als subversiv durchgeht, sondern eher peinlich ist. Oder "süß", wie man raunen hört. Wenn man auf der Bühne mit Zitronen, die einem das Leben gegeben hat, jonglieren möchte, sollte man am besten wissen, wie sie schmecken. Ein lebensgroßer Lou Reed aus Pappe, der die Band komplettiert, ist Sinnbild genug. Unabhängig davon darf sich natürlich jeder in jeder Lebensphase psychedelische Gedanken zum Zustand der Welt machen, dies sei unbenommen.

In der Zitronenpresse der Sterne greift mittlerweile eine charmante Dame in die Tasten der kosmischen Orgel - Dyan Valdes. Zusammen mit den hübsch aufgereiht gehängten altmodischen Glühbirnchen und dem roten Polo-Shirt Frank Spilkers, das, nunja, gelegentlich etwas spannt, erwischt einen die alte Angst, nun, nach so vielen Jahren, doch das zurückgelehnte Salon-Konzert serviert zu bekommen, mit den alten Aufregern im Caféhaus-Gewand, mit Anekdoten und illustren Weggefährten als Gäste mit Tränen im Knopfloch. Doch der phantasierte Spuk ist schnell ad absurdum geführt, über die ersten beiden Nummern flott hinweggetrödelt. Dann steht die selten ausreichend gewürdigte, sensationelle Rhythmusfraktion der Sterne mit Wenzel am Bass und Leich am Schlagzeug unter Strom und macht mit dem alten Gassenhauer "Universal Tellerwäscher" und einer Handvoll Disco-Nummern, vor allem vom "24/7"-Album ("Deine Pläne"/"Convenience Shop"), Druck, der bis zum Ende der fulminanten Show nach gut zwei Stunden und ebenso vielen Zugaben kaum mehr nachlässt. Beeindruckend ist der stilistische Bogen, in dem die trockene bis bissige und trotzdem immer auch schlaksige Verweigerungspoesie Spilkers Kreise zieht - eine aus dem Hemdsärmel und Tambourin geschüttelte House-Nummer, eine schmalzig-morbide Westernballade, ein rotbelichtetes Bluesgerümpel mit Option auf Psychedelik. Und in allem die sehr heutige Gratwanderung zwischen Zynismus, Ehrlichkeit und Aufruhr. In diesem Sinne gibt es die aktuelle Single erst ganz zum Schluss: "Mein Sonnenschirm umspannt die Welt".

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.10.2014

Niklas Sommer

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