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Die Staatsoperette Dresden bietet mit dem "Zauberer von Oz" Phantasie und eine Menge Ressourcen auf

Die Staatsoperette Dresden bietet mit dem "Zauberer von Oz" Phantasie und eine Menge Ressourcen auf

Hätte das Heimweh nicht gedrängt, wären Dorothy und Freunden diese Abenteuer nicht passiert. Und Millionen Leser, Zuschauer und eben auch die Premierenbesucher der Staatsoperette Dresden wären um eine zauberhafte Geschichte betrogen worden.

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Olivia Delauré (Dorothy Gale) und Christian Grygas (Löwe)

Quelle: Kai-Uwe Schulte-Bunert

Das Mädchen Dorothy träumte sich doch eigentlich aus ihren ärmlichen Verhältnissen bei Tante Emmy und Onkel Henry in Kansas weg in die Ferne, "to a place, where ist no trouble". Und singt das zum Welthit gewordene "Over the rainbow", Olivia Delauré tut es so kindlich-anrührend, wie sie spielt. Als aber der Wirbelsturm sie und Hund Toto unfreiwillig und doch eigentlich entgegenkommend samt Häuschen ins blumige Land der Munchkins verfrachtet, steht nichts Dringenderes auf der Agenda als die schnellstmögliche Rückkehr nach Hause. Das soll mit Hilfe des Zauberers in der Smaragdenstadt und in Begleitung dreier neuer Freunde gelingen, die gleichfalls von wörtlich zu nehmenden Herzenswünschen wie beim Blechmann umgetrieben werden.

Die Bösen sind nicht unbezwingbar

Die Ambivalenzen des Heimatthemas gehören ebenso zum Subtext des Ursprungsromans von Lyman Frank Baum aus dem Jahr 1900 wie soziale Fragen. Die böse Hexe des Alltags daheim in Kansas ist die affektierte und reiche Mrs. Gulch, und nicht von ungefähr begegnet uns Mandy Garbrecht bald darauf ganz in Rot in der Rolle der bösen Hexe des Westens wieder. Lasziv-bösartig gespielt und gesungen und mit gekonntem Einsatz ihrer tänzerischen Anlagen. Das Volk sowohl der fröhli- chen Munchkins als auch der düsteren Winkies sorgt mit seinem Verhalten gleichfalls für zeitlose Aha-Effekte. Die Massen sind immer irgendwie erlösungshungrig. Weitere tatsächliche oder vermutete Allegorien entdecke jeder selbst. Die latente Doppelbödigkeit mag zum Welterfolg des "Zauberers von Oz" beigetragen haben, der mehr ist als ein Märchen mit simpler Moral, sich auch wohltuend abhebt vom heute als Fantasy getarnten Horror für Kinder. Unaufdringlich nährt die Geschichte Zuversicht: Die Bösen sind nicht absolut und unbezwingbar, sondern wasserlöslich wie die böse Westhexe, und die Typen mit Handicaps wie Vogelscheuche, Blechmann und der feige Löwe besitzen unentdeckte Stärken. Auf die macht sie der weise Zauberer kurz vor dem Happy End aufmerksam. Und der ist selber nur eine gefakte Inszenierung wider Willen - wovor wir Angst haben, erweist sich letztlich als harmlos.

Hinter aller Opulenz der Inszenierung von Arne Böge bleibt dieser Anspruch spürbar und bewahrt das Musical davor, zu einer bloßen Ausstattungsrevue oder einer Leistungsschau des Dresdner Operettentheaters zu geraten. Denn das Haus bietet nahezu alles auf, was es zu bieten hat: Chor und Kinderchor mit solistischen Einlagen, Ballett, einen Großteil des Orchesters, neun ausgezeichnete Solisten, eine üppige und phantasievolle Ausstattung von Hendrik Scheel. In der Internetpräsentation des Spielplans entschuldigt sich die Operette beinahe, dass man nicht eher auf diesen Publikumsrenner gekommen sei. Was lange währt, wird wirklich gut, lässt sich dazu nur kommentieren.

Wie andernorts auch greift man auf eine Musicalfassung von 1987 für die Royal Shakespeare Company zurück, die wiederum auf die überwältigende Verfilmung von 1939 mit Judy Garland zurückgeht. Was Harold Arlen damals zu den Texten von E.Y. Harburg komponierte, klingt inzwischen zwar nach bewährter Rezeptur aus der Musical-Küche. Leitmotivik nimmt den Zuschauer zusätzlich an die Hand. Unter der musikalischen Leitung von Peter Christian Feigel entsteht dennoch nie der Eindruck, in ausgefahrenen musikalischen Gleisen dahinzurollen. Allein schon das Orchester spielt mit reichlich Schmiss, Höhepunkte sind der Wirbelsturm, die grüne Féte in der Smaragdenstadt oder der Kampf mit der Hexe zum schönsten Big-Band-Sound. Die Soli haben entweder Drive oder den Schmelz, der nun einmal zu diesem Genre gehört.

Pas de deux mit dem Hundefreund Tot

Es ist zwar Dorothy, die herzensgute und staunende, deren Geschichte erzählt wird. Beim "Over the rainbow" schwingt sich Olivia Delauré über den Gesang hinaus zu einem berührenden Pas de deux mit ihrem Hundefreund Toto auf. Tänzer Henryk Wolf spricht hier nicht, anders als Totoschka in der Adaption dieses Stoffes durch den russischen Schriftsteller Alexander Wolkow. Dazu hat übrigens Irina Pauls am Theater Junge Generation ein Tanzstück inszeniert. Aber an der Staatsoperette dominiert der dämonische Charme Mandy Garbrechts als böse Hexe, das Böse am Rande der Lächerlichkeit, ohne platt zu wirken.

So lieb, wie Dorothy ihre drei unerwarteten Reisebegleiter gewinnt, nehmen diese auch das Publikum für sich ein. Markus Schneider als Vogelscheuche hält bis zum Schlussvorhang seine stelzigen Balanceübungen durch, Bryan Rothfuss als Blechmann schafft es mit seiner Ehrlichkeit, nicht albern zu wirken, und Christian Grygas als bedauernswerter Löwe auf der Suche nach Courage hat nicht nur eine kräftige Mähne, sondern auch einen kräftigen Bass. Als Tante und gute Fee erscheint warmherzig Elke Kottmair, Herbert G. Adami wirkt eher wie der Butler des Zauberers als dessen Wächter. Dietrich Seydlitz hat als Zauberer nur einen kurzen Auftritt - im grünen Nylonkittel wie der Hausmeister, weil sein sprechender Orakelkopf einen Kurzschluss verursachte!

Dass die Solisten stimmlich drüber stehen, konnte man bei dem Personal erwarten. Über weite Strecken verlangt dieses Musical aber auch die Schauspieler in ihnen und gelegentlich die Tänzer. Hier kommt Erstaunliches und dem stilsicheren Gesang Gleichwertiges über die Rampe. Gewöhnungsbedürftig erscheint zumindest anfangs, dass alle über Headsets verstärkt werden. Die starre Lautsprecheranordnung kollidiert manchmal mit der Ortung der Personen. Wie kam man vor 25 Jahren eigentlich ohne Funktechnik aus? Gesungen wird in der Regel deutsch mit Ausnahme des Rainbow-Ohrwurms, eine sinnvolle Entscheidung. Die blauhaarigen Munchkins-Kinder erinnern im ersten Moment an die Uniform der Jungen Pioniere, und wenn die Beine der unter dem gelandeten Häuschen zerquetschten Hexe des Ostens durch die Luft fliegen, schaut man etwas makaber berührt. Kleinigkeiten angesichts zauberhafter, ideenreicher Kostüme und märchenhafter Bühnenbilder, die einfach Lust am ungebrochenen Theater spüren lassen.

Am Ende ruft für Dorothy und Toto wieder die Heimat. Und diese Inszenierung ruft irgendwie nach der größeren Bühne, nach dem künftigen zentralen Domizil im Kulturkraftwerk Mitte. Die personellen Potenzen dafür sind vorhanden. Im Foyer hängen schon die ausgesprochen gelungenen Bilder des Fotoklubs, die Stars des Leubener Hauses im noch ruinösen Ambiente zeigen. Zur Zauberer-Premiere war die Familienzielgruppe noch etwas dünn vertreten, aber an dieser Inszenierung kann man sich auch bis ins hohe Alter noch delektieren. Geschlagene neun Minuten Applaus und Bravo-Rufe.

Aufführungen: 26./27.Januar, 2./3. Februar, 12./13. März

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.01.2013

Michael Bartsch

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