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Die St. Pauli-Ruine startet ihre Saison "Hundert Tage Sommer" mit dem Spektakel "Mörderspiele"

Die St. Pauli-Ruine startet ihre Saison "Hundert Tage Sommer" mit dem Spektakel "Mörderspiele"

Die Theater-Ruine St. Pauli will etwas abrücken von Goldoni & Co. Und ergänzt ihr Repertoire, auch wenn das längst von Brecht über Hacks bis Molière und Offenbach reichte (schon bald kommt Dario Fo hinzu), um einen völlig Unbekannten.

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Michael Hochmuth und Rainer Köne als Willie und Frank.

Quelle: PR

Krimi im Hecht. Da steht dann nicht die Frage, wer der Mörder war, sondern wer der tatsächliche Verfasser ist. Denn Henry Smith, dessen Stück "Mörderspiele" am Freitag die Saison "Hundert Tage Sommer" einleitete, ist ein Pseudonym und soll der große Mister Unbekannt bleiben. Er selbst und sein Verlag wollen es so.

Ähnlich geheimnisvoll sind auch Smiths "Mörderspiele". Wohl wirken sie vergleichbar komödiantisch wie seine liebesdralle "Ellen" und der blutrünstige "Besuch um Mitternacht", Abgrenzung erfährt dieser Krimi aber durch sein heftiges Spiel im Spiel. Schon das Grundkonstrukt führt in die Irre. Roland und Edith, Inhaber einer kleinen Insel mitsamt altem Herrenhaus, laden aus Geldnot zahlungskräftige Besucher ein, ein spielerisch-mörderisches Wochen- ende auf diesem Eiland zu verbringen. Zwei Pärchen sowie eine alleinstehende Mutter mit ihren halbwüchsigen Kindern gehen auf diese Offerte ein. Dass all diese Gäste ihre jeweils eigenen Beweggründe für den Inselbesuch haben, erfahren wir erst nach und nach. Frank und seine Freundin Doina beispielsweise sind heimlich mit dem Ehepaar Adam liiert, natürlich je über Kreuz, und wollen aus naheliegenden Gründen die "Mörderspiele" nutzen, ihre Rivalen aus dem Weg zu schaffen. Das Stück lebt von der Verlogenheit all seiner Figuren. Die ahnen zunächst einmal selbst nicht, wie doppelbödig und ineinander verwoben die ganze Farce ist.

Dabei wird in der Eingangsszene eigentlich schon alles offenbart. Die Gastgeber sind von sehr unterschiedlichem Alter und blicken auf ein Wandbild der ersten Frau Rolands, die bei einem Unfall im Wasser ertrank. Edith muss es ja wissen, denn sie war damals - als Krankenpflegerin der Verstorbenen - im Boot mit dabei. Eine erquickliche Versicherungssumme hing an diesem Todesfall.

Dieses Geld ist aus zunächst unerfindlichen Gründen in kürzester Zeit dahingeschmolzen. Später erfahren wir, dass der Erbe regelmäßig erpresst worden ist. Gibt es einen Mitwisser? Nach und nach enthüllen die Wochenendgäste der "Mörderspiele" ihre Absichten, die gar nicht so spielerisch sind - und man ahnt, dass am Ende eine ganze Menge Leichen die Bühne säumen werden. Doch ebenso, wie sich die Protagonisten stets neu in die Irre leiten, wird natürlich auch das Publikum an der Nase herumgeführt. Da verwirren zunächst die zwei Kinder der "Handarbeitslehrerin" Viveca Sommer, die vor der Mutter lammfromme "Schätzchen" sind, sich ansonsten aber als durchtriebene Monster erweisen, von Fernsehverblödung darin durchaus geschult. Sie bringen reichlich Energie ins Spiel, denn sie durchschauen die intrigante Erwachsenenwelt und wollen von ihrem Wissen - und der versprochenen Verschwiegenheit - gern profitieren.

Nach klaren Absprachen, wer wen also warum und wie umbringen will, liegt zur Pause tatsächlich eine Leiche am Boden. Im kurzen Finale soll geklärt werden, wer diesen Wurstfabrikanten Willie auf dem Gewissen hat. In Frage käme letztlich jede und jeder. Aber alle streiten es ab. Und Willie steht wieder auf. Der Tote ist nicht tot und auch die Handarbeitslehrerin ist nicht so bigott, wie sie gern tut. Überraschend streift sie die Hüllen ab und entpuppt sich erst als Polizistin, dann als Mitarbeiterin jener Versicherung, die den Betrug in Sachen Sterbefall von Rolands Ex-Frau aufklären soll. Da wehen die Schatten der Vergangenheit. So weit alles klar?

Wenn nicht, einfach hingehen. Das Ensemble aus Laien und geschulten Mimen spielt beherzt, bekommt das zunächst hysterische Schreien in den Griff, als das Premierenfieber auf immer noch hitzige Spielfreude abgekühlt ist, und verbindet putzige Mundart mit geschliffener Vortragskunst. Jörg Bergers Regie in Anja Martins sparsamer Ausstattung greift das Tempo des Stücks auf und vertraut auf die Wirkung der teils geschliffenen Dialoge (wobei künftig auf noch mehr Textverständlichkeit zu achten wäre). Wunderbar fies die beiden Kinder (Viktor Hofmann und Wiebke Weiland), die sich so gewiss niemand in die eigene Familie wünscht.

nächste Vorstellungen: 15., 16., 17.6., 4., 5., 26., 27., 28.7. www.pauliruine.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.05.2014

Michael Ernst

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