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Die Semperoper wird für zwei Millionen Euro zum offenen Haus umgebaut

Die Semperoper wird für zwei Millionen Euro zum offenen Haus umgebaut

Die Semperoper ist mitten in der Spielzeit zur Baustelle geworden. "Es sind kleine Operationen zur besseren Funktion und für mehr Besucherfreundlichkeit", erklärt Ludwig Coulin, Niederlassungsleiter des ausführenden Sächsischen Immobilien- und Baumanagements (SIB).

Von genia bleier

"Altmeisterliches wird nur vorsichtig angetastet. Wir wollen die vorhandene Situation nicht verletzen und gehen nicht brachial vor", beruhigt er kritische Stimmen, die einen herben Eingriff in die Rekonstruktion von Sempers zweitem Opernhaus sehen.

Dennoch ist der Eingriff deutlich. Fünf der Eingänge zum Theaterplatz erhalten zwischen der äußeren und inneren Holztür (hier hing bisher bzw. hängt der rote Samtvorhang) eine Tür aus Glas. Sie hat einen brünierten Messingrahmen und ein ebensolches Motiv, das auf Semper zurückgeht. Der Arbeitsaufwand für die Umrüstung ist hoch und billig sind die Türen auch nicht gerade, sogar "schweineteuer", wie ein Fachmann sagt. Die fünf Türen - das ist bereits eine abgespeckte Variante - sollen Einblick gewähren und den Glanz nach außen tragen. Bei einer weiteren Tür ist Stuckateur Thomas Pistol von der Denkmalpflegefirma Fuchs + Girke gerade dabei, die in Holzmanier bemalte Stuckwand zuzurichten. "Ich war vor 30 Jahren auch schon hier beschäftigt", kann er stolz verkünden. Coulin ergänzt, dass man bewusst auf die Erfahrungen dieser Kunsthandwerker zurückgreife.

Der größte Eingriff kommt noch: Die bereits geschlossene bisherige Abendkasse im Foyer verschwindet und mit ihr eine tragende Wand zur Garderobe. Für den nötigen Halt sollen künftig zwei neu gesetzte Säulen sorgen, wie sie sich auch im Garderobentrakt befinden. Dort hat in der Mitte des Halbrunds bereits die Abendkasse Einzug gehalten. Kassenplätze teilen die Garderobe in zwei Hälften. Bei Bedarf sei in einem kleinen Make-up-Raum (der fast nie gebraucht wurde) eine weitere Garderobe nutzbar, so Seeger.

Künftig wird die Abendkasse zugleich Vorverkaufskasse sein. Die Schinkelwache hat in dieser Funktion dann ausgedient. Das Publikum soll ganztägig über das Mittelportal Zugang zur Semperoper erhalten und zentral weiter bis zur Kasse geleitet werden. Damit baulich nichts danebengeht, plant laut Coulin der versierte Architekt Horst Witter (u.a. Neues Grünes Gewölbe) die Veränderungen. Für die praktische Umsetzung des ganztägig offenen Hauses wurde extra ein Konzept erarbeitet, erläutert Seeger. Es sieht an den sechs Aufgängen mobile Trennwände vor, die vom Einlasspersonal jeweils auf- und abgebaut werden müssen. Auch diese Paravents sollen gläsern und dazu eventuell auch alarmgesichert sein. Denn tagsüber zugänglich ist nur das untere Foyer bis zur Kasse oder man schließt sich wie bisher einer Führung an.

Warum eigentlich muss das 1985 wiedereröffnete Opernhaus - unabhängig vom normalen Erhalt bei rund 750 000 Gästen pro Saison - umgestaltet werden? Alle Beteiligten führen dies auf den Wunsch der verstorbenen Intendantin Ulrike Hessler zurück. Sie wollte, dass die Oper mehr nach außen auf den Theaterplatz ausstrahlt und als ein offenes Haus Menschen anzieht. "Wir erleben es häufig, dass Touristen an den verschlossenen Türen rütteln", sagt der Technische Direktor Jan Seeger. Nun soll der Bau noch mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen und "Appetit auf mehr machen".

Vor allem soll der Opernbesucher möglichst wenig Einschränkungen erfahren, was nach DNN-Informationen nicht immer gelang. So soll es schon Gerangel an der Garderobe, an den Ausgangstüren und im WC gegeben haben. Beschwernisse, die sich hoffentlich nur auf die Bauphase beziehen. Im unteren Foyer sind die Bereiche umfangreicherer Veränderungen mit großformatigen Fotos kaschiert. Davor und dahinter aber staubt es, liegen Rohre frei, sieht es nach Rohbau aus.

Der kleine Bauexkurs für die DNN führt denn auch geradewegs ins WC. Es ist nagelneu, war vorher ein Lager und besticht jetzt durch graue Granitplatten, helle Waschbecken, große Spiegel. Keine barocken Schnörkel und goldenen Wasserhähne, hier herrscht die klassische Moderne. Der Clou sind elektrische Händetrockner einer neuen Generation. Sie tun ihr Werk schnell und präzise, aber ziemlich laut. Der Oper helfen die Neuanschaffungen vierstellige Kosten sparen, die bisher für Papier gebraucht wurden, so Seeger. In dieser Weise sollen alle Toiletten, die zugegebenermaßen in die Jahre gekommen waren, saniert werden - sechs im Vestibül und eine Anlage im dritten Rang.

Das eigentliche Sempersche Opernhaus bleibt unangetastet, versichert Coulin: "Das Vestibül ist heilig", betont er und trifft damit sicher den Nerv vieler Dresdner. Alles sei mit der Sächsischen Denkmalpflege abgestimmt, was Hartmut Ritschel vom Landesamt bestätigt. Die Garderobe der Dresdner Oper sei ein Neubau und müsse somit nicht geschützt werden. Dennoch sehen andere es anders. Zu den Kritikern gehört auch Ex-Landeskonservator Gerhard Glaser. Er hält den Umbau für reine Geldverschwendung. Die Schinkelwache habe sich bestens als Vorverkauf bewährt. Mit geringerem Aufwand hätte man die alte Abendkasse funktioneller gestalten können. Auch das Argument Licht, das nach außen fallen soll, lässt er nicht gelten. Wegen der großen Tiefe des Raumes sei das kaum möglich.

Als "völligen Fehlschluss" bezeichnet auch Wolfgang Hänsch das Vorhaben. "Der untere Foyerraum ist dunkel und hat nicht die Kraft auszustrahlen." Nach der gerichtlich erlaubten Umgestaltung des Kulturpalastes muss der Chefarchitekt des Wiederaufbaus der Semperoper nun einem weiteren Umbau seines Werkes zusehen. Man habe ihn nicht rechtzeitig einbezogen, kritisiert er. Nach dem Motto "Weiterbauen am Denkmal" sei heute der Beliebigkeit Tür und Tor geöffnet. In der Semperoper habe schon mit der "gastronomischen Invasion" und zahlreicher Tresen in den Foyers ein "verheerendes" Signal Einzug gehalten, beklagt Hänsch.

Bis zum Dresdner SemperOpernball am 1. Februar 2013 sollen die begonnenen Arbeiten abgeschlossen sein. Der Freistaat Sachsen gibt dafür insgesamt zwei Millionen Euro aus.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.11.2012

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