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Die Semperoper holt "Cavalleria rusticana" und "Pagliacci" von Salzburg nach Dresden

Operndoppel mit Leichen Die Semperoper holt "Cavalleria rusticana" und "Pagliacci" von Salzburg nach Dresden

"La commedia è finita". Das Spiel ist aus, der Rest ist Realität, grausame Realität. Schluss, aus und Applaus. Reichlich Applaus nach dieser Doppelpremiere vom Sonnabend. Da holte die Semperoper ihre Koproduktion mit den Osterfestspielen Salzburg nach Sachsen.

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Turbulent: Aaron Pegram (Beppe), dazu sorgen gleich mehrere Chöre in "Pagliacci" für lebhafte Bühnen-Atmosphäre.

Quelle: Daniel Koch

Dresden. "La commedia è finita". Das Spiel ist aus, der Rest ist Realität, grausame Realität. Schluss, aus und Applaus. Reichlich Applaus nach dieser Doppelpremiere vom Sonnabend. Da holte die Semperoper ihre Koproduktion mit den Osterfestspielen Salzburg nach Sachsen. In einer vergleichsweise eigenständigen Fassung.

Denn die Dresdner Bühne ist natürlich wesentlich kleiner als die riesige Spielfläche im Salzburger Festspielhaus. Vom dortigen Bühnenbild mussten gleich mehrere Schaukästen weggespart werden. Zudem gab es einen kompletten Besetzungswechsel, nicht einmal Chefdirigent Christian Thielemann, Künstlerischer Leiter der Osterfestspiele seit 2013, stand bei der Umsetzung am Pult. Diesen Dienst übernahm Stefano Ranzani mit dem musikantischen Heimvorteil des gebürtigen Italieners.

Von dort, aus dem Mutterland des Musiktheaters, stammen auch die beiden Komponisten des Abend, Pietro Mascagni und Ruggiero Leoncavallo, die als Vorzeigekünstler des - ebenfalls italienischen - Verismo gelten. Wahrhaftigkeit also ist angesagt und war auch zu hören. Emotionale Dramatik in der Musik, ein klangliches Bebildern der anrührend spannenden Aktionen, das Publikum soll schließlich mitgerissen werden von Liebesqualen, Eifersuchtsmord und Theatralik im Opernspiel wie aus dem wirklichen Leben.

Diese in beiden Stücken enthaltenen Doppelbödigkeiten hat sich der theater- und filmerfahrene Regisseur Philipp Stölzl zu Herzen genommen und als sein eigener Bühnenbildner sichtbar umgesetzt. Das sizilianische Osterfest in "Cavalleria" ist eine Schwarzweiß-Landschaft wie aus dem Bilderbuch, nein, aus der Frühzeit des Comic. Stölzl macht damit Gleichzeitigkeiten des Handelns deutlich und schafft so zusätzlich Spannung, denn das Publikum bekommt immer schon angedeutet, was sich quasi hintergründig entwickelt. Liebe, Betrug und blutige Rache stehen hier in einer hermetischen Welt mit mafiös-familiären Strukturen. Keine Chance für Verliebte.

Im sommerlichen "Pagliacco" weitet die Regie dieses Konzept um eine überbordende Farbigkeit, der auch die Kostüme von Ursula Kudrna bestens entsprechen, lässt das "Cavalleria"-Ensemble wie aus der Vorstellung kommend noch einmal vor den Bajazzo-Brettern auftreten und wendet sich dann dem doppelten Spiel der Komödie mit ihrem tragischen Ausgang zu.

Im Gegensatz zum Salzburger Original, das mit sechs großen Bühnenkästen aufwartete, in denen paralleles Geschehen mit Nahaufnahmen und Projektionen verschränkt wurde, passten nur vier dieser Bühne-Bühnen nach Dresden. Das ist im direkten Vergleich ein Verlust, funktioniert aber beinahe ebenso gut. Mitunter ergibt sich der Eindruck, wir schauen hier nicht auf die Guckkästen, sondern wie aus dem Theater hinaus in ein filmisch fernes Geschehen, dessen Emotionalität uns auch heute, gute 100 Jahre nach dem Entstehen der beiden Opern, so nahe ist.

Der satte Orchesterklang mit sinnlichem Streicherschmelz und drängendem Holz trägt sein Scherflein mit dazu bei. Ranzani weiß Akzente zu setzen, erweist sich aber vorrangig als Mann fürs Ganze - und kann sich dabei auf gut präparierte Ensembles verlassen. Das gilt für den Staatsopernchor mitsamt Kinder- und Extrachor, das gilt nahezu uneingeschränkt auch für die gewaltige und sich bestens engagierende Solistenriege. Bis in die Nebenpartien hätte es jede/r verdient, hier erwähnt zu werden. Die hinreißende Sonia Ganassi als betrogene Santuzza berührt in Stimme und Spiel, da gerät der Rumäne Teodor Ilincai fast in den Schatten und übertreibt es ein wenig mit Stimmkraft und tenoralem Furor. Sein Agieren, ob als Liebhaber und Lügner, ob als Rivale, Muttersohn und als unverheirateter Vater (eine schlüssige Stölzl-Zutat), es ist in jeder Szene glaubwürdig nachvollziehbar. Da verwundert der sozial gehobene Gestus, den Tichina Vaughn als Mutter Lucia ausstrahlen muss. Vokaler Feinsinn zeichnet sie ebenso wie Christina Bock als liebestolle Lola aus. Der gehörnte Alfio hingegen darf von Sergey Murzaev so richtig selbstherrlich gegeben werden, Mafialand lässt grüßen.

Demokratiefrei geht es aber nicht nur da, sondern auch in der Commedia dell'arte zu, wo Bajazzo Canio wie ein Despot über seine Mitmimen herrscht. Also auch über Nedda, die als Zirkus-Colombina betörend für jene Ranküne sorgt, die sie außerhalb der schäbigen Garderobe tatsächlich lebt. Veronica Cangemi betört nicht nur ihren Gönner und den buckligen Tonio, sondern vor allem ihren Geliebten Silvio und das veritable Publikum im Saal sowie das auf der Bühne. Schlank wie ihr Sopran, spielt sie sich so beweglich wie ihre Koloraturen durch die Intrige. Mario Cassi, erst kurzfristig als Silvio eingesprungen, ist ein idealer Partner für sie, während Sergey Murzaev als Tonio einen so hinterhältigen wie gebrochenen Wüstling gibt, der zum Schluss die mörderischen Rachefäden knüpft. Liebenswert der Harlekin-Beppe von Aaron Pegram, beängstigend und gleichsam bemitleidenswert der Canio, wenn er so menschlich gewaltig wie von Vladimir Galouzine gegeben wird. Wuchtige Kultur in seinem starken Tenor, feinsinnige Mimik in seinem Spiel - ein rasender Mörder von Geliebter und deren Liebhaber.

"La commedia è finita" - das Spiel ist aus und es ist wahrlich unter die Haut gegangen. Drei Leichen sind in diesem Operndoppel zu beklagen. Das ist der Preis für jede Menge Italianità, die sich nicht auf das hinreißend ohrwürmelnde "Cavalleria"-Intermezzo beschränkt und mit dem finalen Donnerklang des "Pagliacci" noch lange nachhallen wird.

nächste Aufführungen: 19., 22.1., 3., 6.2. www.semperoper.de

Michael Ernst

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