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Die Schauspielerin Iris Berben las im Militärhistorischen Museum Dresden Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger

Die Schauspielerin Iris Berben las im Militärhistorischen Museum Dresden Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger

Sie hat lediglich 57 Gedichte geschrieben, doch dieses sehr schmale Werk gehört unbedingt zur Weltliteratur. Nur 18 Jahre alt wurde Selma Meerbaum-Eisinger.Diese Frage stand am Montag mal wieder im Raum, als zur Sonder- ausstellung "Schuhe von Toten" eine Auswahl von Texten Selma Meerbaum-Eisingers in den Räumen des Militärhistorischen Museums zu hören war.

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Iris Berben bei ihrer Lesung im Militärhistorischen Museum Dresden.

Quelle: Christian Juppe

Sie hat lediglich 57 Gedichte geschrieben, doch dieses sehr schmale Werk gehört unbedingt zur Weltliteratur. Nur 18 Jahre alt wurde Selma Meerbaum-Eisinger. Was hätte diese sprachbegabte und nachdenkliche junge Frau wohl noch schreiben können, wäre sie nicht Ende 1942 in einem Arbeitslager der deutschen Nazis ums Leben gekommen?

Diese Frage stand am Montag mal wieder im Raum, als zur Sonder- ausstellung "Schuhe von Toten" eine Auswahl von Texten Selma Meerbaum-Eisingers in den Räumen des Militärhistorischen Museums zu hören war. Die Schauspielerin Iris Berben las diese Gedichte zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, wie die bundesdeutsche Gesetzgebung seit 1996 den 27. Januar benennt. Die Vereinten Nationen erklärten das Datum 2005 zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust; Ausgangspunkt war die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee.

Dieselbe Frage stand bereits vor mehr als dreißig Jahren, als Karl Krolow und Jürgen Serke in Deutschland Ost und West unabhängig voneinander Selmas Gedichte publizierten. Das heute als Rarität gehandelte Poesiealbum Nr. 166 bleibt unvergessen, denn diese Texte stehen nicht nur als lyrisch gelungenes Zeitbild, sondern sind ein wichtiges Stück Erinnerungsliteratur des 20. Jahrhunderts.

Selma Meerbaum-Eisinger stammt aus der Bukowina, aus dem heute ukrainischen Czernowitz, wo sie 1924 in einer jüdischen Familie zur Welt kam. Diese multiethnische Gegend ist auch die Heimat von Paul Celan, Rosa Ausländer und manch anderen Künstlern, deren Schaffen aus dem vielsprachigen Schmelztiegel gespeist wurde. Mit 15 begann sie zu schreiben, eine Freundin bewahrte die Texte und rettete so eine ganz und gar eigentümliche Poesie. Als Iris Berben darauf stieß, war sie sofort von diesem Werk beeindruckt - die Reife, Weitsicht und das schriftstellerische Talent eines so jungen Mädchens hatten sie nachhaltig fasziniert.

Als Filmschauspielerin habe sie eine gewisse Öffentlichkeit, erläuterte die Aktrice ihr Engagement gegen Rassismus und Antisemitismus. Nicht nur ihre enge, teils auch sehr persönliche Verbundenheit mit Israel (wo sie 2011 zwei einstigen Mitschülerinnen von Selma Meerbaum-Eisinger begegnete) bestärkt sie in ihrer Haltung, sondern auch die weit über die 1960er Jahre hinaus herrschende Sprachlosigkeit über die Verbrechen der Deutschen. "Israel hat was aus mir gemacht, von dem ich ausgehen kann, dass man das von jedem Menschen erwarten kann", erläuterte sie ihre Position. Man dürfe das Thema Nationalsozialismus nicht ausklammern, es müsse aber auch nicht als endlose Qual stehen, sondern könne in moralischem Sinn bereichernd sein. Daher lehne sie die sogenannte Schlussstrichdebatte ab: "Wie kann man Geschichte beenden? Überhaupt nicht!"

Es ist die Würde der Menschen, die Iris Berben antreibt, die sie mit ihren Aktivitäten bewahren will. Sie ist überzeugt, dass gerade eine Kultur der Vielfalt und Unterschiedlichkeit hilfreich sein kann, um Neugier und Verständnis zu wecken. In der Bukowina wurde das schließlich bis zum Überfall der Nazihorden alltäglich gepflegt. Heute sei davon kaum noch etwas erkennbar. Umso schlimmer, dass die aktuellen Unruhen in der Ukraine den Blick auf diese besondere Vergangenheit verstellen. Die Kontakte dorthin würden aber nicht abbrechen, von bleibender Wirkung ist beispielsweise die von Iris Berben initiierte Übersetzung der Texte Selma Meerbaum-Eisingers ins Ukrainische. Denn was hierzulande Allgemeingut sei, war dort, wo es entstand, bis vor kurzem überhaupt nicht präsent. Die Schauspielerin erwähnte ihre Hilfe lediglich am Rande. Nicht nur an Gedenktagen, so die Leo-Baeck-Preisträgerin, auch im Alltag müsse das Wissen um die Geschichte präsent sein, damit sich die "Schamlosigkeit in der Mitte der Gesellschaft" nicht noch weiter ausbreiten könne. Die Stimme des Humanismus solle dringend lauter werden.

Wie sehr es die Texte verdient haben, auch heute gelesen zu werden, machte dieser kurze Abend deutlich. Die ausgewählten Verse, umrahmt von Klezmerklängen, kreisten um Sehnsucht nach Natur und Liebe, sie sind von Bangigkeit und Melancholie geprägt, durchzogen von Einsamkeit und einem Ahnen, als hätte das Mädchen beim Schreiben schon von seinem bevorstehenden Abschied gewusst. Was für eine ergreifende Stille herrschte im Saal (sowie in den Foyers, wohin die Lesung aus Kapazitätsgründen übertragen wurde), als Iris Berben die letzte handschriftliche Notiz von Selma Meerbaum-Eisinger vortrug: "Ich habe keine Zeit gehabt, zu Ende zu schreiben."

Am 10. Februar sind der Historiker Götz Aly, der Zeitzeuge Volker Hofmann sowie Gorch Pieken als Kurator der Sonderausstellung "Schuhe von Toten" zu Gast in einem Spezial von MDR Figaro mit Geschichtsredakteur Stefan Nölke (19 Uhr, Eintritt frei).

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.01.2014

Michael Ernst

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