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Die Premiere "Der Fliegende Holländer" in der Semperoper Dresden überzeugte nur musikalisch

Die Premiere "Der Fliegende Holländer" in der Semperoper Dresden überzeugte nur musikalisch

Ein szenischer Höhenflug ist diese Inszenierung von Richard Wagners vor 165 Jahren in Dresden uraufgeführter Oper nicht. Eher ein Absturz. Offensichtlich gefällt die Handlung, so wie sie Wagner sich gedichtet hat, Regisseurin Florentine Klepper überhaupt nicht und gemeinsam mit Bühnenbildnerin Martina Segna baut sie um und ab und wenig auf.

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Auch das lockende Bett bringt dieser Verbindung kein Glück: der Holländer (Markus Marquardt) und Senta (Marjorie Owens).

Quelle: Matthias Creutziger

Jetzt spielt sich alles auf einem grünen Hügel ab, das ist ein Deich oder eine Düne. Dahinter das Meer. An der linken Seite eine schroffe Felsenschlucht, darüber eine Brücke, die wohl doch lediglich in die Bühnengasse führt.

Es beginnt mit einer Beerdigung. Daland, Sentas Vater, norwegischer Seefahrer, ist tot. Die Tochter kehrt zurück, warum, woher, man weiß es nicht. Und in der Rückschau kommen die Erinnerungen. Dieweil die große Senta sich auf einen umgekippten Kahn setzt und aufs Meer schaut, kommt das Sentakind ins Spiel und zeitweilig haben wir sogar drei Sentas auf der Szene. So, jetzt geht's aber los. Dalands Schiff aus der Fischereiflotte hat es im Sturm an die heimatliche Küste gespült, aber weil es der Text so will, tut man so, als wäre man weit weg davon gestrandet.

Seemänner - hier Hochseefischer - saufen. Davon bekommen sie rote Nasen. Gehen sie an Land, schießt eine Dünenbar aus dem kargen Boden, aus dem Himmel der Schwertfisch. Und mittendrin Klein-Senta. Wenn der Steuermann den Südwind ansingt, dass der doch bitte blasen möge, weil er heim will zur Liebsten, dann wird's gefährlich für das einsame Mädchen mit den roten Haaren. Für die Regisseurin und ihre Redlichkeit aber auch.

Zum Glück kommt der Holländer, der Fliegende, denn Reste eines Rabenflügels hat er ja noch. Die Frist ist um, nach sieben Jahren darf der rastlose Seefahrer wieder an Land, sein Glück zu versuchen, eine Frau zu finden, die treu ist bis in den Tod, dann wäre er erlöst und könnte sich niederlassen, im trauten Heim, hinter dem Deich. Reich genug ist er ja, die Schatztruhe schießt aus dem Boden wie zuvor schon die Bar. Daland, längst wieder auferstanden von den Toten, wittert seine Chance: Er nimmt das Gold und bietet seine Tochter.

Szenenwechsel. In Dalands Haus. Hier warten die Frauen auf ihre Seemänner, eigentlich sitzen sie fleißig am Spinnrad, nur Senta träumt vom Fliegenden Holländer, den kennt sie aus den sagen- haften Gute-Nacht-Geschichten ihrer Amme Mary bzw. aus der berühmten Ballade, die sie dann auch singen wird. Nur wird hier nicht gesponnen, hier wird am laufenden Band geboren. Alle Frauen, bis auf Senta, sind schwanger, blond und ein bisschen blöd. Und eine nach der anderen steigt ins Bett. Mit Marys resoluter Hilfe kommen geklonte Wesen zur Welt. Und was die Frauen nicht unter ihren Herzen tragen, das holt an Nachschub Klein-Senta noch in Unmassen aus dem Bettzeug. Unterm Bett liegt Jäger Erik mit der Flinte. Was macht der da? Oder besser, was hat der da gemacht? Sonderbare Brautwerbung. Aber keine Chance für den Jägersmann mit dem erlegten Rehlein im Rucksack. Daland bringt den Holländer mit. Für Senta, die große und die kleine, der Traum. Vielleicht auch, weil er mit seinem Bart und seinem wirren Haar ein bisschen aussieht wie Karl Marx, der einst erkannte, dass die Welt auf dem Kopf steht und endlich wieder einmal alles umgekrempelt werden muss.

Am Ende wird das Totenbett zum Traualtar, Senta steht mit Tierkopf-Traumgefolge a là Max Ernst unterm brennenden Höllentor und lässt sich nicht beeindrucken von Bräutigam Eriks Beschwörung der vergangenen Zeiten. Der Holländer hört zu, versteht alles falsch, die Frist ist um, er geht zurück aufs Meer und Senta endlich ihrer Wege, das Kind trägt ihr den Koffer hinterher. Kein Sprung von der Klippe ins Meer, keine Himmelfahrt der Erlösten, wie es Wagner wollte. Keine verkaufte Braut, kein erlöster Holländer. "Johohe! Johohoe! Hoe! Huissa!"

Eine szenische Deutung, die mit ihren schon arrogant anmutenden Überzeichnungen den erwarteten Widerspruch provoziert. Wie produktiv das ist, wird sich zeigen. Die Frist für diesen Holländer wird hoffentlich nicht sieben Jahre währen.

Kein Widerspruch hingegen, was die musikalische Seite dieser Premiere angeht. Das große Glück des Abends steigt auf aus der Tiefe des Orchestergrabens. Hier spielt das Drama, hier entstehen die phantastischen Klangbilder, hier toben die Stürme, hier schlagen die Herzen der einsamen, unerlösten Menschen dieses Seelendramas. Hier treffen in der Musik Wagners die zarten Regungen der Sehnsüchte auf die schroffen, kantigen Zwänge gefühlloser Arbeits- oder Anpassungswelten, und mittendrin drei Menschen, Senta, Erik und der Holländer wie in einem falschen Film.

Dies verdanken wir den Mitgliedern der Sächsischen Staatskapelle, die so wunderbar facettenreich diese tragische Ballade zum Klingen und Stürmen bringen. Und wir verdanken es dem so umsichtigen wie sensiblen Dirigenten Constantin Trinks. Er weiß, wann er mit diesem Orchester die Klangdimensionen bis zum Äußersten aufbrausen lassen kann, dass es möglich ist, den konzentrierten Klang bis an die Grenze zur Stille, zum Verlöschen zu führen und dem Ensemble der Sänger und des Chores beste Chancen ihrer Möglichkeiten zu geben. Musikalisch ein großer Abend für die Damen und Herren des Chores der Sächsischen Staatsoper und dem Vokalensemble der Theodore Gouvy Gesellschaft e.V. als Mannschaft des Holländers. Viel Zustimmung des Publikums für die Solisten, Markus Marquardt in der Titelpartie, Georg Zeppenfeld als Daland, Will Hartmann als Jäger Erik auf verlorenem Posten, der für den erkrankten Tenor Wookyung Kim eingesprungen ist, Simeon Esper als Steuermann und Tichina Vaughn als Mary. Marjorie Owens als Senta aber, deren Motive ja schon in der Ouvertüre anklingen, überzeugt dann als stimmlicher Mittelpunkt des Abends. Da bekommen Kraft und Widerstand, Verzweiflung und Hoffnung, die zarte Berührung und der Ausbruch der Verzweiflung überzeugende, klangliche Dimensionen dramatischer Gesangskunst.

weitere Aufführungen: 19., 28.6.; 1., 7.7.; ab 28.8. in der nächsten Saison

www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.06.2013

Boris Michael Gruhl

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