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Die Orgel im Konzertsaal des Dresdner Kulturpalastes entsteht als Werk vieler Spender

Feines Gehör Die Orgel im Konzertsaal des Dresdner Kulturpalastes entsteht als Werk vieler Spender

Wertvolle Instrumente zu besorgen, haben die Mitglieder des Fördervereins der Dresdner Philharmonie von jeher als eine ihrer vornehmsten Aufgaben betrachtet. Dass es eines Tages aber eine große Konzertorgel sein würde, daran hat Geschäftsführer Lutz Kittelmann nie gedacht.

Intonateur Gregor Hieke (l.) erklärt Philharmonie-Intendantin Frauke Roth und Lutz Kittelmann vom Förderverein die Arbeiten an den Orgelpfeifen.

Quelle: D. Flechtner

Bautzen/Dresden. Wertvolle Instrumente zu besorgen, haben die Mitglieder des Fördervereins der Dresdner Philharmonie von jeher als eine ihrer vornehmsten Aufgaben betrachtet. Dass es eines Tages aber eine große Konzertorgel sein würde, daran hat Geschäftsführer Lutz Kittelmann nie gedacht. Wie selbstverständlich hatte der 75-Jährige angenommen, der neue Konzertsaal im Kulturpalast werde eine Orgel haben.

Schließlich gab es auch vorher eine. Ein Instrument der Dresdner Firma Jehmlich, gebaut 1970, ein Jahr nach der Eröffnung des Hauses. Auf einem fahrbaren Untersatz konnte man sie bei Bedarf in den Saal rollen, ansonsten parkte sie in einem Nebenraum.

„2011 hörte ich eher zufällig, eine Orgel stehe überhaupt nicht im Bauplan“, erinnert sich Kittelmann. Für ihn ganz und gar keine Nebensache: „Ein Saal von internationalem Rang - und keine Orgel. Das wäre eine Steilvorlage für die Gegner des Umbaus gewesen.“

Auch von Versicherungen, solch ein Instrument könne man doch auch später einbauen, ließ er sich nicht beruhigen. „Dazu bin ich zu alt“, entgegnete er. „Nein, der Saal braucht eine Orgel. Wenn keiner will, übernehmen eben wir das.“

2012 beschloss der Stadtrat den Umbau des Kulturpalastes - mit Orgel. Sollte es dem Förderverein gelingen, eine Million Euro an Spenden zu sammeln, würde die Stadt 300.000 Euro dazulegen, lautete die Vereinbarung.

150.000 Euro hatte der Förderverein bereits aus einer vorangegangenen Initiative. Er schrieb Patenschaften aus und organisierte Benefizkonzerte. Peter Schreier dirigierte noch einmal. Die in der ganzen Welt verstreute Familie von George Gerard Arnhold, des 2010 verstorbenen Fördervereins-Präsidenten, traf sich zu einem großen Familienfest und brachte im folgenden halben Jahr rund 400.000 Euro zusammen. „Wenn man etwas wagt, das Risiko nicht scheut, dran bleibt, kommt immer ein Quäntchen Glück dazu.“ - um diese Erfahrung ist Lutz Kittelmann nun reicher.

Den Tag, an dem die Million erreicht wurde, wird er nicht vergessen: Heiligabend 2015. Tags zuvor, alle verabschiedeten sich in den Urlaub, hatten noch 750 Euro gefehlt. Am 24. Dezember fand Kittelmann ein Schreiben im Briefkasten. Eine Firma löste ihr vorher gegebenes Versprechen einer Spende ein - als Weihnachtsgeschenk: etwas mehr als der fehlende Betrag. „Etwa die Hälfte der Spenden kommt aus Dresden“, sagt Kittelmann.

Nun hat Anne-Christin Eule, die sich die Aufgabe der Geschäftsführung in der 1872 gegründeten Bautzner Orgelbaufirma Hermann Eule mit ihrem Mann Dirk teilt, Planungssicherheit. Sie breitet große Zeichnungen aus. Auf dem Papier steht die Orgel bereits. Im Sommer sind alle Pfeifen, wie üblich teils aus Zinn-Blei-Legierung, teils aus Holz, dazu Windkanäle, Holzteile und die vielen Einzelteile aus unterschiedlichen Materialien in der Werkstatt gefertigt und zusammengefügt worden.

Die Feinarbeiten hat Gregor Hieke übernommen. Der 52-Jährige, Orgelbauer seit 1985, ist der Mann mit dem besonders feinen Gehör - der Intonateur. Latexhandschuhe wie ein Chirurg an den Händen, steht er in seiner Werkstatt vor einem der insgesamt 56 Register der Dresdner Orgel. Seine Arbeit sei eine Mischung aus Künstlerischem und klarer Planung, erläutert er.

Wie die Pfeifen klingen, wenn er den Wind hineinschickt - so nennt man den Luftstrom -, könnte auch einer mit gutem Ohr wahrnehmen. Hieke indes braucht außerdem eine Portion akustische Phantasie.

Zuvor hat er sich den künftigen Konzertsaal in Größe und Gestaltung genau angesehen. „Meine Aufgabe ist zunächst, den Raum zu begreifen.“ Einen guten Vergleich hat er zumindest: Das Gewandhaus in Leipzig. „Die Planung ist gar nicht so weit davon entfernt.“ Und den Aufstellungsort hält er für außerordentlich günstig: „Die Klangabstrahlung wird besser sein als bei den meisten anderen Orgeln.“

Eine „sinfonische Orgel“ soll es werden. „Sie ist orchestralem Klang nachempfunden“, erläutert Hieke. Mehr rund, weich soll sie klingen, „nicht so spitz barock“. Hingegen stärker und lauter als eine Barockorgel. „Das geht in die Breite und hat Kraft.“

Ein Universal-Instrument für die gesamte Literatur indes wird es nicht, betont Lutz Kittelmann. „Sie wird das, was es in Dresden noch nicht gibt - eben etwas ganz Besonderes.“ Sinfonische Werke könne man auf ihr spielen, auch gemeinsam mit der Philharmonie.

„Sie ist dann gut, wenn man die Übergänge von Orgel zu Orchester nicht hört“, sagt Gregor Hieke. Er weitet den Stimmschlitz einer Pfeife um eine Winzigkeit mit dem Skalpell, setzt die Pfeife ein, drückt eine Taste und lauscht. Aber der Klang unmittelbar davor ist eben nicht das Eigentliche. „Ich muss mir dabei den Saal in meinem Rücken vorstellen.“

Ein Orgelton ist nichts hundert Prozent Reines, sondern etwas Natürliches. „Das rauscht, spuckt, kratzt und zischelt.“ Reduzieren muss er diese Geräusche, aber nicht zum Verschwinden bringen. „Daran erkennt man die Klangfarbe.“ So verleiht er jeder der mehr als 3800 Pfeifen nicht nur den rechten Ton, sondern auch Charakter. Eine Besonderheit soll das so genannte „Erzähler-Register“ werden. Das haben sie zum ersten Mal in ihre Orgel für die Konstantin-Basilika in Trier eingebaut. Eine Seltenheit: „Im Klang äußerst sanft, regelrecht in sich gekehrt.“

In der Werkstatt legt Gregor Hieke für all dies die Grundlagen. Den letzten Feinschliff erhalten die Töne, wenn die Orgel im Konzertsaal eingebaut ist. Von April bis August 2017 wird der Intonateur - in Etappen - dafür Zeit bekommen.

Philharmonie-Intendantin Frauke Roth hat auch erst lernen müssen, dass das nicht zu viel an Zeit ist: „Der Prozess der Intonierung von mehreren tausend Pfeifen dauert eben lange.“ Sie freut sich schon auf den Beginn der Konzertsaison 2017/18. „Zur Reihe der Kirchenorgeln bekommen wir in Dresden dann eine exponierte Konzertorgel.“ Eine bedeutende Erweiterung für die Musiker und für das Konzertpublikum.

Von Tomas Gärtner

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