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Die Oper "Treemonisha" als choreografische Dresdner Hochschulproduktion

Die Oper "Treemonisha" als choreografische Dresdner Hochschulproduktion

Man erwartet sie immer mit Spannung, die Musiktheaterproduktionen der Dresdner Hochschule für Musik, nicht zuletzt wegen der Kooperationen, wenn angehende Tänzerinnen und Tänzer der Palucca Hochschule hinzukommen, Studierende der Hochschule für Bildende Künste für Ausstattung und Kostüme verantwortlich zeichnen.

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Viel Neuland für alle Beteiligten: ein szenischer Probeneindruck von "Treemonisha".

Quelle: PR/ Palucca@Ian Whalen

Im Hinblick auf die aktuelle Premiere, am morgigen Sonnabend im Kleinen Haus im Rahmen der Tanzwoche, kommt noch ein besonderer Akzent hinzu. Als deutsche Erstaufführung und dazu in völlig neuer Instrumentierung sowie einer heutigen Ansprüchen gemäßen Textfassung kommt Scott Joplins Oper "Treemonisha" zu Aufführung, in mancherlei Hinsicht eigentlich zur Uraufführung.

Den 1886 geborenen amerikanischen Komponisten bringt man bestenfalls mit Ragtime-Musik in Verbindung, seine Evergreens "Maple Leaf Rag" oder "The Entertainer" dürften vielen bekannt sein, der Name ihres Schöpfers hingegen weniger. Scott Joplins Musik erklingt auch in dem Film "Der Clou", jener wunderbaren Gaunerkomödie von 1973 mit Paul Newman und Robert Redford, für die es sieben Oscars gab. Seine Oper "Treemonisha" ist kein heiteres Werk. Es ist ein persönliches Werk, denn wenn es hier um das Schicksal der jungen schwarzen Titelheldin geht, die von Weißen erzogenen wurde und Bildung gegen Aberglauben setzt, womit sie erbitterten Widerstand provoziert, dann muss man bedenken, dass Joplins Vater zur Welt kam, als die Sklaverei gerade abgeschafft war und ihm somit der Zugang zur Ausbildung seiner musikalischen Begabung überhaupt erst möglich wurde.

Eine richtige Aufführung seiner letzten Oper hat er nie erlebt. Bei einem Brand ging die Partitur verloren, eine Aufführung mit Klavier geriet zum Desaster, in psychischer Erkrankung ist Scott Joplin 1917 gestorben. Alle Versuche, das Werk in neuer Instrumentierung bühnenfähig zu machen, sind bislang nicht erfolgreich gewesen.

Mit der deutschen Erstaufführung in Dresden wird der Versuch unternommen, dem Werk eine neue Fassung und damit eine neue Chance zu geben. Für den in Dresden lebenden Choreografen Massimo Gerardi, der auch als Regisseur arbeitet, hieß es auch, die Handlung zu bearbeiten und eine neue Textfassung zu erstellen. Für ihn gilt es, moderne Formen der Sklaverei und moderne Formen des Aberglaubens anhand dieser Geschichte einer Emanzipation darzustellen. So wird es Schauplätze menschenunwürdiger Arbeitssituationen bei der Fertigung von Massenprodukten geben, Werbekampagnen, die in Abhängigkeiten führen, denen des Aberglaubens nicht unähnlich.

Eine Herausforderung für die Studentinnen Anna Brotanková und Sarah Hoemske. Letztere erläutert im Gespräch zur zweiten Bühnen- und Orchesterprobe, dass es auf der von ihnen entworfenen Bühne darum gehe, die Mechanismen moderner Sklaverei sichtbar zu machen. Daher die Teilung in eine obere Spielfläche und eine untere, auf der jene moderne Sklaverei Menschen an Fließbändern einpfercht. Das ganze haben die Studentinnen in die Kälte einer großstädtischen Atmosphäre verlegt, dazu gehört jene technische Ästhetik, wie sie der Blick auf die nicht verdeckte Technik der Bühne vermittelt.

Sarah Hoemske, im fünften und letzten Studienjahr der Hochschule für bildende Künste, macht hier wesentliche Erfahrungen für ihre künstlerische Zukunft, bei der sie sich aber eher den Experimenten freier Produktionen als denen an Stadt- oder Staatstheatern widmen möchte.

So weit denkt Jelena Josic aus Belgrad noch nicht. Für die junge Sopranistin hat an der Dresdner Hochschule des erste Jahr des Masterstudiums begonnen. Sie ist eine der beiden Titelheldinnen. Diese Partie in ihrer ganz anderen Stilistik ist für sie eine große Herausforderung. Zudem schätzt sie den Charakter Treemonishas. Sie ist ein bewusst handelndes Mädchen, aufmerksam und wach, und deshalb begreift sie Hinblick auf jene Gefahren des modernen Aberglaubens: Stopp, da muss sich etwas ändern! Wir brauchen Visionen. Die Kunst, die Musik können dazu anregen, nicht aufzuhören, den modernen Formen der Sklaverei den Kampf anzusagen.

Als Regisseur gibt Massimo Gerardi sein Debüt, als Tänzer und Choreograf hat er sich längst einen Namen gemacht. Es verwundert nicht, dass er den Sängerinnen und Sängern Tänzerinnen und Tänzer gegenüber stellt oder in kunstvoll überhöhten Formen des körperlichen Ausdrucks die Vielschichtigkeit der Emotionen vermitteln will, die durch die Musik ausgelöst werden können. Mitunter werden die Tänzer so etwas wie die Rolle des kommentierenden Chores im antiken Theater übernehmen.

Zu den 19 Tänzerinnen gehören auch Swane Kupper und Felix Berning, im ersten Jahr der Bachelorausbildung an der Palucca Hochschule. Beide haben am Gymnasium in Essen-Verden Tanz als Leistungskurs gewählt und damit Voraussetzungen für das Studium in Dresden erworben. Jetzt bewegen sie sich in dieser getanzten Opernproduktion auf totalem Neuland. Aber das machen sie mit vollem Engagement, gilt es doch, die Möglichkeiten des körperlichen Ausdrucks zu erkunden, sei es in der kommentierenden Gruppe, im Solo oder im Duo. Mit dem Tanz, da sind sie sich total einig, lässt sich für die Zuschauer gut vermitteln, dass es immer eine Möglichkeit gebe, das nötige Maß an Freiheit zu finden, zur Not zu erkämpfen oder eben zu ertanzen.

Sie könnten es nicht, gäbe es nicht die Musik, und hier geht es nicht nur um jene für Scott Joplin so bekannten Rhythmen des Ragtime. Anhand des erhaltenen Klavierauszuges lässt sich nachweisen, dass der Komponist innovativ gearbeitet hat, wenn es galt, Einflüsse europäischer Musik wie von Wagner oder Tschaikowski zu verwenden. Damit haben sich Keno Hankel, Felix Klingner und Florian Baum aus der Klasse von Prof. Thomas Zoller der Hochschule für Musik intensiv beschäftigt. Von ihnen stammt jene neue Partitur, die einmal dem Anliegen des Komponisten verpflichtet bleibt, zum anderen aber auch entsprechend der Konzeption dieser Aufführung dazu anregt, eigene Klangvorstellungen zu entwickeln. Das war für den aus Bad Belzig kommenden Florian Baum aus dem vierten Studienjahr die bislang größte Herausforderung und Höhepunkt der Ausbildung. Harmonien waren in der neuen Instrumentierung zu entwickeln, die gemäß dem Regiekonzept mit heutigen Klangvorstellungen korrespondieren. So sind auch eigene kompositorische Anteile hinzu gekommen für die 34 Musiker des Hochschulorchesters. Im Grunde ein Symphonieorchester, zu dem drei Saxofone kommen, großes Schlagwerk und die für den Jazz hier typischen Varianten. Für Florian Baum bieten sich Vergleiche mit symphonischer Filmmusik an. Er ist ebenso wie seine Kommilitonen gespannt im Hinblick auf das erste "richtige" Klangerlebnis dieser "eigenen" Komposition.

Etwas davon lässt sich schon vernehmen in der Probe mit Professor Franz Brochhagen, der die musikalische Leitung hat. Er ist im Gespräch auch der Meinung, dass man im Hinblick auf die Arbeit der Studenten nicht davon sprechen kann, sie hätten "nur" instrumentiert. Sie haben für ihn eine eigene Komposition entwickelt, ihre eigenen Handschriften eingebracht, aber dennoch das Original nicht beschädigt. Das soll hörbar werden, jene rhythmische Klarheit der Musik oder die emotionalen, dabei immer dem Anliegen der Handlung und der Bewegung verpflichteten Passagen. Die neue Partitur, für deren Uraufführung Franz Brochhagen sich im Probenprozess einsetzt, könnte eine Chance sein, ein vergessenes Werk dem Publikum nahe zu bringen. Dass es wirklich so kommt, machen erste Höreindrücke auf der Probe ebenso deutlich wie das Zusammenspiel aus Musik, Tanz und Gesang in der speziellen bildnerischen Gestaltung, Choreografie und Regie.

Premiere: Sonnabend, 19.30 Uhr, Kleines Haus, Staatsschauspiel Dresden

weitere Aufführungen: 26., 30.4.; 1., 21., 27., 28.5.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.04.2015

Boris Gruhl

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