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Die Nagelprobe: An der Adresse Lößnitzstraße 14 wird sich zeigen, wie sich Dresden zu seinen Künstlern positioniert

Die Nagelprobe: An der Adresse Lößnitzstraße 14 wird sich zeigen, wie sich Dresden zu seinen Künstlern positioniert

Die Schranke liegt da wie ein steifes Tier. Ihre Tage aber sind gezählt, so oder so. Egal, welche Umbaupläne hier umgesetzt werden, auf dem Noch-Drewag-Gelände zwischen Lößnitz- und Friedensstraße: Die Schranke wird weichen.

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Der Kiez wird neu, sein Charakter soll bleiben. Das haben sich Philip Modest Schambelan, Michal Banisch, Kristian Andresen (alle drei ruestungsschmie.de) und Holger John auf die Fahnen geschrieben (v.l.).

Quelle: Dietrich Flechtner

Müssen.

Bestens, möchte man meinen. Wieder ein Stück Stadt, das seiner Modernisierung entgegensieht. Doch so einfach liegen die Dinge nicht beim rund vier Hektar großen Areal im sogenannten Südlichen Hecht, dessen Adresse seine Bewohner generell mit Lößnitzstraße 14 angeben. Die Stadt will das Geviert entwickeln, das Stadtplanungsamt formulierte im September 2011 in der Aufgabenstellung: "Auf längere Sicht sind die Revitalisierung und Entwicklung des Areals zu einem integrierten Standort für Arbeiten und Wohnen und damit die Stärkung des so genannten Scheunenhofviertels vorgesehen."

Dresden fehlen einerseits generell gewerbliche Baubrachen, die als Atelier- oder Off-Space-Fläche genutzt werden könnten...

Mit der Entwicklung des von ihnen zwischengenutzten Gebietes haben viele der angesiedelten Künstler und Kreativen auch kein Problem. Beim Wort "Revitalisierung" werden die Köpfe jedoch bedenklich geschüttelt. "Das hier ist schon jetzt ein äußerst vitaler Flecken", sagt Micha Banisch vom dort ansässigen Architekturbüro ruestungsschmie.de. Die Zahlen geben ihm Recht: Die Drewag hat gut 120 Mieter auf dem Gelände eines ehemaligen Gaswerks, etwa 80 davon zählen zur Kreativwirtschaft, bildende Künstler inklusive. "Und weitere 100 Leute stehen auf einer Warteliste und fragen regelmäßig nach, ob sie hier irgendwo etwas Fläche bekommen können", erzählt Philip Modest Schambelan, ebenfalls von der ruestungsschmie.de. Die Statistik flankiert das: Unter den Mietern sind mehr als 60 meist kleine Unternehmen aus über 40 Branchen. Das alles klingt sehr lebendig.

Um die Bedeutung dieses Streifens für die Dresdner Ateliersituation zu zeigen, ein kleiner Exkurs: Der Wegfall von Atelierflächen, Off Spaces, künstlerischen und kulturellen Projektflächen allgemein ist in einer Stadt, die diesbezüglich nicht auf Rosen gebettet ist (da sieht's in Leipzig immer noch klar besser aus), in jüngster Zeit noch heftiger geworden: Adam Ziege (Louisenstraße, schließt im Mai), Freiraum Elbtal (Leipziger Straße, schließt im Juni), zuvor bereits der Projektraum Stauffenbergallee 11 und nicht zuletzt das friedrichstadtZentral (das zumindest in Pieschen einen neuen Standort fand). Dazu kommen die Kulturfabrik Krautwald in Pieschen und die "Carola-Perle", die ehemalige Pädagogische Hochschule, die jeweils als Kunst- und Atelierräume zwischengenutzt wurden. Beide Gebäude sind mittlerweile abgerissen.

Dresden fehlen einerseits generell gewerbliche Baubrachen, die als Atelier- oder Off-Space-Fläche genutzt werden könnten. Ein Spinnereigelände wie in Leipzig lässt sich eben nicht per Wunschzettel herbeischaffen. Umso wichtiger sind, andererseits, die wenigen architektonischen Bestände wie die Lößnitzstraße 14 und ihre entsprechende Nutzung, wo - im Sinne derer, die das Gelände bis jetzt sehr gut mit Leben erfüllen - nicht die umfangreich dokumentierten Fehler gentrifizierter Stadtteilentwicklungen wiederholt werden sollten.

Die Bewohner der Lößnitzstraße 14 sind dabei, das ist zu unterstreichen, keine "Dagegen!"-Fraktion im Stil einer Kiez-Guerilla, im Gegenteil. Sie begrüßen, dass etwas geschehen soll, haben sich mittlerweile als Verein LÖ14 zusammengetan, loben sogar die Drewag: "Wir rechnen das hoch an, dass man uns über den geplanten Umbau informiert hat. Anderswo passiert sowas nicht", sagt Kristian Andresen von der ruestungsschmie.de. Er will mit seinen Mistreitern eigene (Bebauungs-)Pläne einbringen, die mit grundlegenden Vorgaben der Stadt, was auf dem Gelände entstehen soll - wie zum Beispiel eine Grundschule -, konform gehen. Einer der wichtigsten Unterschiede zum bisher existierenden Konzept der Architekten und Stadtplaner des Büros h.e.i.z.Haus aber ist der Erhalt und sogar der Ausbau der vorhandenen Atelierflächen. Zudem soll außer hochpreisigen Wohnungen auch noch preiswerterer Wohnraum entstehen.

...Umso wichtiger sind, andererseits, die wenigen architektonischen Bestände wie die Lößnitzstraße 14 und ihre entsprechende Nutzung

Die Zeichen stehen in diesem Fall recht gut: auf Kommunikation. Ein erstes Gespräch mit dem Stadtplanungsamt und der Drewag hat es dieser Tage bereits gegeben. "Es war wirklich konstruktiv", fasst Christin Ehresmann, verantwortlich für die Drewag-Liegenschaften, das Ergebnis zusammen. Sowohl Amt als auch Drewag wollen die Ideen der ruestungsschmie.de einfließen lassen. "Es gibt große Berührungspunkte", fügt Ehresmann an. Vier maßgebliche Gebäude des Geländes stehen zum Verkauf, der Verkehrswert sei von einem Gutachter festgestellt worden, sagt sie. Die Summe möchte sie noch nicht nennen. "Es gibt aber Interessenten aus der jetzigen Mieterschaft."

Für Andresen und seine Kollegen ist das Ganze jedenfalls ein erster Erfolg. Am Freitag sei fristgerecht beim Stadtplanungsamt das eigene Bebauungskonzept eingereicht worden, erzählt er. Nun mahlen die Mühlen der öffentlichen Verwaltung. Gutachten werden eingeholt, ein Rechtsplan erstellt, Baufelder markiert. Danach wird das Ergebnis öffentlich vorgestellt, erst dann gibt es einen Planbeschluss. "Es wird also alles noch ein bisschen dauern", resümiert Andresen. Zumindest gibt es erst einmal den berühmten Silberstreif.

Hinter all dem aber steht die Verantwortung der Kommune. Die jahrelang wiederholt kurz aufgeflammte Diskussion über ein Atelierhaus in Dresden wurde immer schon mit dem simplen Verweis auf fehlende Immobilien beendet, bevor sie recht begonnen hatte. Dieser Verweis ist richtig und verständlich. Aber er reicht nicht aus. Dass es Leipzig von der Infrastruktur besser hat, ist nicht der einzige Grund für den Vorteil, den die Künstler an der Pleiße, gemessen mit Dresden, immer noch haben. Trotz einer mittlerweile auch in Leipzig verschärften Immobiliensituation und der Schließung zweier Kunstfabriken Ende 2012 stellte sich das dortige Kulturamt klar an die Seite der Künstler und versucht, ein Atelierhaus einzurichten und so die Abwanderung der Betroffenen zu verhindern. In Dresden? Fehlanzeige, wohlgemerkt mit der schon erwähnten Ausnahme des friedrichstadtZentral. Aber das reicht hinten und vorn nicht.

Auf der Lößnitzstraße finden Künstler wie Holger John, Tilman Hornig oder Philipp Gloger ihr Domizil. Hornig hat bereits durchblicken lassen, den Weggang aus Dresden ins Auge zu fassen, falls die Ateliers auf der Lößnitzstraße der ungebremsten Stadtentwicklung zum Opfer fallen würden. O-Ton Hornig: "Viele schimpfen, weil sie demnächst aus den Drewag-Ateliers ausziehen müssen, aber ich finde, sie sollen froh sein, dass sie überhaupt eins hatten dort. In der Stadt gibt es ja sonst nichts. Auch keine Förderung wie in Berlin das Atelierprogramm des Senats. Sobald das Drewag-Gelände wegfällt, suche ich in Dresden auch kein neues mehr, sondern gehe woanders hin." Es wäre ein programmierter Aderlass, der Weggang genau jener Künstler, die für massive Bewegung in Dresden sorgen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.05.2013

Torsten Klaus

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