Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 7 ° Regen

Navigation:
Google+
Die Menschen, die gingen - Ausstellung mit Fotos von Martin Hertrampf im Militärhistorischen Museum Dresden

Die Menschen, die gingen - Ausstellung mit Fotos von Martin Hertrampf im Militärhistorischen Museum Dresden

Es gehört Iwanuschka, dem russischen Bauernjungen aus der uralten Sage. Es spreizt seine magischen Schwingen. Doch woher kommt es, und wohin will es fliegen? In Iwanuschkas Heimat würde man fragen: Otkuda? Kuda? Es ist ein harmloses Kinderbild, gemalt auf eine Kasernenmauer in Dresden-Klotzsche, das Fotokünstler Martin Hertrampf dazu bestimmt hat, die Ausstellung, die eben jene stumme Frage nach dem Woher und dem Wohin im Namen trägt und die heute im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr eröffnet, einzuleiten.

Am Anfang steht das Pferd.

Bilder vom Abzug der russischen Streitkräfte aus Sachsen will sie zeigen, eines Politikums erster Kategorie: Reden mussten am 19. August 1992 bei der offiziellen Verabschiedung der 1. Gardepanzerarmee aus Dresden unterbrochen werden, weil sich darin Wut und Ohnmacht der ehemals Besetzten allzu stark entluden.

Und doch ist das Erste, was der Besucher erblickt, dieses Märchenbild, ganz als wolle der Künstler nicht überfordern. "Das Bild schafft einen Kontrast und verhindert, dass die Gäste frontal auf das Thema Besatzung zusteuern", erklärt der studierte Fotograf und Theologe, der zwischen 1985 und 1995 mit seiner Kamera durch die sprichwörtlich in Auflösung begriffenen Dresdner Kasernen zog und ablichtete, was Botschaften aussandte. Die omnipräsenten Verbots- und Warnschilder, Soldaten und Offiziere, militärisches Gerät, verfallende Baracken... Da spielen Kinder vor Plattenbauten, davor eine Kolonne Stahlcontainer - zehn Kubikmeter für jede Familie, ein Heim zu verstauen. Die Frage nach dem Wohin, auf die damals viele von ihnen keine Antwort parat hatten, sieht man nicht auf den lachenden Kindsgesichtern, sie steht aber doch schweigend im Raum.

Die eigene Kindheit in den 70ern hat den jungen Hertrampf (Jahrgang 1964) stark geprägt. Schönfelder Idylle und eine kleine Sowjetkaserne mit Funkstation. "Die Soldaten mochten uns Kinder, und auch wir, die wir sonst nur die offiziellen Verlautbarungen zu den Sowjets kannten, entwickelten Sympathie", so der Fotograf. Und so ging es Hertrampf bei seinen späteren Fototouren weniger um die reine Dokumentation des Abzuges, denn um das Wesen der Menschen, ihre Kultur, ihre Stimmungen.

Anfangs schleicht er durch offene Hintertüren auf die Militärgelände. 1990 wird er erwischt, verhaftet und von der Armee stundenlang verhört - "ein Schlüsselereignis", wie Hertrampf heute sagt. Danach klopft er an, fragt - und trifft auf Wohlwollen bei Soldaten und Misstrauen bei Offizieren. Hertrampf lässt sich vom Zeitgeist treiben. In den Bildern, die so entstehen, spiegeln sich die Veränderungen, die er mit sich brachte: Die Bewachung der Anlagen wird lockerer, die Mienen der Menschen werden sorgenvoller.

Schon 1992 stellte das Militärhistorische Museum einige von Hertrampfs Bildern aus, zu einer Zeit, in der sich kaum jemand für den Truppenabzug interessierte. Für die aktuelle Schau aus Anlass des 20. Jahrestages hat er seine rund 1000 Filme umfassenden Archive durchforstet und unveröffentlichtes Material bereit gestellt. Großformatig hängen die Schwarz-Weiß-Werke auf weißem Grund. Manchmal ist es einfach nur ein Schriftzug auf einer Wand, mal überfrachtete sowjetische Siegesikonografie. "Es steckt viel Ungesagtes in den Bildern", so Kuratorin Katja Protte, die Hertrampf bei Recherchen zu einer geplanten Ausstellung über die Albertstadt sprichwörtlich wiederentdeckte. "Er nähert sich dem Thema mit einem ganz besonderen Blick, mal komisch, mal ernsthaft und immer getragen von der Sympathie für die Menschen und ihre Kultur."

Hertrampf ist fasziniert vom Wesen der Erinnerung. Er hegt Bewunderung für den Dresdner Schriftsteller und Büchnerpreisträger Durs Grünbein, der in Hellerau ebenfalls in direkter Nachbarschaft zu den Kasernen aufwuchs und in vielbeachteten Werken seine Erfahrungen beschrieb. Und so ist es kein Zufall, dass Hertrampf ausgerechnet Grünbein bittet, die Bilder um die Aussagekraft des geschriebenen Wortes zu bereichern. Der Autor zeigt sich fasziniert, steuert eigens zwei Texte zur Ausstellung bei. Das Gedicht "Rauchen verboten" schreibt Grünbein mit dem Bild einer Hellerauer Kasernenmauer vor Augen, darauf in riesigen Lettern: "Nje Kurit!" (Nicht Rauchen!). Hier wurde er einst von einem Sowjetsoldaten beim Rauchen erwischt und auf das Verbot hingewiesen. Ironie des Schicksals: Just jene Mauer findet Hertrampf in seinen Archiven wieder, festgehalten im Bild zu Beginn der 90er. In "Die Russen vor Dresden", einem längeren Text, der nur im ausstellungsbegleitenden Katalog (15 Euro) zu finden ist, lässt Grünbein humorvoll und doch eindrücklich Erinnerungen und Klischees rings um die Präsenz der "Russen" in Dresden aufleben, von der anfänglichen Barbarei, über Papirossy (Zigaretten) bis zu bösen Witzen über "Russensex".

Martin Hertrampfs Bilder schaffen heute das, was 50 Jahre unmittelbarer Nachbarschaft mit den Sowjets nur selten gelang: Berührungspunkte herzustellen - und zu berühren. Sie blicken Menschen und Mythen ins Gesicht, erzählen, ohne zu werten.

bis 4.12., Militärhistorisches Museum, Do.-Di. 10-18, Mo. bis 21 Uhr. Mi. geschlossen. Eintritt: 5, erm. 3 Euro, Mo. ab 18 Uhr frei.

19.11.: Lesung mit Durs Grünbein

Dieser Geschichte ist nur mit einem vehementen Keil beizukommen - im neuen Militärhistorischen Museum ist er zu besichtigen und ebenso das, wofür er steht: ein neues, kritisch-vielschichtiges Bild von deutscher Militärgeschichte. Das Ereignis war den Dresdner Heften Grund genug, die lang schon vergriffene Ausgabe über die Albertstadt in stark veränderter Fassung (die Hälfte der Texte sind neu) wieder vorzulegen - nunmehr mit Texten über die Entwicklung der Garnison im "Dritten Reich", der "Russenzeit" nach 1945 wie der Gegenwart. Behandelt werden ebenso die nahezu abgeschlossene denkmalpflegerische Sanierung des riesigen Areals und das Konzept des Museums.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.09.2012

Jane Jannke

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr

  • Semperopernball
    Semperopernball

    Alle Infos, alle Highlights, die schönsten Bilder - der Semperopernball in Dresden. mehr

  • 13. Februar

    Ob Gedenken, Täterspuren oder Menschenkette: Alle Infos finden sie in unserem Special zum 13. Februar in Dresden mehr

  • Onlineabo

    "DNN-Exklusiv" heißt das Online-Premiumangebot der Dresdner Neuesten Nachrichten, dass Sie überall und rund um die Uhr nutzen können - zu... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die DNN in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten DNN das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr