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Die Literaturzeitschrift „Matrix“ lässt Autoren das „andere Dresden“ präsentieren

Kontraste, Unbehagen, Analysen Die Literaturzeitschrift „Matrix“ lässt Autoren das „andere Dresden“ präsentieren

Was ist los da bei euch in Dresden? Viele fern der Stadt wüssten’s gern genauer. Können Schriftsteller, Künstler sie womöglich besser unterrichten als andere, Journalisten zumal? „Matrix“, eine Zeitschrift für Literatur und Kunst, unternimmt den Versuch.

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Matrix, Nr. 1/2016. POP-Verlag Ludwigsburg

Dresden.  Was ist los da bei euch in Dresden? Viele fern der Stadt wüssten’s gern genauer. Können Schriftsteller, Künstler sie womöglich besser unterrichten als andere, Journalisten zumal? „Matrix“, eine Zeitschrift für Literatur und Kunst, sie erscheint alle Vierteljahre im POP-Verlag in Ludwigsburg, unternimmt den Versuch in ihrer jüngsten Ausgabe; mit einer Art Anthologie: 28 Schriftsteller, Publizisten, Künstler äußern sich unter der Überschrift „Das andere Dresden. Literaturalltag im Elbflorenz“ mehr oder minder direkt über die Stadt, einige davon zum gegenwärtigen Zustand.

In Teilen bietet sich eine Situationsanalyse, eine vielstimmige, bruchstückhaft wenigstens. Über 200 Seiten räumt die Zeitschrift ein, da ist naturgemäß nicht alles von Belang. Der sorbische Dichter Benedikt Dyrlich hat dabei die redaktionellen Fäden in der Hand gehabt. Verbunden mit Dresden ist er über seine Mutter, die von 1937 an für acht Jahre als Dienstmädchen den Haushalt in einer Bürgerwohnung besorgte.

Einer der umfassendsten und scharfzüngigsten Texte eröffnet das Ganze: Michael Bartsch, Journalist (auch für diese Zeitung) und Schriftsteller, vor 44 Jahren aus Erfurt an die Elbe gekommen, zeichnet ein zerrissenes Bild der Stadt mit grotesken Kontrasten. Ihren Bewohnern attestiert er fehlende Neigung zur Selbstreflexion, „Hermetisierung und Selbstverklärung“. Das könnte immerhin ein Ansatz für eine Antwort auf die Frage sein, warum sie gerade in Dresden so ausdauernd spazieren, die Pegida-Demonstranten. Für Bartsch ist es jedenfalls kein Zufall, dass Organisator Lutz Bachmann die Parole „Dresden zeigt, wie’s geht!“ ausgab.

Ihre Stadt ist für die Dresdner die Welt. Einst war sie heil, Andere haben sie ihnen genommen. „Die Anbeter einer versunkenen Stadt, denen verwandt, die bei Pegida stabilen und überschaubaren Verhältnissen nachtrauern, kann man nur kränken. Sie repräsentieren das statische Dresden.“ Dresdner ist also nicht gleich Dresdner – immerhin ein Zugewinn an Erkenntnis.

Dichterin Gundula Sell geht’s allegorisch an, im nationalen, nicht dresdnerischen Maßstab. In ihrer Vision fliehen Menschen aus Illyrien vor Diktator Braschkovic nach Orsinien, in „das kleine, elegante Land, das sich nun nach Leibeskräften wehrte und immer noch unsere Landsleute aufnahm“, wenngleich der Ton inzwischen rauer geworden sei. Der Alptraum endet mit der Kapitulation Orsiniens und dem Sieg der illyrischen Armee des Generals Braschkovic. Darf man das als Angstvision lesen, als Erklärung dessen, was „besorgte Bürger“ auf die Straße treibt?

1920 muss es schon mal heiß hergegangen sein in der Stadt. Volker Sielaff lässt in seinem Kurzdrama „Akademie. Ein Spiel“ den Maler Oskar Kokoschka mit einem Zitat aus einem offenen Brief an die Dresdner daran erinnern. Die flehte er an, sollten sie ihre politischen Theorien, „gleichviel ob links-, rechts- oder mittelradikale“, mit dem Schießprügel austragen wollen, dies nicht vor der Gemäldegalerie des Zwingers, „sondern etwa auf den Schießplätzen der Heide abhalten zu wollen, wo menschliche Kultur nicht in Gefahr kommt“. Wollen wir nicht hoffen, dass uns Ähnliches bevorsteht. Galeristin Karin Weber preist die Liebe als wichtiges Element in Gudrun Trendafilovs Bildern, die sich zwischen den Beiträgen finden. Vertrauen, Gleichheit und offenherzige Hingabe brauche diese Liebe. Peter Gehrisch, einen gewaltigen Rundumschlag über Dresden hinaus führend, spricht in seinem Essay von generellem Unbehagen an Kunst und Literatur der Gegenwart: selbstverliebte Dichter, eine Welt von „Bombenchaos, Not und Tod“ ignorierend. Literatur? Nur noch Oberfläche, Rankenwerk, Arabesken, ohne Hintergründe. Ausweg? Verweigerung: Der Künstler könne sich nur noch hüten, „in den Rundtanz von Öffentlichkeit und Preisvergabe gezogen zu werden“.

Der beste Text steht am Ende. Jayne-Ann Igel braucht für ihre klare Analyse nur zweieinhalb Seiten. Und wir erfahren das Wesentlichste, das Beunruhigendste zum Beispiel: „die zu beobachtende stille Abkehr von einer humanistischen wie emanzipatorischen Tradition und einem entsprechenden Erbe, über das diese Stadt auch verfügt und für das diese Stadt steht“. Und sie nennt Ursachen. Eine davon seien Abstiegsängste. Nicht verwunderlich im Niedriglohnland Sachsen. Entsolidarisierungstendenzen seien unübersehbar, auch hier in Dresden.

Matrix, Nr. 1/2016. POP-Verlag Ludwigsburg. 354 S., 15,00 Euro

Von Tomas Gärtner

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